{"id":1074,"date":"2013-07-31T13:12:21","date_gmt":"2013-07-31T12:12:21","guid":{"rendered":"http:\/\/www.merle-buehrer.de\/gs\/?p=1074"},"modified":"2013-08-02T14:52:52","modified_gmt":"2013-08-02T13:52:52","slug":"sprachverfall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/2013\/07\/31\/sprachverfall\/","title":{"rendered":"Sprachverfall"},"content":{"rendered":"<p>Allerorten klagen Experten (meist \u00e4lter M\u00e4nner wie ich?) \u00fcber die Gefahren der Anglisierung unserer sch\u00f6nen deutschen Sprache. Und Recht haben sie! Dieses ganze Social-Network-Ged\u00f6ns, muss das denn sein? Was bitte ist falsch an einem Sportverein oder an der Freiwilligen Feuerwehr? Nichts! Das war gut, das ist gut, und das wird gut bleiben!<\/p>\n<p>Aber es ist ja nicht damit getan, dass die Dorfkneipen verk\u00fcmmern, weil sich die Landjugend lieber zum Binge-Drinking hinter dem Feuerwehrteich trifft, und die Buam und die Madln hektisch am Smartphone swipen anstatt adrett gekleidet am Dorfplatz zu flanieren. Daran k\u00f6nnte man sich &#8211; zwar ungern, aber immerhin &#8211; gew\u00f6hnen; wir Alten sind ja auch weltoffen geworden, sind Global Player und l\u00e4ngst nicht mehr so stur und verbohrt, gell?<\/p>\n<p>Nein, viel schlimmer sind die \u00f6kologischen Folgen. Man hat jetzt schon von neurotischen V\u00f6geln geh\u00f6rt, die sich an den neuen Gesang &#8222;tweet, tweet&#8220; nicht gew\u00f6hnen wollen und v\u00f6llig durcheinander geraten, wenn ihnen ein altes &#8222;tschiep, tschiep&#8220; dazwischen rutscht, was unter V\u00f6geln offensichtlich sofort mit sozialer \u00c4chtung oder Shitstorms aller Art bestraft wird. Sie vernachl\u00e4ssigen dann die Brutpflege, um in die Gesangs-Nachhilfe zu gehen, weshalb der Nachwuchs kl\u00e4glich verhungert und verdurstet. Daraufhin werden weniger Larven und M\u00fccken gefressen werden, die das aber nicht sofort merken und sich munter fortpflanzen und fortpflanzen und fortpflanzen, obwohl die Nachfrage stark nachgelassen hat. Die Experten streiten noch, welche Ausma\u00dfe das annehmen und welche Folgen das genau haben wird. Auf jeden Fall ist der Verband der M\u00fcckengift-Industrie schon mal bei Frau Merkel um Subventionen vorstellig geworden, weil sie die zu erwartenden Notfall-Kapazit\u00e4ten aus eigener Kraft einfach nicht sicherstellen k\u00f6nnten. Wie \u00fcblich bei Subventionen sind die auch bereits gew\u00e4hrt, aber helfen w\u00fcrde eigentlich nur ein sofortiges Verbot von Twitter, was aber wegen der Sturheit und Uneinsichtigkeit der Jugend, die ja wegen jedem Dreck auf die Stra\u00dfe rennt, und wegen der globalen Verflechtungen der Datenleitungen und wegen den Auswirkungen auf die M\u00e4rkte und damit auf Griechenland und Spanien und den gesamten Euro-Raum kaum Aussichten auf Erfolg haben d\u00fcrfte.<\/p>\n<p>Ich will das nicht kleinreden. Das wird f\u00fcrchterlich werden, keine Frage. Aber die Menschheit hat schon manche gro\u00dfe Katastrophe \u00fcberstanden, deshalb bin ich dann doch vorsichtig optimistisch. Zumal bei den Gr\u00fcnen schon Arbeitsgruppen tagen, die pr\u00fcfen, wie sich die gewaltige Windenergie, die durch das massenhafte Fl\u00fcgelschlagen erzeugt werden wird, in das Stromnetz einspeisen l\u00e4sst. Die \u00c4hnlichkeit von Libellenfl\u00fcgeln und Windr\u00e4dern gibt Anlass zu Zuversicht, allein die Tatsache, dass auch nach drei Jahren Energiewende noch kein Stromnetz existiert, bereitet ein wenig Sorge.<\/p>\n<p>Viel mehr als die Anglisierung beunruhigt mich deshalb der Einfluss des <em>Deutschen<\/em> auf unsere Sprache. Zwei Beispiele von vielen:<\/p>\n<p>Erstens das sch\u00f6ne deutsche Wort <strong>Bank<\/strong>. Es f\u00fchrt \u2013 vor allem in seiner lieblichen Form &#8222;B\u00e4nkchen&#8220; \u2013 seit jeher zu den sch\u00f6nsten Assoziationen an M\u00fc\u00dfiggang, Ruhe, Frieden und Sonnenuntergang, an Kontemplation und innere Einkehr. Kein Dorfplatz ohne ein schattiges Pl\u00e4tzchen, an dem der emsige und strebsame Mensch sich eingeladen f\u00fchlt, des Abends dort ein wenig zu verweilen und die M\u00fchsal des Tages abzustreifen \u2013 Feierabend.<\/p>\n<p>Seit einigen Monaten allerdings ist dieses Wort \u2013 vor allem in seiner unsch\u00f6nen Form &#8222;Banker&#8220; \u2013 der Inbegriff von Hektik, Unruhe und immerw\u00e4hrenden Sorgen geworden, von Handygeklingel rund um die Uhr und von wie Metastasen sich ausbreitenden Derivaten und Blind- oder Taub-Verk\u00e4ufen. Momentan werden diese armen Menschen in Millisekunden getaktet und arbeiten hart daran, diesen Takt noch zu verringern, um das Schlimmste zu verhindern. Eine Millisekunde, bitte, das spielt doch noch nicht einmal bei der Zubereitung eines Fr\u00fchst\u00fcckseis eine Rolle, wo selbst ich penibelst auf exakte Einhaltung der anhand von Luftdruck, Wetterlage und H\u00fchnerrasse ermittelten idealen Zeitspanne achte. Eine Millisekunde, ich bitte euch! Ich m\u00f6chte das B\u00e4nkchen wiederhaben und von Banken nichts mehr h\u00f6ren.<\/p>\n<p>Zweitens das nicht weniger anheimelnde Wort <strong>Markt<\/strong>. Ach, welche Erinnerungen kommen da hoch, an den Bauernmarkt, den Blumenmarkt, den Tr\u00f6delmarkt, die Markthalle, den Mercat de la boqueria in Barcelona, Les Halles in Paris oder \u2013 noch besser \u2013 an den lokalen Wochenmarkt. Wo man ein paar Karotten kaufen oder eintauschen konnte, wo die Eierfrau ihren Stand aufgebaut hatte neben dem Fischh\u00e4ndler und dem Metzger und der Bauersfrau mit ihren Erzeugnissen und neben dem Obststand mit den frischen Beeren, den saftigen \u00c4pfeln, manchmal auch N\u00fcssen und Pilzen und neben dem Kr\u00e4uterweiblein mit Thymian, Bohnenkraut und Rosmarin, mit Lavendel, Kerbel und Minze. Und am wichtigsten: wo man ein Schw\u00e4tzchen halten konnte, Rezepte mit den H\u00e4ndlern austauschen, den Dorftratsch mit der Nachbarin durchgehen, vielleicht ein Gl\u00e4schen Wein oder einen Kaffee unter dem Sonnensegel zu sich nehmen \u2013 man musste nur rechtzeitig zum Kochen wieder zu Hause sein.<\/p>\n<p>Das alles wurde in letzter Zeit weggefegt vom h\u00e4sslichen Plural, den &#8222;M\u00e4rkten&#8220;. Diese sind meistens nerv\u00f6s und gereizt, immer aber misstrauisch. Zumindest liest man das in der Zeitung, niemand wei\u00df genau, warum. Wenn sie Feuer spucken w\u00fcrden, k\u00f6nnte man sie mit den Drachen aus der Ritterzeit vergleichen \u2013 gef\u00e4hrlich und unheimlich. Aber anstatt eines jungen, starken, mutigen Prinzen mit Pferd und Lanze, schicken wir unsere Jungfrau Merkel hinaus, die nicht mit ihrem Anblick die M\u00e4rkte \u00e4ngstigt, sondern die uns, ihre Untertanen, zu Wohlverhalten mahnt, damit nichts ganz B\u00f6ses geschieht. Bitte nehmt dieses Wort zur\u00fcck und lasst mir meinen Wochen-Markt!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Allerorten klagen Experten (meist \u00e4lter M\u00e4nner wie ich?) \u00fcber die Gefahren der Anglisierung unserer sch\u00f6nen deutschen Sprache. Und Recht haben sie! Dieses ganze Social-Network-Ged\u00f6ns, muss das denn sein? Was bitte ist falsch an einem Sportverein oder an der Freiwilligen Feuerwehr? Nichts! Das war gut, das ist gut, und das wird gut bleiben! Aber es ist &#8230; <a title=\"Sprachverfall\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/2013\/07\/31\/sprachverfall\/\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Sprachverfall\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[48,38],"tags":[],"class_list":["post-1074","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-die-welt-retten","category-sprachlos"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1074","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1074"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1074\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1077,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1074\/revisions\/1077"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1074"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1074"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1074"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}