{"id":315,"date":"2011-10-02T11:14:43","date_gmt":"2011-10-02T09:14:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.merle-buehrer.de\/gs\/?p=315"},"modified":"2011-10-02T11:14:43","modified_gmt":"2011-10-02T09:14:43","slug":"harakiri","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/2011\/10\/02\/harakiri\/","title":{"rendered":"Harakiri"},"content":{"rendered":"<p>Nach drei Tagen neben, \u00fcber und in einer \u00f6ligen, stinkenden und h\u00f6llisch lauten Maschine war die Herbstsonne am Abreisetag eine wahre Wohltat. Allerdings sitzen Amerikaner nicht gerne drau\u00dfen, Gastg\u00e4rten oder Terrassen sind so gut wie unbekannt. Wem also der Sinn nach etwas nahrhafterem als Eis oder Kaffee steht, der muss sich nach drinnen bequemen, in einen meist dunklen, aber gut klimatisierten Raum, der allerdings den Vorteil hat, dass man sich blind zurechtfindet, weil man ihn schon kennt, wenn man zumindest einmal in einem \u00e4hnlichen Lokal war. Genau das, was ich mir bei angenehm mildem Herbstwetter gew\u00fcnscht habe. Aber ich wollte ja vorbereitet sein und im Flieger auf die bekannte Frage &#8222;Chicken or Pasta?&#8220; \u00fcberzeugt &#8222;Neither!&#8220; antworten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das Longhorn Steakhouse lockte mich mit der Ank\u00fcndigung von &#8222;never frozen meat&#8220; und g\u00fcnstigen Lunch-Angeboten. Und letztendlich halfen die Bremer Stadtmusikanten bei der Entscheidung: Was bess&#8217;res als Subway, Pizza-Hut oder McDonalds find&#8217;st du hier allemal.<\/p>\n<p>&#8222;Hi, my name is Hannah, in case you need to search for me.&#8220; wurde ich am Tisch begr\u00fc\u00dft, mit einem L\u00e4cheln, dem anzusehen war, dass eben das nicht n\u00f6tig sein w\u00fcrde. Denn wer immer zur rechten Zeit zur Stelle war, aufgetaucht aus dem Nichts bei auch nur dem geringsten Bed\u00fcrfnis des Gastes, war: Hannah.<\/p>\n<p>Nach einer kleinen sachverst\u00e4ndigen Diskussion \u00fcber Sinn und Unsinn von K\u00e4sesaucen auf einem Steak &#8211; mit beiderseitig deutlicher Pr\u00e4ferenz von Unsinn &#8211; einigten wir uns bei der Bestellung auf ein 8 oz Top-Sirloin mit mashed potatoes, das Steak nat\u00fcrlich &#8222;rare&#8220;.<\/p>\n<p>Die Wartezeit wurde durch ein Samuel Adams &#8222;Oktoberfest&#8220; angenehm verk\u00fcrzt und bald erschien auch Hannah wieder mit einem erfreulich puristischen Teller ohne Schnickschnack und \u00fcberfl\u00fcssigen &#8222;Sides&#8220;, einfach braungebratenes Fleisch und goldgelbes Kartoffelp\u00fcree auf einem wei\u00dfen Teller &#8211; farblich hervorragend abgestimmt. &#8222;I&#8217;ll catch up in a minute to see if everything&#8217;s right.&#8220; verabschiedete sich Hannah.<\/p>\n<p>Diese Minute nutzte ich, um mein Steak zu anzuschneiden. Ungl\u00fccklicherweise war es dem Metzger nicht gelungen, ein gleichf\u00f6rmiges St\u00fcck abzuschneiden, so dass auf der geringf\u00fcgig d\u00fcnneren Seite, mit der ich begann, eine Spur von &#8222;medium-rare&#8220; sichtbar wurde, vielleicht ein Mikro-Irgendwas auf der unendlich fein abgestuften Skala von blutig-rot bis schuhsohlen-grau. Als ich aber die Gabel zum Mund f\u00fchrte und die R\u00f6ststoffe sich mit dem k\u00fchlen Geschmack der inneren Fleischfasern auf der Zunge ausbreiteten und auf den Kapillaren zu tanzen begannen &#8230; erschien Hannah und starrte schreckensbleich auf mein angeschnittenes Steak. Mit einem &#8222;That&#8217;s supposed to be rare, right?&#8220; wollte sie mir den Teller wegnehmen. All meine Beteuerungen, dass das meine Schuld sei, dass ich von vorneherein &#8222;rare-medium-rare&#8220; h\u00e4tte bestellen sollen und dass der Koch das gewusst habe und dass er deshalb gar nicht anders habe handeln k\u00f6nnen, als dieses St\u00fcck exakt so braten, wie er es getan habe &#8230; all diese Einw\u00e4nde schienen nutzlos, und ich verfluchte mich, dass ich mein Englisch etwas vernachl\u00e4ssigt habe, denn mit einer anderen Wortwahl, mit einer geschliffeneren Begr\u00fcndung h\u00e4tte ich sie vielleicht \u00fcberzeugen k\u00f6nnen, mir diesen Teller bitte, bitte nicht wegzunehmen.<\/p>\n<p>Und gerade als ich um Worte rang und in Hannahs Augen die wilde Entschlossenheit aufblitzte, genau in diesem Moment sah ich sie im Augenwinkel zum Steak-Messer greifen und mir war klar, dass ich verloren hatte. Bilder von sich ins Schwert st\u00fcrzenden japanischen Samurai tauchten vor meinem inneren Auge auf und Gerard Depardieu als Fran\u00e7ois Vatel betrat die Szene und blickte traurig von meinen Teller zu Hannah und &#8230; ich begann, um meinen R\u00fcckflug zu f\u00fcrchten, weil ich angesichts des zu erwartenden Blutbades doch sicher als Zeuge aussagen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>&#8222;I guess you&#8217;re the lemon-pie type of guy, right? Or is it cheese-cake?&#8220; strahlte mich Hannah an, nachdem sie meinen Teller gedreht hatte. Ich habe dann darauf verzichtet, ihr zu sagen, dass der lemon pie zwar hervorragend schmecke, eigentlich aber ein &#8222;<a href=\"http:\/\/www.deliciousdays.com\/archives\/2011\/04\/20\/lime-vanilla-cheesecake-a-creamy-classic\/\" target=\"_blank\">Lime-Vanilla Cheesecake<\/a>&#8220; sei und dass ich das Rezept von <a href=\"http:\/\/www.deliciousdays.com\/\" target=\"_blank\">Nicole<\/a> kennen w\u00fcrde, dass ich den aber schon lange nicht mehr nachgebacken h\u00e4tte und mich deshalb freue, ihn hier wieder einmal essen zu d\u00fcrfen. Ich wollte mich auf keine Diskussionen mehr einlassen.<\/p>\n<p>Auf dem R\u00fcckflug habe ich mir dann aber \u00fcberlegt, dass es sicher nicht zeitgem\u00e4\u00df w\u00e4re, die Wiedereinf\u00fchrung des Harakiri zu fordern, dass es aber doch angebracht w\u00e4re, ein wenig mehr Ernsthaftigkeit und Sorgfalt im Handwerk einzuklagen. Zum Beispiel bei Metzgern, die die Kunst der Fleischreifung, so sie sie denn noch beherrschen, eher lustlos betreiben oder bei B\u00e4ckern, deren Ehrgeiz offensichtlich nicht zu mehr zu reichen scheint, als Br\u00f6tchen aufzubacken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach drei Tagen neben, \u00fcber und in einer \u00f6ligen, stinkenden und h\u00f6llisch lauten Maschine war die Herbstsonne am Abreisetag eine wahre Wohltat. Allerdings sitzen Amerikaner nicht gerne drau\u00dfen, Gastg\u00e4rten oder Terrassen sind so gut wie unbekannt. Wem also der Sinn nach etwas nahrhafterem als Eis oder Kaffee steht, der muss sich nach drinnen bequemen, in &#8230; <a title=\"Harakiri\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/2011\/10\/02\/harakiri\/\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Harakiri\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[24,40,41],"tags":[],"class_list":["post-315","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allerlei","category-fleisch","category-reisen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/315","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=315"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/315\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":359,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/315\/revisions\/359"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=315"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=315"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=315"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}