{"id":363,"date":"2011-10-24T09:37:54","date_gmt":"2011-10-24T07:37:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.merle-buehrer.de\/gs\/?p=363"},"modified":"2011-10-24T09:37:54","modified_gmt":"2011-10-24T07:37:54","slug":"geschmack-unterwegs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/2011\/10\/24\/geschmack-unterwegs\/","title":{"rendered":"Geschmack unterwegs"},"content":{"rendered":"<p>Ich geh\u00f6re ja nun einer Generation an, der immer mehr Dinge immer schwerer fallen. Sich b\u00fccken, zum Beispiel, oder im Autoradio unterscheiden, ob gerade die aktuelle Hitparade l\u00e4uft oder der Empfang gest\u00f6rt ist. Das nervt und schl\u00e4gt auf die Stimmung.<\/p>\n<p>Und dann pl\u00f6tzlich &#8211; zwischen Frankfurt und Kassel &#8211; Stimmen. Menschliche Stimmen, nicht diese aufgedrehten immerlustigen Sprechpuppen. Die Sendung <a href=\"http:\/\/www.hr-online.de\/website\/radio\/hr1\/index.jsp?rubrik=53745&amp;key=standard_document_42939142\" target=\"_blank\">Dolce Vita<\/a> auf hr1 war auf der &#8222;<em>Suche nach dem verlorenen Geschmack<\/em>&#8222;. Ob sie ihn letztendlich gefunden haben, kann ich nicht mit Sicherheit sagen, weil ich dann tanken musste. Aber ich bin zuversichtlich, dass es gelungen ist. Das klang n\u00e4mlich alles sehr optimistisch.<\/p>\n<p>Die Moderatorin, Frau Baumeister, hatte den Herrn Meikel Petrana zu Gast und hat nette Fragen gestellt, die Herr Petrana dann nicht beantwortet hat, aber was soll&#8217;s &#8211; sch\u00f6n war&#8217;s und nett war&#8217;s. Da war zum Beispiel die Frage, ob der Geschmack vielleicht genetisch angelegt sei? Ja sicher, war darauf die Antwort, schon im Alter von 2 oder 3 Jahren f\u00e4nden pr\u00e4gende Eindr\u00fccke statt. H\u00e4?<\/p>\n<p>Vom Band kamen dann noch Martina Meuth und Bernd Neuner-Duttenh\u00f6fer zu Wort. Weil die ein neues Buch geschrieben haben, aber auch bei so einem Pressetermin nat\u00fcrlich kompetent und unterhaltsam und ein bisschen besserwisserisch sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Doch, ich hab mich gut unterhalten zwischen Frankfurt und Kassel und h\u00e4tte optimistisch vor mich hin tr\u00e4llernd weiterfahren k\u00f6nnen: Falleri und Fallera, der Geschmack ist wieder da! Man muss eigentlich nur die richtigen Produkte kaufen und ein bisschen neugierig sein und vielleicht die B\u00fccher von Herrn Petrana und Frau Meuth kaufen und schon wird alles, alles gut.<\/p>\n<p>Aber vielleicht weil die Fahrt noch lange nicht zu Ende war, oder weil die R\u00fcckenschmerzen nicht besser wurden, verflog die gute Laune trotz herrlicher Oktobersonne relativ rasch: Ich habe keine Lust mehr, schuld zu sein!<\/p>\n<p>Ich kaufe das falsche Brot f\u00fcr den Brotsalat &#8211; schuldig! Und keiner fragt, warum es \u00fcberhaupt &#8222;falsches&#8220; Brot gibt.<\/p>\n<p>Ich habe Lust auf Gefl\u00fcgel, will aber kein ganzes Huhn kaufen &#8211; schuldig! Herr Neuner-Duttenh\u00f6fer kann&#8217;s nicht glauben, dass man H\u00fchner isst, deren Namen man nicht kennt! Und keiner fragt, warum H\u00fchnerteile prinzipiell trocken und fade und \u00f6de sein m\u00fcssen und was man dagegen tun kann.<\/p>\n<p>Worauf ich hinaus will, ist folgendes: Ich glaube nicht an das Bio-Ged\u00f6ns, im Gegenteil: Wenn alle Menschen pl\u00f6tzlich Bio kaufen, wird ein Skandal den n\u00e4chsten jagen. Und auch das Regional-Ged\u00f6ns jagt mir keine Wonne-Schauer \u00fcber den R\u00fccken; der gl\u00fcckliche Bauer um die Ecke, der erfahrene Metzger mit zwei K\u00e4lbchen und einem Lamm, der fr\u00f6hlich aus einem Mehlstaub grinsende B\u00e4cker in der Nachbarschaft: alles Schim\u00e4ren; tempi passati.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df, Ellja w\u00fcrde &#8211; wenn sie dies l\u00e4se &#8211; vehement widersprechen, aber: So k\u00f6nnen wir uns nicht ern\u00e4hren! Das reicht f\u00fcr ein paar Liebhaber, die Adressen sammeln wie fr\u00fcher die Briefmarken und ihre Mauritius dann auf dem Teller fotografieren &#8211; was in anderen Kulturen leicht als veritable Deformation durchginge.<\/p>\n<p>Warum fragt keiner, ob es denn ein Grundgesetz gibt, das vorschreibt, den Profit der Lebensmittelindustrie \u00fcber die Gesundheit und das Wohlbehagen der Konsumenten zu stellen? Ob es denn nicht m\u00f6glich sei, die Agrarsubventionen von den Giftmischern und Geschmacksverhunzern abzuziehen und in eine menschenvertr\u00e4gliche Lebensmittelindustrie zu leiten? Und warum erinnert mich das alles so an die Bankenkrise?<\/p>\n<p>Wir sollten nicht das Ziel aus den Augen verlieren, das Erich K\u00e4stner schon anfangs des letzten Jahrhunderts in seinem Gedicht &#8222;B\u00fcrger schont eure Anlagen!&#8220; vorgegeben hat. Wenn ich mich richtig erinnere, dann lautet darin ein Vers: &#8222;<em>Legt euch mit den H\u00fchnern schlafen. Wenn es geht: pro Mann ein Huhn.<\/em>&#8220;<\/p>\n<p>So, genug geplaudert. Ich muss jetzt zur R\u00fcckenmassage.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich geh\u00f6re ja nun einer Generation an, der immer mehr Dinge immer schwerer fallen. Sich b\u00fccken, zum Beispiel, oder im Autoradio unterscheiden, ob gerade die aktuelle Hitparade l\u00e4uft oder der Empfang gest\u00f6rt ist. 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