{"id":536,"date":"2012-01-31T23:07:59","date_gmt":"2012-01-31T22:07:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.merle-buehrer.de\/gs\/?p=536"},"modified":"2012-01-31T23:15:00","modified_gmt":"2012-01-31T22:15:00","slug":"straftaten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/2012\/01\/31\/straftaten\/","title":{"rendered":"Straftaten"},"content":{"rendered":"<p>Ich meine, man sollte das verbreitete <em>Ich-nehme-ein-St\u00fcck-tiefgefrorenes-paniertes-Pressfleisch-werfe-es-in-die-Friteuse-und-nenne-es-Schnitzel-Wiener-Art<\/em> als Straftatbestand klassifizieren, wom\u00f6glich sogar als Kapitalverbrechen, und mit entsprechend hohem Strafma\u00df belegen.<\/p>\n<p>Dabei geht es mir nicht um das offensichtliche kulinarische Desaster. Es geht mir auch nicht um das \u00f6sterreichische Reinheitsgebot, falls es sowas gibt. Sowas k\u00f6nnte mit Bu\u00dfgeld wegen einer Ordnungswidrigkeit belegt werden und w\u00e4re dann auch schon vergeben und vergessen. Da begegnen einem in Kantinen und sogenannten Restaurants ganz andere Kaliber, auf deren Aufz\u00e4hlung ich hier zur Schonung der Leser verzichten will.<\/p>\n<p>Nein, in dem angesprochenen Fall geht es um viel mehr; es geht um die Zukunft der gesamten Menschheit. Und weil ihr jetzt wahrscheinlich denkt, das sei \u00fcbertrieben, muss ich wohl etwas ausholen.<\/p>\n<p>Eine f\u00fcr die menschliche Existenz unabdingbare Eigenschaft ist das Urvertrauen.<\/p>\n<p>Jede Millisekunde des Lebens ist potentiell katastrophal. An jeder Ecke kann der S\u00e4belzahntiger lauern, und jeder S\u00e4ugling wei\u00df instinktiv, dass er allerh\u00f6chstens die Chance hat, sich mit der Bestie auf unentschieden zu einigen.<\/p>\n<p>Von jeder Decke, bevorzugt der Himmelsdecke, kann ein Komet herabst\u00fcrzen, der gr\u00f6\u00dfer ist als das eigene Gesichtsfeld. Und auch wer (noch) nichts von Gravitationskr\u00e4ften, von Herrn Newton und von der Formel zur Berechnung der Fallgeschwindigkeit wei\u00df, wird nicht lange daran zweifeln, dass das b\u00f6se ausgehen wird.<\/p>\n<p>In jedem Molek\u00fcl der Atemluft kann sich eine Horde b\u00f6sartiger Viren tummeln &#8211; und man wei\u00df beim ersten keuchenden H\u00fcsteln, dass sie gewonnen haben.<\/p>\n<p>Hinter dem R\u00fccken jedes Artgenossen kann ein Messer oder ein geschliffener Stein versteckt sein. Und w\u00e4hrend man ihn noch zahn- und arglos anl\u00e4chelt, rinnt rotes Blut aus dem kleinen Herzen &#8211; wegen einer Babyrassel.<\/p>\n<p>Warum also legt sich so ein S\u00e4ugling nicht sofort wieder hin und verabschiedet sich mit einem Seufzer wieder von dieser Welt, bevor ihm gr\u00f6\u00dferer Schaden entsteht? Wegen dem <strong>Urvertrauen<\/strong>.<\/p>\n<p>Jetzt gibt es Wissenschaftler, die behaupten, dieses Urvertrauen entst\u00fcnde (<a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Urvertrauen\" target=\"_blank\">Wikipedia<\/a>) &#8222;<em>in der allerersten Lebenszeit (im &lt;extra-uterinen Fr\u00fchjahr&gt;)<\/em>&#8222;. Das ist nat\u00fcrlich Quatsch. Meine eigenen Studien haben n\u00e4mlich ergeben, dass es immer und ausnahmslos in derselben Situation entsteht, quasi aus dem Nichts:<\/p>\n<p>Das Kleinkind krabbelt bei seiner Mutter in der K\u00fcche so vor sich hin, immer mit einem \u00e4ngstlichen, sorgenvollen Blick , in dem auch ein wenig Wehmut \u00fcber das baldige Ende mitschwingt, auf die \u00fcblichen Katastrophen im K\u00fcchenalltag der Mutter: der w\u00fctende Gatte schl\u00e4gt zornig die T\u00fcr krachend hinter sich zu, der Teekessel quiekt zum Herzerweichen und erbricht sein Inneres auf die H\u00e4nde der ohnehin weinenden Mutter, aus dem Toaster qualmt dunkler, bitterer Rauch und seine Lava-Brocken rieseln schwarz und verbrannt auf den K\u00fcchenboden, im Fernseher l\u00e4uft die \u00dcbertragung eines FDP-Parteitags &#8230;<\/p>\n<p>&#8230; und die Mutter? L\u00e4chelt kurz. Stellt ihre Tasse in die Sp\u00fcle, bindet sich den K\u00fcchenschurz um und geht zum K\u00fchlschrank. Sie kommt zur\u00fcck mit Eiern, ein paar Scheiben Kalbfleisch und etwas geschlagener Sahne. Dann zerschl\u00e4gt sie die Eier in einen tiefen Teller, wirft allerlei P\u00fclverchen aus geheimnisvollen kleinen Beh\u00e4ltern dazu, gie\u00dft einen Klecks Sahne an und beginnt sie mit einer Gabel liebevoll zu schlagen. Fast hat das Kind den Eindruck, dass ein L\u00e4cheln \u00fcber das Gesicht der Mutter huscht. Aber schon nimmt sie ein d\u00fcnn geschnittenes Fleischst\u00fcck in die eine und einen schweren Klopfer in die andere Hand. Das Kind f\u00fcrchtet sich aber nicht, weil es an der fast z\u00e4rtlichen Art des Schlagens und Klopfens merkt, dass hier weder Mutter noch Fleisch etwas Schlimmes passieren wird. Die Mutter stellt noch zwei Teller bereit, f\u00fcllt ein wei\u00dfes Pulver in den einen und goldgelb-flauschige Kr\u00fcmel in den anderen. Sie gibt viel Butterschmalz in die schwere Pfanne und entz\u00fcndet das Feuer, worauf das Schmalz sofort beginnt zu zerflie\u00dfen und die Mutter dann sorgsam das Feuer reguliert. Die Fleischst\u00fccke, die jetzt zu gro\u00dfen, flachen Fladen geworden sind, werden sorgsam im wei\u00dfen Pulver gewendet, durch die sahnige Eicreme gezogen und dann sanft in den Kr\u00fcmeln gebadet. Mit leichtem Druck befestigt die Mutter abfallende Kr\u00fcmeln wieder am Fleisch und legt es dann in die nicht zischende, sondern nur leicht brodelnde Pfanne.<\/p>\n<p>Einige Minuten passiert gar nichts. Das Kind beobachtet vorsichtig wie die Mutter gespannt in die Pfanne starrt, als wolle sie den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen. Und ja &#8211; da scheint er zu sein, die Mutter wendet das Fleisch und beginnt dann vorsichtig die Pfanne zu wiegen, wie sie es manchmal mit ihm macht, wenn es Bauchschmerzen hat. Das Fett schwappt leise \u00fcber die herrlich ger\u00f6steten Kr\u00fcmel, die sich so freuen, dass sie leichte Wellen ausbilden und golden gl\u00e4nzen.<\/p>\n<p>Dann nimmt die Mutter noch einen Teller f\u00fcr das Fleisch aus dem Schrank, geht mit ihm zum Tisch, setzt sich und nimmt das Kind auf den Scho\u00df. Und das Kind wei\u00df in diesem Moment &#8211; sei es des Geruchs des Fleisches oder Mutter wegen: Alles wird gut.<\/p>\n<p>Und als das Kind \u00e4lter wurde, steinalt sogar, blieben die Katastrophen nat\u00fcrlich nicht aus. Aber das Kind ging zum K\u00fchlschrank und wusste: Alles wird gut!<\/p>\n<p><strong>Urvertrauen<\/strong>. Wenn schmierige Nahrungshersteller dieses Urvertrauen zerst\u00f6ren, dann gef\u00e4hrden sie den Bestand der Menschheit. Deshalb der Straftatbestand und das hohe Strafma\u00df. Nur deshalb.<\/p>\n<p>Und au\u00dferdem sei ihnen in Erinnerung gerufen, dass das Wort &#8222;Restaurant&#8220; von einer Inschrift \u00fcber der T\u00fcr eines Herbergsvaters stammt: &#8222;Ego vos restaurabo&#8220; &#8211; Ich werde euch wieder aufbauen. Wie um alles in der Welt wollt ihr das mit frittiertem Pressfleisch zuwege bringen?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich meine, man sollte das verbreitete Ich-nehme-ein-St\u00fcck-tiefgefrorenes-paniertes-Pressfleisch-werfe-es-in-die-Friteuse-und-nenne-es-Schnitzel-Wiener-Art als Straftatbestand klassifizieren, wom\u00f6glich sogar als Kapitalverbrechen, und mit entsprechend hohem Strafma\u00df belegen. Dabei geht es mir nicht um das offensichtliche kulinarische Desaster. Es geht mir auch nicht um das \u00f6sterreichische Reinheitsgebot, falls es sowas gibt. Sowas k\u00f6nnte mit Bu\u00dfgeld wegen einer Ordnungswidrigkeit belegt werden und w\u00e4re dann &#8230; <a title=\"Straftaten\" class=\"read-more\" href=\"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/2012\/01\/31\/straftaten\/\" aria-label=\"Mehr Informationen \u00fcber Straftaten\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[34,15],"tags":[],"class_list":["post-536","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-fritieren","category-restaurant"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/536","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=536"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/536\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":539,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/536\/revisions\/539"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=536"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=536"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=536"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}