{"id":546,"date":"2012-03-13T13:33:42","date_gmt":"2012-03-13T12:33:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.merle-buehrer.de\/gs\/?p=546"},"modified":"2012-03-13T13:33:42","modified_gmt":"2012-03-13T12:33:42","slug":"rettungsversuche-zum-scheitern-verurteilt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/2012\/03\/13\/rettungsversuche-zum-scheitern-verurteilt\/","title":{"rendered":"Rettungsversuche. Zum Scheitern verurteilt?"},"content":{"rendered":"<p>Gut, es mag sein, dass ich ein wenig sp\u00e4t dran bin. Sohn T. hat jetzt auch schon fast anderthalb Dezennien auf dem geplagten Penn\u00e4ler-R\u00fccken. Und da k\u00f6nnte man sagen, es sei an mir gewesen in all den Jahren, erzieherisch t\u00e4tig zu sein.\n<\/p>\n<p>Kein Zwang, kein Druck, um Gottes Willen! Fingerzeige vielleicht, Hinweisschilder f\u00fcr den steinigen Weg in die Zivilisation. Begr\u00fcndungshilfen f\u00fcr die schwierigen Fragen im Leben. Wie zum Beispiel: Wozu in aller Welt gibt es Stubenfliegen und warum sollte ich mir die Z\u00e4hne putzen?. So was, in der Richtung w\u00e4r bestimmt hilfreich gewesen. Aber ich hab&#8217;s verpennt.\n<\/p>\n<p>Beim Aufr\u00e4umen ist mir das wieder klar geworden. Und ich habe den Vorsatz gefasst, das nachzuholen. Da, beim Aufr\u00e4umen n\u00e4mlich, sind mir die lesenswerten Ausf\u00fchrungen von Herrn Carl Friedrich von Rumohr<sup> 1)<\/sup> wieder in die H\u00e4nde gefallen. Sie tragen zwar den Titel &#8222;Vom Geist der Kochkunst&#8220; und waren mir immer eine St\u00fctze bei allt\u00e4glichen Verrichtungen wie zum Beispiel beim vorschriftsgem\u00e4\u00dfen Anfeuern des Ofens, und bei der Herstellung von kr\u00e4ftigen S\u00fclzen und S\u00e4ften der Seetiere, sie sind aber beileibe nicht nur Anleitung und Hilfe in praktischen Dingen, sie bieten auch gen\u00fcgend geistige St\u00fctze und manch lehrreiche Einsicht. Woran ich mich zeitlebens ausgerichtet habe, ist zum Beispiel der zarte Hinweis:\n<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>&#8222;Ich fordere die Ungl\u00fccklichen auf, welche dem Laster der Schleckerei h\u00e4ufige Opfer zu bringen pflegen, die ganze Verkettung zu \u00fcberdenken, in welcher sie allgemach bis zur Unheilbarkeit verdorben sind.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Wohl wahr, h\u00f6rt, h\u00f6rt!. Und so fehlt dann nat\u00fcrlich auch das Kapitel &#8222;<em>Von der Erziehung zum Essen<\/em>&#8220; nicht, das mir in den n\u00e4chsten Wochen Anregung und Leitfaden sein soll.\n<\/p>\n<p>Da ist zun\u00e4chst einmal die Ermahnung an mich, dieses Vorhaben ernst zu nehmen und nicht schleifen zu lassen, wie in all den vergangenen Jahren:\n<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>&#8222;Man versetze sich nur einmal unter die Wilden entfernter Weltgegenden oder an den Tisch eines Hausvaters, der seine Kinder, wie&#8217;s so oft geschieht, gleich den Bestien aufwachsen l\u00e4\u00dft: um kennenzulernen, da\u00df es dem Menschen nicht von Natur gegeben ist, reinlich, bescheiden und ruhig zu essen, wie es gesellige Mahlzeiten, ja wie es die Gesundheit des Essenden selbst erheischt.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Nun denn, was kann ich tun? Ich will mir die Aufgabe nicht zu schwer machen und die Kapitel &#8222;<em>Wie ein Knab zu Tische sich anschicken und denselben bereiten soll<\/em>&#8220; sowie &#8222;<em>Wie ein Knab, wenn er zu Tische dienet, sich verhalten soll<\/em>&#8220; vorl\u00e4ufig au\u00dferAcht lassen, das es mir im Moment unm\u00f6glich erscheint, einen Teenager des Jahres 2012 davon zu \u00fcberzeugen, dass Geschirr, Besteck und Speise nicht von alleine auf dem Tisch wachsen.\n<\/p>\n<p>So m\u00f6chte ich mich also vorl\u00e4ufig auf das Kapitel &#8222;<em>Wie ein Knab sich verhalten soll, wenn er mit zu Tische sitzt<\/em>&#8220; konzentrieren, welches mehr als genug Punkte auff\u00fchrt, bei denen es hie und da hapert und die es stets zu bedenken gilt.\n<\/p>\n<p>Die Grundlagen\n<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>&#8222;&#8230;wasche die H\u00e4nde und setze dich z\u00fcchtig nieder. Sitze aufrecht und sei nicht der erste, in die Sch\u00fcssel zu langen.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>&#8222;Schl\u00fcrfe die Speise, etwa die Suppe, nicht hinein wie ein Schwein; blase die Kost auch nicht, da\u00df es allenthalben herumspritze.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>&#8222;So du trinkest, s\u00e4ubere die Lefzen nicht mit der Hand, sondern mit einem T\u00fcchlein. Trinke auch nicht, weilend du die Speise noch im Mund hast.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>Du sollst auch nicht zugleich essen und reden, denn solches ist b\u00e4urisch.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>&#8222;St\u00f6chere die Z\u00e4hne nicht mit dem Messer, sondern mit einem Zahnstocher oder Federkiel; denn von dem Messer rosten die Z\u00e4hne, wie das Eisen vom Wasser.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>&#8222;So du Fleisch willst vorlegen, oder Fisch, so tue es mit dem Messer und nicht mit den Fingern, wie es heutigen Tages etliche Nationen gewohnt sind.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>&#8222;Schmatze nicht wie eine Sau \u00fcber dem Essen. Dieweil du issest, kratze dein Haupt nicht. Fege auch nicht an der Nase.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>&#8222;Mache das Tischtuch oder das Wammes nicht unsauber. Mache auch nicht um deinen Teller von Beinen, Brotrinden und dergleichen eine Sch\u00fctte, wie die Schatzgr\u00e4ber.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>&#8222;Wirf auch nicht die Beine unter den Tisch, damit von den Hunden kein Scharm\u00fctzel entstehe und die Beisitzenden darob eine Unlust empf\u00e4nden.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>Das sollte denn auch f\u00fcr die n\u00e4chste Zeit reichen. Mehr freundliche Hinweise und Ratschl\u00e4ge k\u00f6nnten ein junges Gem\u00fct zudem verwirren und ein heilloses Durcheinander zerebraler Natur bewirken. Und das wollen wir ja nicht.\n<\/p>\n<p>Da ich nun nat\u00fcrlich wei\u00df, dass ich mich mit diesem Vorhaben der Kritik all derer aussetze, die ihr Leben dem Kampf gegen Zw\u00e4nge, Autorit\u00e4ten und Vorschriften gewidmet haben, lege ich Wert darauf, dass wir &#8211; also der Herr von Rumohr und ich &#8211; durchaus auch vom Geiste der Liberalitas umweht sind und uns der K\u00fchnheit des Vorhabens durchaus bewusst sind. Dennoch glauben wir: es reicht!\n<\/p>\n<p style=\"text-align: right\"><em>&#8222;Gewi\u00df sind die die mitgeteilten Anforderungen an die Jugend h\u00f6chst billig, und man h\u00e4tte daher nur zu diesen oder zu \u00e4hnlichen zur\u00fcckkehren sollen, als man vor einigen Dezennien das eiserne Joch verzerrter Sitten abwarf. Denn obgleich es nur schaden konnte, die Jugend, wie fr\u00fcherhin geschehen, in eigensinnige, \u00fcbereink\u00f6mmliche Formen zu zw\u00e4ngen, so h\u00e4tte man deshalb doch keineswegs aller vern\u00fcnftigen und naturgem\u00e4\u00dfen Zucht und Ordnung entsagen sollen.&#8220;<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>\n\u00a0<\/p>\n<p>_____________________<br \/><span style=\"font-size:10pt\">1) alle Zitate aus: Carl Friedrich von Rumohr: Vom Geiste der Kochkunst. Zweite Auflage, 1832. Nachdruck: Verlag Lothar Borowski. (Auch erh\u00e4ltlich als Taschenbuch bei <a href=\"http:\/\/www.suhrkamp.de\/buecher\/geist_der_kochkunst-c_f_von_rumohr_35333.html\" target=\"_blank\">Suhrkamp\/Insel<\/a>)<br \/>\n<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gut, es mag sein, dass ich ein wenig sp\u00e4t dran bin. Sohn T. hat jetzt auch schon fast anderthalb Dezennien auf dem geplagten Penn\u00e4ler-R\u00fccken. 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