{"id":562,"date":"2012-03-31T12:00:23","date_gmt":"2012-03-31T11:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/www.merle-buehrer.de\/gs\/?p=562"},"modified":"2012-03-31T12:06:35","modified_gmt":"2012-03-31T11:06:35","slug":"rindfleisch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/2012\/03\/31\/rindfleisch\/","title":{"rendered":"Rindfleisch"},"content":{"rendered":"<p>Frau T. will einen H\u00fchnerstall. Ich finde, die Versorgung mit H\u00fchnern ist hier gar nicht mal so schlecht. Im Gegensatz zu Rind. Ich pl\u00e4diere deshalb f\u00fcr ein K\u00e4lbchen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich muss man sich dazu erst mal informieren. Wie hoch ist da die Rendite? Wann ist mit einem Return-of-Investment zu rechnen? Und ganz wichtig: Kann man mit einem Kalb auf dem globalen Markt konkurrieren, d.h. auf Deutsch: wie hoch sind die EU-Zusch\u00fcsse im Moment? Ich habe den Verdacht, das wird alles komplizierter als gedacht.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst mal scheint man sich heutzutage entscheiden zu m\u00fcssen, ob man der Kuh ans Euter will oder an die Lende. Also ob man in die Milch- oder Fleischproduktion einsteigen will. Urspr\u00fcnglich mal wollte eine Kuh einfach ihr Kalb gro\u00df kriegen. Daf\u00fcr brauchte sie etwa 8 kg Milch pro Tag. Man hat ihr dann aber schnell beigebracht, dass das ziemlich eigensinnig ist und dass da ja gar nix f\u00fcr die Kinder-Milchschnitte \u00fcbrig bleibt. Na ja, so ganz freiwillig eingesehen hat sie das ja nicht, aber mit ein bisschen Zureden hat das dann doch geklappt und so liefert eine amerikanische Hochleistungskuh heute eben mal um die 50 Liter pro Tag. Das sind dann pro Jahr &#8211; Urlaub, Sonn- und Feiertage abgerechnet &#8211; etwa 15.000 Liter. Pro Kuh &#8211; scheint kein schlechtes Gesch\u00e4ft zu sein und w\u00fcrde unseren Bedarf leicht decken. Den Rekord h\u00e4lt \u00fcbrigens die Kuh &#8222;Evergreen-View My 1326&#8220; mit einer Jahresleistung von 32.804 kg Milch mit 3,86% Fett und 3.12% Eiwei\u00df, vielleicht kann man die ja f\u00fcr den Privatgebrauch klonen.<\/p>\n<p>Allerdings mussten da die Kuhdesigner schon kr\u00e4ftig dran drehen, und so eine moderne Kuh hat mit Kuh eigentlich relativ wenig zu tun &#8211; und schon gar nicht mit jungem Bullen-Fleisch oder einem marmorierten Steak. Da muss man sich dann schon entscheiden. Was ja auch einleuchtet: Wenn man Milch in den Kaffe will, sollte man nicht vom Ochsenkotelett tr\u00e4umen, klar, oder? Entscheiden ist aber auch wichtig, weil die EU das so will oder vielleicht auch nicht will, aber ihre F\u00f6rder-Pr\u00e4mien halt so ausgelegt hat. Und eine Kuh ohne F\u00f6rderpr\u00e4mie, das scheint es nur im 18. oder 19. Jahrhundert gegeben zu haben, auf jeden Fall ist sie heute so unvorstellbar wie ein Teenager ohne Facebook-Account.<\/p>\n<p>Die EU hat n\u00e4mlich entschieden, die Welt mit einer Auff\u00fchrung namens Agrarreform zu begl\u00fccken. Und hat dann entschieden, dass das nicht geht, weil alle dagegen sind. Und hat sie r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht, aber nicht richtig r\u00fcckg\u00e4ngig, sondern ein bisschen. Und deshalb gibt es jetzt entkoppelte, teilentkoppelte und herk\u00f6mmliche F\u00f6rderungen. Und wie das jetzt genau zusammenh\u00e4ngt, m\u00fcsst ihr den Bauern eures Vertrauens fragen, aber die Folge ist wohl, dass eine Mischhaltung (sowohl Muttertier- als auch Milchkuhhaltung) nicht mehr gef\u00f6rdert wird oder sich nicht mehr lohnt oder beides. Und deshalb wird Deutschland mehr und mehr zum &#8222;Milch-Land&#8220; und die paar Muttertier-Best\u00e4nde im S\u00fcden (Bayern und NRW) und in den europ\u00e4ischen Fleischl\u00e4ndern Frankreich und Spanien nehmen kontinuierlich ab.<\/p>\n<p>Das hie\u00dfe ja, wir k\u00f6nnten mit unserem Kalb in eine Marktl\u00fccke vorsto\u00dfen! Gemach, vorher sollten wir uns noch &#8211; Region hin, Region her &#8211; den globalen Markt ansehen, denn schlie\u00dflich sind &#8222;Lieferungen aus starken Rindfleischerzeugerl\u00e4ndern zur Normalit\u00e4t geworden (&#8230;), ja diese stehen Gewehr bei Fu\u00df, auch lebende Rinder per Schiff in die EU zu schicken&#8220;(<a href=\"http:\/\/bavarian-fleckvieh-genetics.de\/FVWelt\/FVW_113\/welt-113_s4-s8.pdf\" target=\"_blank\">\u2197<\/a>). Und weil die Viecher ja ohnehin nicht mehr wissen, wie Gras aussieht, bringt ihnen irgendwer sicher auch noch das Schwimmen bei.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnten also unser Kalb auf die <strong>Weide<\/strong> schicken. Wenn die Bodenpreise &#8211; wie in China, Argentinien oder Brasilien &#8211; niedrig sind, ist das recht preiswert, weil kaum Arbeitskosten anfallen und eine Zuf\u00fctterung normalerweise entf\u00e4llt. Das hei\u00dft halt! Wenn der Anbau von Bioethanol weiter gef\u00f6rdert wird, k\u00f6nnte eine unsch\u00f6ne Konkurrenz auf dem Markt auftreten und die Bodenpreise steigen lassen und wenn der Klimawandel tats\u00e4chlich zu immer l\u00e4ngeren D\u00fcrreperioden f\u00fchrt &#8211; wie in Australien oder Spanien &#8211; dann braucht man immer mehr Boden pro Rind und muss notfalls doch Futtermittel anbauen, wof\u00fcr man wieder mehr Boden braucht und dann k\u00e4me man mit den Sojabauern ins Gehege. Aber bei einem K\u00e4lbchen sollte man die Risiken noch absch\u00e4tzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re also zu \u00fcberlegen, ob man nicht dem K\u00e4lbchen einen h\u00fcbschen <strong>Stall<\/strong> baut, ein Silo daneben platziert und die so gewonnene Fl\u00e4che dazu nutzt, die Mast mit einem <strong>Mais- oder Grassilage<\/strong>-System durchzuf\u00fchren. Inzwischen gibt es n\u00e4mlich auch sehr sch\u00f6ne &#8222;Kuhkomfort&#8220;-St\u00e4lle und eine App, die \u00fcberwacht, ob die Tiere sich auch gen\u00fcgend bewegen. Scheint mir auch sehr reizvoll.<\/p>\n<p>Zukunftstr\u00e4chtiger w\u00e4re nat\u00fcrlich gleich auf ein <strong>Feedlot-System<\/strong> umzur\u00fcsten. Dabei wird gar nichts mehr angebaut, sondern Futtermittel werden ausschlie\u00dflich zugekauft. Da die Futtermittelindustrie immer phantasiereichere Methoden erfindet, was auch immer in Eiwei\u00df zu verwandeln, kann man so das Marktrisiko klein halten und der Platzbedarf ist nahezu zu vernachl\u00e4ssigen. Unser K\u00e4lbchen w\u00fcrde sich aber anfangs etwas einsam f\u00fchlen. So ein Feedlot-System kann schon mal auf 100.000 Tiere ausgelegt sein, das kommt dann wohl eher nicht in Frage.<\/p>\n<p>Und Betriebe, die in die Kategorie &#8222;<strong>Cut &amp; Carry<\/strong>&#8220; eingeordnet werden? Ein &#8211; wegen Klima- und Sozialstruktur &#8211; vorwiegend indonesisches M\u00fctterchen schneidet mit einer Sichel (&#8222;Cut&#8220;) ein B\u00fcschel Gras und tr\u00e4gt (&#8222;Carry&#8220;) es zu ihrem Rind, das dann, wenn eine Hochzeit stattfindet oder anderer Finanzbedarf entsteht, zum Markt getrieben und geschlachtet wird. Das w\u00e4re zwar was f\u00fcr meine alten Tage, aber daf\u00fcr gibt es keine App.<\/p>\n<p>Ich k\u00f6nnte jetzt noch vieles erz\u00e4hlen, \u00fcber Rentabilit\u00e4t und Faktorkosten, ganz wenig nur \u00fcber Geschmack, einiges \u00fcber Familienbetriebe (Bauer sucht Frau), ein bisschen Sozialromantik mit weidenden Rindern vor glutrotem Sonnenuntergang, aber eigentlich ist die Entscheidung gegen ein K\u00e4lbchen gefallen, weil mir ganz zum Schluss klar wurde, dass so ein Kalb nicht mal r\u00fcckstandsfrei gelagert werden kann: Es gibt zwar ein Institut in der N\u00e4he von Leipzig, wo untersucht wird, ob man mit einer Nahrungsumstellung das ausgepupste Methan reduzieren kann, aber die Frage&#8220; Wohin mit dem Pipi?&#8220; ist noch v\u00f6llig ungel\u00f6st. Holland sagt jetzt erst mal: &#8222;Nicht zu uns!&#8220;. Wir Niedersachsen nehmen&#8217;s aber gerne ab, bringt schlie\u00dflich Kohle. Nur: \u00dcber 60% der Fl\u00e4chen in Niedersachsen sind hoffnungslos \u00fcberd\u00fcngt, was zu Phospat- und Nitrat-Konzentrationen im Grundwasser f\u00fchrt, die um ein Vielfaches \u00fcber den EU-Grenzwerten liegen. &#8222;G\u00fclletourismus&#8220; macht das nicht besser.<\/p>\n<p>Ich kaufe jetzt doch das Buch von Ottolenghi. Aber heute Abend gibt es erst mal ein sch\u00f6nes marmoriertes Steak, beim Metzger meines Vertrauens gekauft. Herkunft: Argentinien. Die Kartoffeln aber kommen von hier, auch wenn sie La Ratte hei\u00dfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Frau T. will einen H\u00fchnerstall. Ich finde, die Versorgung mit H\u00fchnern ist hier gar nicht mal so schlecht. Im Gegensatz zu Rind. Ich pl\u00e4diere deshalb f\u00fcr ein K\u00e4lbchen. Nat\u00fcrlich muss man sich dazu erst mal informieren. Wie hoch ist da die Rendite? Wann ist mit einem Return-of-Investment zu rechnen? 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