{"id":607,"date":"2012-05-10T23:22:00","date_gmt":"2012-05-10T22:22:00","guid":{"rendered":"http:\/\/www.merle-buehrer.de\/gs\/?p=607"},"modified":"2012-05-10T23:28:11","modified_gmt":"2012-05-10T22:28:11","slug":"gustatorische-dissonanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/2012\/05\/10\/gustatorische-dissonanz\/","title":{"rendered":"Gustatorische Dissonanz"},"content":{"rendered":"<p>Ich rauche. Und ich kenne Menschen, die mich davor warnen. Und zu allem Elend halte ich diese Menschen nicht f\u00fcr grunds\u00e4tzlich bl\u00f6d. Also zumindest nicht alle und nicht immer.<\/p>\n<p>Sowas erzeugt nat\u00fcrlich Spannungen. In den Sozialwissenschaften bezeichnet man das seit Leon Festinger (1957) als &#8222;kognitive Dissonanzen&#8220;. Die treten immer dann auf, wenn Informationen, Erkenntnisse oder Sinneseindr\u00fccke nicht so recht mit dem individuellen Selbstbild in Einklang zu bringen sind. Und solche Unstimmigkeiten werden in aller Regel als ziemlich unangenehm empfunden, kurz: sie machen das Gehirn wuschig und wollen so schnell wie m\u00f6glich eliminiert bzw. harmonisiert werden.<\/p>\n<p>Und kommt mir jetzt nicht mit dem Vorschlag, das Rauchen aufzugeben. Das hie\u00dfe, das Gehirn zu untersch\u00e4tzen, und das sollte man &#8211; zumindest in meinem Fall &#8211; nicht tun. Da gibt es n\u00e4mlich noch tausend andere M\u00f6glichkeiten, man muss sich da nur mal mit einem Raucher unterhalten, wenn er nicht gerade drau\u00dfen vor der T\u00fcr steht (oder sich &#8211; im Sommer &#8211; dazustellen).<\/p>\n<p>Um aber jetzt den Nichtrauchern den Wind aus den Segeln zu nehmen, m\u00f6chte ich ein anderes Beispiel nehmen. Im bekanntesten Experiment von Leon Festinger wurden Freiwillige stundenlang mit einer h\u00f6llisch langweiligen Aufgabe maltr\u00e4tiert. Anschlie\u00dfend bat man sie, ihren Nachfolgern weiszumachen, dass diese Aufgabe wirklich Spa\u00df mache. F\u00fcr diese kleine Schwindelei wurde der einen Gruppe eine Belohnung von 1 Dollar angeboten, die andere Gruppe erhielt 20 Dollar. Und schlie\u00dflich wurde Ihnen noch ein Formular untergeschoben, in dem sie unter anderem die Frage beantworten mussten, wie ihnen denn die Aufgabe eigentlich gefallen habe.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die Personen der gut entlohnte Gruppe meist zugaben, dass es uns\u00e4glich langweilig war, kreuzte die andere Gruppe unisono an, es sei gar nicht so schlimm gewesen. Offensichtlich war ein Dollar zu wenig, um ihre L\u00fcge vor sich zu rechtfertigen. Weshalb sie kurzerhand die Dissonanz ein wenig reduzierten, indem sie sich selbst belogen.<\/p>\n<p>Diese &#8222;Theorie der kognitiven Dissonanz&#8220; geh\u00f6rte schon immer zu meinen Lieblingen. Es gibt unz\u00e4hlige sch\u00f6ne Experimente (unter anderem eines, indem schmutzige W\u00f6rter vorkommen, aber damit will ich die zarten Seelen meiner ausnahmslos jugendlichen Leser nat\u00fcrlich nicht behelligen). Und auch wer sich zun\u00e4chst sicher ist, &#8222;sowas w\u00fcrde ich nie tun!&#8220;, der wird sich irgendwann geschlagen geben m\u00fcssen: Der Mensch ist ein Meister der L\u00fcge und schafft das am besten bei sich selbst. <sup>1)<\/sup><\/p>\n<p>Mir ist jetzt allerdings aufgefallen, dass es beim Schmecken und Riechen einen \u00e4hnlichen Mechanismus gibt:<\/p>\n<p>Seit ein paar Wochen steht vor meinem bevorzugten Supermarkt zweimal die Woche ein H\u00e4hnchenbrater, an dem ich vorbei muss, wenn ich den Markt verlasse und meist ohnehin die Geldb\u00f6rse noch in greifbarer N\u00e4he habe. Und immer riecht es aus dieser Bude herrlich, irgendwie archaisch und verlockend. Und immer tausche ich eine T\u00fcte gegen einen Edelstein. Und immer schmeckt es f\u00fcrchterlich.<\/p>\n<p>Manchmal &#8211; beim Entsorgen der T\u00fcte &#8211; ertappe ich mein Gehirn, wie es arbeitet: Schau dir mal das Preisschild an und vergleiche es mit dem Biohuhn bei der Gefl\u00fcgelfrau, was erwartest du? \u00dcberleg mal, wie lange die Dinger da schon schmoren, meinst du, das tut denen gut?. Was spricht denn dagegen, einen Vogel zu fangen, mit Gew\u00fcrzen einzureiben und auf eine Bierdose geklemmt in den Ofen zu schieben? Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?<\/p>\n<p>Aber dann sind die Dissonanzen doch irgendwie zu gro\u00df und es stellt die Arbeit wieder ein. Es kommt noch so weit, dass ich am freien Willen zweifle!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>_______________________________________________________________<br \/>\n<sup>1) <\/sup>Man h\u00e4tte sich die Theorie nat\u00fcrlich auch sparen k\u00f6nnen, weil schon Friedrich Nietzsche wusste: &#8222;Das habe ich getan, sagt mein Ged\u00e4chtnis; das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz; und endlich gibt mein Ged\u00e4chtnis nach.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich rauche. Und ich kenne Menschen, die mich davor warnen. Und zu allem Elend halte ich diese Menschen nicht f\u00fcr grunds\u00e4tzlich bl\u00f6d. Also zumindest nicht alle und nicht immer. Sowas erzeugt nat\u00fcrlich Spannungen. In den Sozialwissenschaften bezeichnet man das seit Leon Festinger (1957) als &#8222;kognitive Dissonanzen&#8220;. 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