{"id":822,"date":"2012-10-18T21:11:27","date_gmt":"2012-10-18T20:11:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.merle-buehrer.de\/gs\/?p=822"},"modified":"2012-10-18T21:24:16","modified_gmt":"2012-10-18T20:24:16","slug":"hoppala","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/2012\/10\/18\/hoppala\/","title":{"rendered":"Hoppala"},"content":{"rendered":"<p>\u2026 sagte das kleine gr\u00fcne M\u00e4nnchen, das gerade mit seiner putzigen Untertasse vor mir auf der Arbeitsplatte aufgedotzt war. Er sch\u00fcttelte sich kurz, z\u00fcckte so etwas wie ein kleines Notizbuch und fragte mit strengem Blick: &#8222;Was machst&#8217;n du da?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich koche&#8220;, sagte ich, aber &#8222;Papperlapapp!&#8220;, erregte er sich sofort, &#8222;kochen kenn ich: Erdisch-Lektion 1; Wasser, blubbern, 100\u00b0C (nicht zu verwechseln mit R\u00e9aumur). Und? Blubbert hier was? Da wird noch nicht mal was erw\u00e4rmt! Also, was machst&#8217;n du da?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Okay, du hast Recht. Ich bereite das Kochen vor.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Zu!&#8220; rief er, fast erbost. &#8222;Zu-bereiten hei\u00dft das! Menschen bereiten das Essen zu, nicht vor!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nein, mein Kleiner, da h\u00e4ttest du vielleicht besser nicht ab Lektion 2 schw\u00e4nzen sollen. Die Vorbereitung ist n\u00e4mlich die K\u00f6nigsdisziplin in der K\u00fcche, die Zubereitung ist dann ein Klacks \u2013 fast wie Dose \u00f6ffnen, Ravioli erw\u00e4rmen, fertig! Erb\u00e4rmlich! Nur durch eine ordentliche Vorbereitung, das Zurechtlegen von Schneidebrett, scharfem Messer, Zutaten, Salz, Pfeffer, Knoblauch, Zwiebeln, nur wenn das alles akkurat rechtwinklig vor dir griffbereit liegt, jedes an seinem Platz, nur dann kann der Koch den Grad an Konzentration erreichen, der unabdingbar ist, um aus unscheinbaren Pflanzen zusammen mit etwas Inspiration und zwei oder drei sparsam dosierten Gew\u00fcrzen ein Fest f\u00fcr Zunge und Gaumen zu arrangieren, auf dem die Sinne tanzen und springen und vor lauter Tollheit fast platzen. Sagt dir der Begriff &lt;Mis en Place&gt; etwas?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Misso-Blass? Nie geh\u00f6rt, komm erz\u00e4hl schon, ich hab nicht viel Zeit.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nicht viel Zeit? Vergiss es! Such dir was anderes zum Studieren! Brunoise h\u00e4tt ich auch sagen k\u00f6nnen. Sagt dir Brunoise was? Das ist klitzeklitzeklein gefitzeltes Irgendwas, egal was. In der feinen K\u00fcche gibt&#8217;s es nicht mal ein Butterbrot ohne Brunoise. Weil der Koch sonst gar nicht in die G\u00e4nge kommt \u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Meine G\u00fcte, h\u00f6r auf&#8220;, sagte das kleine gr\u00fcne M\u00e4nnchen, &#8222;ich kann hier nicht ewig rumsitzen. Was willst du denn jetzt h\u00e4ckseln, sag schon.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ja, wei\u00dft du, da ich heute alleine bin, dachte ich an Pasta. Ziemlich puristisch, ein wenig Oliven\u00f6l, etwas Knoblauch und ein paar angegl\u00e4nzte Tomatenw\u00fcrfelchen, Salz, Pfeffer, ein klein wenig Oregano und ein Glas Wein.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und was erz\u00e4hlst du mir dann stundenlang von Misso-Blass und Br\u00fcno-Dings? Das kannst du doch alles in die Pfanne hauen, ein paar Spaghetti dr\u00fcberkippen und gut is?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Oh je, Au\u00dferirdischer, du musst noch viel lernen! Schau mal, das Oliven\u00f6l. Ganz hinten im Schrank, gut versteckt, steht ein ganz kleines Fl\u00e4schchen mit nur noch wenigen Tropfen ausgesuchter Fl\u00fcssigkeit, die nicht in falsche H\u00e4nde kommen darf. Es k\u00f6nnte b\u00f6se Folgen haben! Stell dir vor, ich w\u00fcrde aus lauter Hektik die falsche Flasche nehmen und etwa zum Frittier\u00f6l greifen \u2013 unvorstellbar, der Abend w\u00e4re gelaufen! Also muss ich zuerst das Fl\u00e4schchen suchen, vorsichtig schnuppern und dann and\u00e4chtig zur Anrichte tragen, vielleicht nochmal kurz kontrollieren, ob nicht vielleicht heute Abend doch das leicht fruchtige \u00d6l vorzuziehen w\u00e4re. Das will nicht \u00fcberst\u00fcrzt entschieden werden. Und dann der Knoblauch \u2026&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Knoblauch-Fresse!&#8220; schrie der Kleine, stolz auf seine Vokabelkenntnisse dazwischen, &#8222;Knoblauch-Fresse!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Um Gottes Willen! Schweige, Gr\u00fcngestreifter, sofort! Erstens hei\u00dft das &#8222;Knoblauch-Presse&#8220; und zweitens: Vergiss es, sofort! Niemals, h\u00f6rst du, niemals sollst du eine Knoblauchzehe durch solch ein Folterinstrument qu\u00e4len, niemals nie! W\u00e4hle dir, wie ich es tue, ein glattes scharfes Messer und hoble feine Sp\u00e4ne. Vergiss nicht dabei wohlig einzuatmen, denn dieser Geruch, den du jetzt wahrnimmst, wird nur noch \u00fcbertroffen von dem, der entsteht, wenn diese Scheibchen kurze Zeit sp\u00e4ter im hei\u00dfen \u00d6l baden und golden-kross, aber Vorsicht: nicht zu dunkelwerden lassen, durch die Pfanne schwimmen. Und vergiss bitte nicht zu schnuppern!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Joyjoyjoy&#8220;, winselte der nichtswissende Gr\u00fcnling, &#8222;jetzt mach endlich die Tomatendose auf!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich fass es nicht, Tomatendose! Schon richtig, Kleiner, es gibt Zeiten in denen man zur Konserve greifen muss, wenn man nicht in tiefe Depression verfallen will. Aber doch nicht jetzt! Schau hier: die zwei letzten Tomaten aus dem Garten, vollgesogen mit der Kraft der Sonne, aromasatt und griffbereit, gewaschen, getrocknet, des \u00f6fteren liebkost. Die gilt es jetzt zu sch\u00e4len, Gallert und Kerne zu entfernen und die Filets in kleine W\u00fcrfelchen zu zerteilen. Bitte st\u00f6re mich jetzt nicht. Wenn auch nur zwei W\u00fcrfelchen nicht exakt die gleiche Kantenl\u00e4nge h\u00e4tten, w\u00fcrden wir die Komposition st\u00f6ren \u2013 schau mal bei Robert im Blog vorbei, der kann das!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Eigentlich hab ich&#8217;s ja f\u00fcrchterlich eilig, aber sag mal, k\u00f6nntest du vielleicht ein oder zwei Spaghetti mehr in den Topf werfen, dann k\u00f6nnte ich mitessen?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Nat\u00fcrlich! Wenn ich gewusst h\u00e4tte, dass G\u00e4ste kommen, h\u00e4tte ich die Spaghetti selbst gemacht, aber sei&#8217;s drum \u2013 setzt dich hier auf den Tisch. Magst du ein Glas Wein? Eigentlich w\u00fcrde ein Roter besser passen, aber heute Morgen habe ich im Keller unverhofft eine Flasche Riesling von Fritz Haag entdeckt, der wird auch gehen.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Hmmh&#8220; murmelte er nach einer Weile, &#8222;kann ich noch einen Tropfen von dem \u00d6l? Dieses Misso-Blass muss ich mir notieren. Warum hast du bisher diese kleingew\u00fcrfelte Chilischote nicht erw\u00e4hnt, die passt gut.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Auch aus dem Garten. Erstaunlich mit so wenig Sonne dieses Jahr, nicht? Nun ja, ich dachte ja nicht, dass du hier bist, um Rezepte zu sammeln. Apropos: warum bist du eigentlich hier?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Na ja&#8220; sagte er und nippte vom Riesling, &#8222;eigentlich steht ihr ja schon seit zwei-, dreihundert Jahren auf unserer Liste. Wir sammeln Kulturen, aber da ward ihr halt nie so ganz hohe Priorit\u00e4t. Jetzt m\u00fcssen wir uns aber ein bisschen ranhalten.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ranhalten? Warum denn das?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Was wei\u00df ich. Eine Biene, Maja oder so \u00e4hnlich, hat ihren Kalender verloren, und ist wohl so sauer, dass sie euren Erdhaufen pulverisieren will. Wird h\u00f6heren Orts ziemlich hei\u00df gehandelt. Bis 21.12. haben wir noch Zeit, ein paar Informationen zu sammeln. Ich muss dann mal los.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Das glaubst du doch selbst nicht, oder?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Ich wei\u00df nicht. Aber mach dir keine Sorgen. \u00dcber Br\u00fcno-Nass und Misso-Blass muss ich mehr wissen.&#8220; Er hielt mir sein Patscheh\u00e4ndchen hin und sagte: &#8222;Ich hol dich hier raus. Schlag ein.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Abgemacht.&#8220;<\/p>\n<p>____________________________________<br \/>\nAch ja, K\u00fcchenschabe, als Antwort-Kommentar w\u00e4r&#8217;s ein bisschen lang geworden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u2026 sagte das kleine gr\u00fcne M\u00e4nnchen, das gerade mit seiner putzigen Untertasse vor mir auf der Arbeitsplatte aufgedotzt war. 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