{"id":919,"date":"2013-03-11T22:41:17","date_gmt":"2013-03-11T21:41:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.merle-buehrer.de\/gs\/?p=919"},"modified":"2013-03-11T22:48:06","modified_gmt":"2013-03-11T21:48:06","slug":"autsch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/merle-buehrer.de\/gs\/2013\/03\/11\/autsch\/","title":{"rendered":"Autsch!"},"content":{"rendered":"<p>Angenommen, ich w\u00e4re ein Huhn \u2026 Nein, so geht das nicht, also nochmal vorn:<\/p>\n<p>Angenommen, es g\u00e4be eine Maschine, die aus K\u00f6rnern, W\u00fcrmern und Gras Fr\u00fchst\u00fcckseier produzieren k\u00f6nnte, was w\u00e4re das f\u00fcr ein Gesch\u00e4ft (und was f\u00fcr eine lohnende Geldanlage)! Ich w\u00e4r sofort dabei. Und ich w\u00fcrde auch sofort auf den Zug aufspringen, wenn es eine Maschine g\u00e4be, die aus Gras, Stroh und Billigweizen fettige, sahnige Milch machen k\u00f6nnte. Oder eine andere, die aus allerlei Abfall allerlei Schweinebraten herstellen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Genug getr\u00e4umt, denn all das gibt es ja l\u00e4ngst. Meistens ziemlich effektiv, oft mit ansprechendem Design, zum Beispiel flauschig gelb bis fedrig-wei\u00df die einen, rosa ferkelig die anderen oder auch braun bis gefleckt mit gro\u00dfen Augen und Gleichmut im Blick.<\/p>\n<p>Wir d\u00fcrfen sie halt nicht &#8222;Maschinen&#8220; nennen, sondern m\u00fcssen &#8222;Tiere&#8220; sagen \u2013 mit allen unangenehmen Folgen, die sich daraus ergeben. Obwohl wir sie ja &#8222;gemacht&#8220; haben, so wie sie jetzt sind. Und der gro\u00dfe Kreator w\u00fcrde bestimmt die H\u00e4nde \u00fcber dem Kopf zusammenschlagen, wenn ich ein so weltliches Bild einmal benutzen darf, zusammenschlagen \u00fcber den nach vorne kippenden Truth\u00e4hnen, die sich nicht mehr selbst vermehren k\u00f6nnen oder \u00fcber den laufenden Eutern. Nein, dieses Bild stimmt auch nicht, das Wort <em>laufen<\/em> sollte man da wohl nicht leichtfertig benutzen.<\/p>\n<p>Aber effektiv sind sie schon diese Maschinen, und klug geplant und sorgf\u00e4ltig umgesetzt und picobello sauber und hygienisch. Wenn sie nur nicht so eine verdammte \u00c4hnlichkeit mit K\u00fcken und Ferkeln und K\u00e4lbchen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Denn schon kommen die um die Ecke, die die Maschinen mit Tieren verwechseln und schreien: &#8222;Stopp dem H\u00fchnermord!&#8220; und &#8222;Grausam!&#8220; und &#8222;Wahlrecht f\u00fcr Erdbeeren!&#8220;, blo\u00df weil man ein paar Maschinen ein paar Federn wegoptimiert hat und die anderen zwecks Arbeitserleichterung von ihrem Ringelschw\u00e4nzchen befreit hat und Erdbeeren doch auch arme Schlucker sind.<\/p>\n<p>Aber mal ehrlich: Es gibt kaum noch Kinder, die f\u00fcr Cowboy-und-Indianer H\u00fchnerfedern brauchen, und wenn dann will keiner der Indianer sein. Und welcher Mensch will schon ein Ringelschw\u00e4nzchen haben. Und die Erdbeeren sollen erst mal wie Erdbeeren schmecken, dann k\u00f6nnen wir auch \u00fcbers Wahlrecht reden \u2013 zumindest in Italien.<\/p>\n<p>Aber NEIN: ich will mir keine Feinde machen und ich bin ja auch empfindlich. Und auch ich hab bei Bambi geweint.<\/p>\n<p>Und so ging es bestimmt vor ein paar Jahren auch <a href=\"http:\/\/philosophy.artsci.wustl.edu\/people\/adam-shriver\" target=\"_blank\">Adam Shriver<\/a>, einem amerikanischen Philosophen. Und so ein Philosoph hat nat\u00fcrlich ganz andere M\u00f6glichkeiten als unsereins, wenn er denkt: &#8222;Das tut denen doch weh!&#8220; Ich w\u00e4re als Philosoph erst mal auf die Idee gekommen, zu behaupten, dass es gar nicht weh tut, weil nur Menschen Leid empfinden k\u00f6nnen oder so \u00e4hnlich. Aber Herr Shriver wusste, dass er damit nicht sehr weit kommen w\u00fcrde. Als moderner Philosoph hat er nat\u00fcrlich nicht nur die alten Schinken gelesen, sondern nebenbei auch ein bisschen Neurologie geh\u00f6rt und auch gleich einen bahnbrechenden Artikel in der Zeitschrift Neuroethics verfasst: &#8222;<a href=\"http:\/\/philpapers.org\/rec\/SHRKOP\" target=\"_blank\">Knocking out pain in livestock: Can technology succeed where morality has stalled?<\/a>&#8220; und behauptet: <em>&#8222;I argue that there may be a technological solution to the problem of animal suffering in intense factory farming operations.&#8220;<\/em> (- <span style=\"color: #444444; font-family: Arial; font-size: 9pt; background-color: white;\">Ich vertrete die Auffassung, dass es eine technologische L\u00f6sung f\u00fcr das Problem des Leidens von Tieren in intensiver Haltung geben kann \u2013)<\/span> K\u00fcrzer und etwas leichter zu lesen in einem Artikel der New York Times: &#8222;<a href=\"http:\/\/www.nytimes.com\/2010\/02\/19\/opinion\/19shriver.html\" target=\"_blank\">Not Grass-Fed, but at Least Pain-Free<\/a>&#8222;)<\/p>\n<p>Mal abgesehen davon, dass Philosophen gerne geschwollen von Dingen daherreden, von denen sie m\u00f6glichst wenig verstehen, ist sein Idee bestechend. Ich fasse mal grob zusammen:<\/p>\n<p>Das Gehirn von S\u00e4ugetieren, so hat er irgendwo gelesen, hat zwei verschiedene Mechanismen entwickelt, Schmerz wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Der eine ist zust\u00e4ndig f\u00fcr die Ortung des Schmerzes, die Stelle, die Qualit\u00e4t und die Intensit\u00e4t. Und der andere stellt fest, ob das lustig ist (&#8222;senses the pain&#8217;s unpleasantness&#8220;). Am ersten, schl\u00e4gt er vor, solle man besser nicht rumpfuschen. Denn dann w\u00fcrde z. B. eine Ratte, die auf eine hei\u00dfe Herdplatte latscht, den Fu\u00df nicht zur\u00fcckziehen \u2013 mit nachvollziehbaren Folgen. Der andere allerdings sei wunderbar geeignet, ausgeschaltet zu werden; man m\u00fcsse nur eine Protein entfernen und: Schwupps! Die Ratte zieht den Fu\u00df zur\u00fcck und l\u00e4chelt!<\/p>\n<p>Ich bin mir mit Herrn Shriver einig, dass das toll w\u00e4re und dass das klappen wird \u2013 auch bei Schweinen, G\u00e4nsen und K\u00fchen. Die kriegen das hin, die Neurologen und Gen-Forscher! Durchhalten ihr armen Schweine, bald tut&#8217;s nicht mehr weh!<\/p>\n<p>Ein wenig nachdenklich macht mich nur, dass andere Rezipienten (z.B. in der <a href=\"http:\/\/www.wissenschaft.de\/wissenschaft\/hintergrund\/308625.html?page=0\" target=\"_blank\">bild der wissenschaft<\/a>) nicht so euphorisch reagieren wie wir. Vielleicht sind wir unserer Zeit einfach voraus und m\u00fcssen noch ein bisschen abwarten \u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Angenommen, ich w\u00e4re ein Huhn \u2026 Nein, so geht das nicht, also nochmal vorn: Angenommen, es g\u00e4be eine Maschine, die aus K\u00f6rnern, W\u00fcrmern und Gras Fr\u00fchst\u00fcckseier produzieren k\u00f6nnte, was w\u00e4re das f\u00fcr ein Gesch\u00e4ft (und was f\u00fcr eine lohnende Geldanlage)! Ich w\u00e4r sofort dabei. 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