Rückblicks-Reue

Es tut mir so leid. Dass ich im August angefangen habe zu bloggen. Und damit Menschen verärgert oder gar verletzt oder geschädigt habe. Natürlich ohne es zu wissen und ohne es zu wollen. Ich hätte es sonst nicht gemacht. Sicher nicht.

Ich hab mir ja überhaupt keine Gedanken gemacht. Einfach losgelegt. Gut, dass ich nicht kochen kann und nicht fotografieren und auch nicht richtig schreiben, das hat mir schon ein wenig zu denken gegeben. Aber hey, wer kann das schon? Und was macht das schon? Braucht ja keiner zu lesen.

Aber dann. Dann habe ich über Zwetschgen-Marmelade geschrieben, natürlich mit Haut. Weil ohne Haut ist ja öde, das geht ja gar nicht. Und dann saß ein paar Tage später irgendwo auf der Welt ein Mensch, Mann oder Frau, wahrscheinlich abends, nur mit Schummerlicht vor seinem hell erleuchteten Bildschirm und rückte die Tastatur zurecht, um das Google-Orakel mit seiner Frage zu füttern: „zwetschgenmarmelade ohne haut„.

Und was macht Google? Schickt ihn zu den Tischgesprächen, auf exakt diese Seite, auf der erklärt wird, warum Zwetschgenmarmelade ohne Haut eine ganz schlechte Idee ist. Dumm gelaufen, könnte man denken; es könnte aber auch eine Tragödie dahinter stecken.

Wenn zum Beispiel beim Abendessen der Ehemann schlechte Laune hatte und im Laufe der Dinge dann zu allem anderen seiner Ehefrau auch noch hinterherrief, dass sie ja noch nicht mal ordentliche Zwetschgenmarmelade machen könne, da seien ja in ihrer Pampe immer so komische Hautfetzen drin! In diesem Falle könnte doch diese Ehefrau geknickt, aber reumütig und einsichtig, Google gefragt haben, um ihrem Göttergatten, den sie doch trotz allem ziemlich lieb hat, einen Gefallen zu tun und in Herrgottsnamen halt mal eine Marmelade ohne Haut zu machen. Und dann liest sie das bei den Tischgesprächen und kommt prompt ins Grübeln: Ich bin also nicht allein, denkt sie. Da sind auch noch andere, die gerne Haut im Gsälz mögen, vielleicht sogar die Mehrheit. Wahrscheinlich sogar alle, außer ihrem verblödeten Eduard, der ja von nix keine Ahnung nicht hat und noch nie hatte – ihre Mutter hatte sie schon immer vor ihm gewarnt. Und rennt – wieder aufgebracht und kampfeslustig – zurück ins Wohnzimmer, wo ihr Eduard bei einem Bier vor der Glotze sitzt. Und sagt es ihm. Alles. Auch dass er sich sein blödes hautloses Gsälz in den Hintern schieben soll, und dass sie keinen Bock mehr hat, sich von einem kulinarischen Hinterwäldler auf den Nerven rumtrampeln zu lassen. Und sie fahre jetzt mit den Kindern  zu ihrer Mutter. Und ist wahrscheinlich inzwischen schon geschieden – und ich bin schuld. Es tut mir so leid.

Oder die Geschichte mit den Eicheln. Ich hab doch angesichts eines riesigen Baumes im Hof nur die Frage gestellt, ob man die Eicheln wenigstens essen kann, wenn sie schon in dieser großen Zahl im Hof rumliegen. Nur eine Frage. Aber Heerscharen von Menschen scheint das auch umzutreiben. Weshalb sie „eicheln essen“ oder „was passiert wenn man eicheln essen“ eintippen, nur um dann zu erfahren, dass irgend so ein Klugscheißer das Maul aufreißen muss, es aber auch nicht weiß. Leute, wenn ich das geahnt hätte, hätte ich doch vorher recherchiert! Es tut mir leid.

Tja, und dann das Weihnachtsrätsel. Warum bin ich Volltrottel nicht von alleine auf die Idee gekommen, dass an Weihnachten der ganzen Welt langweilig ist. Und sie dann halt mal bei Google nach einem „weihnachtsrätsel“ (auch „weinachtsrätzle„) suchen. Liegt doch auf der Hand. Hätte ich doch wissen müssen, und nicht aberhunderte auf eine völlig rätselfreie und humorlose Seite locken dürfen. Es tut mir so leid. Ich mach es bestimmt nächstes Jahr nicht wieder.

Andererseits: ein oder zwei Leuten konnte ich wohl auch helfen. Bei „magenbrot kauf wo“ kann man hier nämlich die Antwort nachlesen: selber machen! Das tut mir nicht leid. Ob ich bei „kritischer punkt wasser“ hilfreich sein konnte, ist mir nicht ganz klar. Und an „salzmandeln + verdauungsbeschwerden“ kann ich mich zumindest nicht mehr erinnern. Bei „saufen ersetzt“ ist mir zwar die Frage nicht ganz klar, aber ich könnte mir schon vorstellen, dass ich dazu was geschrieben habe oder demnächst ein paar Worte dazu  zu sagen habe. Und es würde mich schon interessieren, wo der Fragende bei „sensationeller nachtisch“ gelandet ist, das such ich nämlich auch immer. Ganz sicher fündig geworden ist auch der Google-Benutzer mit der bescheidenen Frage nach „ein rezept von alfons schuhbeck“ – da gibt es schon das eine oder andere.

Aber zurück zu all den anderen, den Enttäuschten und den Fehlgeleiteten. Es tut mir wirklich leid.

Schatzgräber

Es gab im gerade vergehenden Jahr tatsächlich einige Tage, an denen nicht mehr als – sagen wir mal – hundert oder hundertfünfzig Rezepte im Feedreader waren.

An solchen Tagen ist guter Rat teuer: Was essen? Ins Restaurant gehen? Ist meist enttäuschend. Sich selber was einfallen lassen? Au Mann, auch das noch.

Andererseits ist an solchen Tagen auch eine gute Möglichkeit, der schnelllebigen Welt ein Schnippchen zu schlagen. Die meisten Blogs haben nämlich nicht nur die Homepage mit dem dernier cri, sondern auch ein Archiv. Teilweise mit furchtbar vielen Jahren und fast immer 12 Monaten mit oftmals an die zwanzig Posts. Wer will, kann das jetzt mal ausrechnen – ich warte solange …

… das sind ganz schön viele, oder? Und es kommt noch besser: kaum stöbert man ein bisschen, schon tauchen da wahre Schätze auf – normalerweise vergraben unter meterdicken Staubschichten – hab ich das Wort „schnelllebig“ schon erwähnt?

Und wenn dann einer dieser Tage kommt, an denen man denken könnte, der Feedreader müsste mal wieder zur Inspektion, da kann doch was nicht stimmen, dann mach ich den Indiana Jones. Zieh meinen Raiders Style Hut auf, schlüpfe in die Tony Nowack Jacke, schnapp mir die Bullenpeitsche und – tauche mit verwegenem Blick ganz tief ein in die Archive.

Kann ich nur empfehlen. Und rechtzeitig zum Jahres-Ende (Rückblick all überall) ist hier meine Liste mit den Top 4 Schätzchen, gefunden 2011:

Die Kategorie Hauptspeise teilen sich Robert und Frau L. (hoffentlich einvernehmlich).

Robert macht für uns „Filetto di maiale al aceto balsamico“ (zuerst im Mai 2007, dann erneut im Juni 2010). Ich habs im Februar entdeckt, gerade rechtzeitig zum selbst gemachten Kalbs-Jus, und war und bin immer noch begeistert. Unaufwändig und entspannt in der Zubereitung (auch für Gäste), absolut gelingsicher und ein hocharomatischer Genuss – jedes Mal.

 

 

Während Frau L. es schafft, mit ihren „Ravioli pasticciati“ (Oktober 2008) auch Resteküche zu einem wohlschmeckenden Ereignis zu machen, oder – wie Robert es ausdrückt – „dicke, mehlig-pappige Ravioli geniessbar zu machen“. Mir kam es im Juni wie gerufen, als plötzlich die Schwägerin auftauchte und nur ein paar übrige Maultaschen greifbar waren. Die Tomaten waren schon rot, aber … Ist aber (fast) egal, weil durch das „Confieren“ auch rote Plastikbälle Geschmack annehmen und zusammen mit dem Käse, den Semmelbröseln und dem (Halb-)Rahm übrige Teigwaren hervorragend aufpeppen.

In der Kategorie Nützliches tummelt sich – wer sonst – Steph.

Dem „Knoblauch-Confit“ (Juni 2010) habe ich um ehrlich zu sein, nicht allzuviel zugetraut. Aber Skepsis hin, Skepsis her, als ich im August viel zu viel wunderbaren Knoblauch nach Hause gebracht habe, wars einen Versuch wert. Und das war es! Als ich es jetzt zum ersten Mal probiert habe, musste ich zugeben: Deutlich besser als die vertrockneten, schrumpeligen Knollen vom Markt.

In der Kategorie Dessert findet sich ein Schätzchen von Johannes:

Die „Karamellbirnen Vincent Klink mit Vanilleeis“ (vom Oktober 2010) sind definitiv wert, nachgekocht zu werden. Leider erst im Dezember gefunden, aber heutzutage endet die Birnensaison ja nicht so schnell. Apropos Birnen: man sollte den guten Rat von Johannes befolgen und die Birnen rechtzeitig kaufen, damit man sie noch nachreifen lassen kann. Mit harten Birnen gehts nämlich definitiv nicht, aber ansonsten kein bei der Gewürzorgie nichts schief gehen.

 

 

 

Weihnachtsrätsel

In die folgende kleine beschauliche Weihnachtsgeschichte

„Mamaaaa! Weihnachtseier suchen macht überhaupt keinen Spaß, wenn Onkel Google alles verrät!“

haben sich ein paar Fehler eingeschlichen. Welche?

Einsendeschluss ist der 21.12.2012

Küchelchen

Ich bin von Natur aus nicht eben gesellig. Gelegentlich trifft auch die Bezeichnung Teilzeit-Misanthrop ganz gut. Und ab und an muss ich Sowinetz auflegen: „Alle Menschen san ma zwida, i mechts in die Goschn haun“ – ich kann da mit Inbrunst mitsingen.

Tafelrunden wollen deshalb hinsichtlich der teilnehmenden Personen fein austariert sein, wenn sie nicht zum Desaster werden sollen. Das klappt natürlich nicht immer. Ganz nachteilig wirkt sich meist die Anwesenheit von eindimensionalen Menschen aus. Eindimensional in diesem Zusammenhang sind Menschen, die nur ein Thema haben, das aber richtig und mit Verve. Vegetarier, Nichtraucher, Frauenversteher, Prenzlauer Berg, diese Richtung.

Neulich zum Beispiel war es ein schwangeres Pärchen. Nicht, dass er auch schwanger gewesen wäre, aber das wusste er gut zu verbergen. Und obwohl mir mehrmals durch den Kopf ging, dass Unfruchtbarkeit unter gewissen Umständen ein Segen für die Welt sein könnte, gab ich mir Mühe, das schleppende Tischgespräch in Gang zu halten. Was es denn mal werden solle, nein, nicht beruflich (hahaha), Junge oder Mädchen? Beider Antwort war unisono: Natürlich ein Mädchen! Meine Nachfrage – man muss ein so interessantes Gespräch ja am Laufen halten – ob sie schon mal darüber nachgedacht hätten, dass „Made“ und „Mädchen“ nicht von ungefähr denselben Wortstamm hätten, und sie sollten sich in Acht nehmen, hinterließ sie allerdings mit offenem Mund. Was einem Gespräch naturgemäß abträglich ist, worauf es auch ziemlich bald ab- und das Pärchen dankenswerterweise aufbrach.

Bevor sich jetzt alle Oberstudienräte melden: Ja, ich weiß natürlich auch, dass Mädchen nicht von Made kommt, sondern von der kleinen Magd – dem „Mägdchen„. Aber soll ich mir deswegen ein Bonmot durch die Lappen gehen lassen? Nee! Zumal auch diese gottgewollte Rolle von heutigen Generationen ja leider nicht mehr aus vollem Herzen und mit Hingabe ausfüllt wird. Was man als Mann durchaus schade finden kann.

Wie komm ich jetzt eigentlich darauf? Ach ja, Verkleinerungen – Made und Mädchen. Ich wollte nämlich ursprünglich in meinem Küchelchen ein Küchelchen backen. (Frau T. protestiert im Hintergrund: „Wenn dir diese Küche nicht groß genug ist, kann ich dir auch nicht helfen!“ Stimmt ja, aber soll ich mir deswegen ein Bonmot durch die Lappen gehen lassen? Nee!)

Das Problem ist nur, dass ich mit Diminutiven in der Küche eigentlich wenig anfangen kann. Ich backe lieber in der Küche einen Kuchen – schließlich ist das hier kein Mädchen-Blog! Also weniger Törtchen und Salätchen, viel lieber Torten und Salate und am besten ein ordentliches Stück Fleisch – keine Putenstreifchen. Als einzige Ausnahme lasse ich „Spätzle“ gelten.

Leider ist aber das Augmentativ1) im Deutschen unbekannt. Wie soll man denn in einer Sprache kochen oder backen, die keine Vergrößerungsform kennt? Kann das der Grund sein, dass die deutsche Küche jahrzehntelang so vernachlässigt wurde? Weil es keine Wörter gibt? Wäre eine Erklärung.

1) Im Italienischen gibt es zum Beispiel die Suppe (minestra), die mit dem Augmentativsuffix –one erst zur „richtigen“ Suppe (minestrone) wird, die Portugiesen haben die Endung –ão (limalimão), im Spanischen kann durch allesmögliche vergrößert oder verstärkt werden (hombre wird mit –ón zum hombrón[kräftig], mit –azo zum hombrazo [riesig], mit –acho zum hombracho [grotesk,häßlich], mit –ote zu hombrote [ungeschlacht]), wenn man eine Flasche (botella) Wein trinkt, dann ist es nicht schlecht, aber besser ist eine bottelón (große Flasche). Den armen Deutschen bleiben eigentlich nur die beiden Präfixe super– und hyper-, und die sind auch nur ausgeliehen. Oder das unsägliche XXL. Und dass wir das dringend bräuchten, zeigt die Million (mille+-one = ein großes Tausend), aber die ist ja inzwischen durch die Milliarde mehr als ersetzt.

Magenbrot

„Magenbrot, na und?“ wird jetzt mancher von euch sagen (oder denken, ich weiß ja nicht, ob ihr mit eurem Monitor redet). Gibt es doch auf jeder Herbstkirmes, oder jetzt an jeder Ecke, auf jedem Weihnachtsmarkt. Was will er denn jetzt damit? Hat er sie noch alle?

Gibt es eben nicht! Nicht hier im kargen Norden! Ich hab sie alle abgeklappert, alle Herbstmärkte, alle Weihnachtsmärkte, alles. Ich hab dann was gegessen, was sie hier Schmalzgebäck nennen – wahrscheinlich bedeutet „Schmalz“ auf norddeutsch auch ganz was anderes, ein(e) „Semmel“ zum Beispiel ist groß wie ein Laib, aus Hefeteig und mit Rosinen drin!

Aber zurück zum Magenbrot. Zu Anfang der Saison, beim ersten Herbstmarkt, war das ja noch eher ein kleiner Wunsch: „Ich hätt jetzt gern eine Tüte Magenbrot“ sag ich so nebenbei zu Frau T. Und sie: „Dann kauf dir halt eine.“ – wie Frauen halt manchmal so sind. Und auf meinen fragenden Blick (ich kann mit den Augen „wo?“ fragen!) sagt sie doch glatt und mütterlich: „Komm, ich helf dir!“ Ein bisschen Genugtuung war dann schon auch im Spiel, als wir ohne Magenbrot nach Hause marschierten. Und ein Problem war es da noch keines.

Beim zweiten Markt dagegen war ich dann schon vorher ein wenig nörglerisch: „Och, Mensch, meinst du ich krieg heut eine Tüte Magenbrot?“ An Frau T. („Aber ja, Kleiner, nerv nicht!“) hat’s nicht gelegen, aber Magenbrot gab es trotzdem nicht. Auch nicht beim dritten und genauso wenig beim vierten Marktbesuch.

Etwa um diese Zeit – ich begann bereits, ab und zu Magenbrot-Orgien in meine Träume einzubauen – begab es sich, dass Robert ein Magenbrot-Rezept geposted hat. Sah Klasse aus, hörte sich richtig magenbrotig an. Tat meiner Depression überhaupt nicht gut. Aber Magenbrot selber machen? Gibt es doch an jeder Ecke, wer bin ich denn?

Gibt es aber eben nicht! Nicht hier im kargen Norden! Die Herbstmärkte zogen ins Land, die Magenbrot-Gelüste steigerten sich langsam zur Obsession – manchmal habe ich heimlich Roberts Seite aufgerufen und dann seufzend den entstandenen Speichel runtergeschluckt. Manchmal? Oft!

Ich hab in meiner Not Roberts Email-Adresse rausgesucht, um ihn zu fragen, ob er noch ein paar übrig hat. Aber das war mir dann doch etwas peinlich. Und dann: Care-Pakete aus der Schweiz? Täte dem sinkenden Selbstvertrauen der Euro-Ländern sicherlich nicht gut und hätte bestimmt Auswirkungen auf die Finanzmärkte – hab ich sein lassen und weiter trocken geschluckt.

Außerdem hatte ich noch eine klitzekleine Hoffnung: Auf den Weihnachtsmärkten, da wird es Magenbrot geben! Gibt es eigentlich überall auf der Welt. Also, da, wo es Weihnachtsmärkte gibt. Gibt es hier sicher auch.

Gibt es eben nicht! Nicht hier im kargen Norden! Also, ein allerletztes Mal Roberts Seite aufrufen, das Rezept kopieren, Einkaufszettel schreiben und ab in die Küche. Ich erspar euch das Rezept – könnt ihr bei Robert nachlesen – ich hab nämlich nichts geändert. Wer bin ich denn? Obwohl, bei 500g Puderzucker hab ich schon überlegt. Soviel Stoff hab ich noch nie auf einem Haufen gesehen. Bei uns wird das Zeug ja in homöopathischen Gebinden verkauft und der Herr Schuhbeck nimmt immer nur „1 TL“, wenn er mal wieder Fett sparen will (Pfui! Den wollte ich doch gar nicht erst ignorieren!) Ich hab mich dann aber zum Glück doch ans Rezept gehalten (schließlich macht Robert keine Fehler, und wenn, dann hätt einer seiner 3 Trilliarden Leser das bestimmt gemerkt):

Da baden sie und suhlen sich und liegen dann zum Trocknen aus

Und was soll ich sagen? Tiefe Dankbarkeit durchströmt mich. Dankbarkeit, dass ich in diesem Teil von Deutschland wohnen darf, wo es weder Brezenknödel noch Spätzle gibt, ganz zu schweigen von Magenbrot. Aber wenn es das gäbe, dann hätte ich nie diesen Geschmack der Glasur kennengelernt, nie diesen weichen Lebkuchen kosten dürfen und wäre nie mit hängender Zunge über der Keksdose gestanden und hätte die Frage: Noch einen? niemals immer mit JA! beantwortet. Danke!

Und jetzt muss ich aber noch erzählen, was dann passiert ist. Teilnehmende Personen: Ich, stolz wie Oskar auf mein Magenbrot und Frau T., sich an der Keksdose zu schaffen machend und ein Magenbrot mümmelnd:

Frau T.:Du, dein Magenbrot ist echt klasse!
Ich:Hmmmh.
Frau T.:Aber gerade habe ich im Fernsehen das richtige Rezept gesehen.
Ich:????
Frau T.:Ja, da kommt der Kakao in den Teig und die Glasur ist nur eine Zuckerglasur.
Ich:Aber …
Frau T.:Das Originalrezept, haben sie gesagt. Von einer Schweizer Firma ..
Ich (in der Pose „Ich halte einen Vortrag“, tief durchatmend):Liebe Frau T., geschätzte Gemahlin! Das ist jetzt der hirnverbrannteste Unsinn, den ich seit Jahren, wenn nicht Dekaden gehört habe. Schweizer Rezept! Darf ich dir bitte ein paar grundsätzliche Bemerkungen zur Schweiz zu bedenken geben? Ich, ein ausgewiesener Kenner der Schweizer Gastronomie, der zudem auch fast alle Orte, die zu einem Sonntagsausflug einladen, auswendig hersagen kann, mit Postleitzahl! Ich, der ich seit Jahren, wenn nicht Jahrzehnten, ein eifriger Leser der einzigen wahren Quelle Schweizer Nahrungsaufnahme bin, der nicht einen einzigen Post verpasst hat, und wenn doch, ihn umgehend im Archiv nachgeschlagen hat, ich also, sage dir: Schweige, Weib, von „einer Schweizer Firma“, sofern diese im Widerspruch steht zur einzigen wahren Quelle, die, verzeih mir das Wortspiel, mir zum Quell aller kulinarischer Genüsse geworden ist. Schweig stille und lass die Finger von meinem Magenbrot, dessen du dich nicht als würdig erwiesen hast! Schweig stille!“ (Abgang, kopfschüttelnd.)

Karamellbirnen

82. veröffentlicher Post. Note to myself:
dringend Vincent Klinks Karamellbirnen verbloggen. Gefunden bei dem „alten“ Johannes und bei Claus auf der Nachkochliste.
In der Zwischenzeit aber Adjektive sammeln. Unglaublich, der Mann! Vanille, Rosmarin, Sternanis, Zimt, Pfeffer, Piment, Gewürznelke, Orange, Zitrone.
Frau T. rätselt immer noch, wie dieser Geschmack zustande kommt. Ich muss sie noch zappeln lassen.
(Bild irgendwo klauen? Nochmal kochen und knipsen? Könnt eigentlich auch der Claus übernehmen.)

 

HAFL – meine Blog-Lizenz

80 veröffentlichte Posts. Sagt mein WordPress-Dashboard. Abgesehen davon, dass ich die Zahl 80 jetzt in der Vorwinter-Zeit immer gerne kippen würde, damit die zwei kleinen Schneebälle von links nach oben rutschen und auf dem dicken Schneeball statisch etwas sicherer lagern würden – ich hab immer Angst, die kullern sonst weg – abgesehen davon also, beeindruckt mich diese Zahl auch als solche. Achtzigmal hab ich mich also überwunden, den „Publish“-Button zu drücken, um die Welt zu bereichern, ob sie nun bereichert werden will oder nicht.

Und immer ohne Gebrauchsanweisung für die Welt. Sicher, dass man das lesen kann, werden einige kapiert haben. Aber, mal ehrlich, das ist doch eine Technologie von gestern. Heute kann und soll doch der Nutzer ganz andere Vorteile aus so einer Veröffentlichung ziehen. Mitarbeiten, kommentieren, verbessern, fremde Gedanken aufgreifen, anreichern und wieder einreihen in den weltweiten Austausch von Gedanken, Theorien, Rezepten – vor allem Rezepten – auf dass eine neue, bessere Welt entsteht, basierend auf der Intelligenz der Masse, nicht vorgegeben von Experten, sondern selbst aufgebaut, vernetzt und verfeinert. Ach, schöne neue Welt! Dass ich das noch miterleben darf!

Andererseits ist da das Urheberrechtsgesetz. Und der Schutz des (geistigen) Eigentums. Und die Juristerei. Und das Abmahnwesen. Und unsere Justizministerin. Und ich hab keinen Schimmer, wann ich mich strafbar mache und ob ich ins Gefängnis will, bloß wegen einer schönen neuen Welt.

Eine meiner Stärken ist ja: Trübsal blasen. Leider hilft das aber auch nicht weiter. Deshalb mach ich mal den Anfang und stelle ab sofort und rückwirkend alle Posts in diesem Blog unter die „Hände-Abfaul-Lizenz (HAFL)“. Wie alle großen Ideen kommt auch diese ohne Kleingedrucktes aus und geht ganz einfach so:

Hände-Abfaul-Lizenz (HAFL)

Jeder darf mit den hier veröffentlichten Inhalten und Bildern alles machen. Aber der erste, der versucht, damit – in welcher Form auch immer – Geld zu verdienen, den treffe ein Fluch: die Hände sollen ihm abfaulen und die Nase nach innen wachsen – bis in die dritte Generation!

So, und weil das ein juristischer Text ist, bedarf es natürlich noch einiger Erläuterungen. Weil für einen Juristen „alles“ ja ein eher unscharfer Begriff ist, der je nach Betrachtungsweise in der Bedeutung changiert zwischen „absolut nichts“ und „ausnahmslos jedes Ding“, möchte ich in ein paar Beispielanwendungen erläutern, was damit gemeint ist.

Anfangen kann man zum Beispiel damit, sich einzelne Buchstaben auszuleihen. Vokale erfreuen sich dabei einer großen Beliebtheit, aber auch mit Konsonanten lassen sich ganz ansehnliche Wörter oder gar Sätze bilden, wenn auch bevorzugt in osteuropäischen Sprachen (Smrž pln skvrn zvlhl z mlh. -Die Morchel voll von Flecken ist von den Nebeln feucht geworden. (21 Buchstaben)). Am meisten bewährt hat sich aber eine ausgewogene Mischung aus beiden Buchstabenarten – it’s up to you.

Fortgeschrittene können sich am Ausleihen und Weiterverarbeiten ganzer Wörter versuchen. Beim Wort „Frischfleisch“ zum Beispiel kann man versuchsweise mal alle Vokale weglassen: „Frschflsch“. Und dank der Redundanz der deutschen Sprache leidet dadurch die Verständlichkeit kaum. Schwieriger wird es da schon, wenn man die Vokale durch andere ersetzen will, das „i“ zum Beispiel durch ein „o“: „Froschfleosch“ könnte schon zu leichten Missverständnissen führen. Ähnlichen Gefahren würden man sich aussetzen, wenn man alle „r“-Laute eliminieren wollte: „Fischfleisch“ führt nahezu unweigerlich zu anderen Konnotationen. Aber auch dieses kann man natürlich machen, wenn man im semantischen Umfeld darauf achtet, dass z.B. das Wort „Kümmel“ durch „Safran“ ersetzt wird. Viel mehr ist eigentlich gar nicht nötig und voila: ein neuer Post, entstanden aus der Intelligenz der Masse und ein Schritt weiter in Richtung „Mehr Spaß auf dem Teller dank Crowd Wisdom“.

Experten können natürlich in ganz andere Dimensionen vorstoßen. Ganze Absätze – durch einen Zufallszahlengenerator gejagt – lassen sich leicht wiederverwenden. Am Beispiel eines der oberen Absätze: „Trübsal, Blasen hilft ja – deshalb Anfang, sofort.“ Keine Angst, auch unter Food-Bloggern gibt es Surrealisten!

Ach ja: und „Geld verdienen“ sollte man nicht zu eng fassen. Auch das Aufblasen des Ego sollte zur Abwendung des Fluches möglichst unterlassen werden. In der Version HAFL 2.0 wird daran noch zu arbeiten sein. Aber da im weiteren Verlauf der Lizenz der irdischen Gerichtsbarkeit weitgehend die Zuständigkeit entzogen wird, bleibt es vorläufig jedem selbst überlassen, welche genauen Tätigkeiten er unter diesem Begriff subsummieren mag.

Was ich aber eigentlich fragen wollte: Ist Nachkochen eine Urheberrechtsverletzung?

Gebratenes Schweinefilet, kalt serviert

Dieses Rezept ist aus einem alten Essen&Trinken-Heft. Leider kann ich nicht mehr nachvollziehen, in welchem Jahr es erschienen ist, aber ich kann mich erinnern, dass es ein e&t-Mitarbeiter direkt aus China mitgebracht hat. Obwohl ich schwören würde, dass es noch aus einer Zeit stammt, als China noch gar nicht erfunden war. Ich weiß, Wikipedia behauptet, China sei älter als diese Zeitschrift, na wenn schon. Auf jeden Fall aber, da bin ich mir sicher, stammt es aus einer Zeit, als die Chinesen noch keine Gewürze hatten. Bei Tante Emma gab es damals: Maggi Suppenwürze. That’s it. Beim Verlangen nach Hoi-Sin oder Wan-Tan hätte sie die Notruftaste gedrückt.

Für den asiatischen Touch auf dem Nierentisch nahm man – und konnte man mit viel Glück auch kaufen : Sojasoße und – Achtung: ganz hip – Frühlingszwiebeln. Und man aß mit Stäbchen. Und ich will gar nicht wissen, an wie vielen Sonntagstafeln die Leute sich bogen, wenn einer schelmisch „Flühlingszwiebeln“ sagte – gerne auch 4 mal hintereinander. Es war noch die Zeit, als Lachen Spaß machte.

Ich würde das alles aber hier natürlich gar nicht erwähnen, wenn dieses Rezept nicht der perfekte Beweis wäre, dass man mit reduzierten Mitteln unglaubliche Genüsse produzieren kann, und dass es bei Familie T. noch immer in Ehren gehalten wird.

Gebratenes Schweinefilet, kalt serviert

Für 10-12 Personen als Vorspeise:

1 Schweinefilet (ca. 500g) gründlich putzen. Von 1 Frühlingszwiebel das Weiße und ein Drittel des Grüns putzen, waschen und fein hacken. 4 Scheiben frische Ingwerwurzel schälen, 1 Knoblauchzehe pellen; beides in feine Würfel schneiden. Das Gemüse mit 6 EL Sojasauce und 2 EL Sherry mischen. Das Fleisch auf ein großes Stück Alufolie legen, mit der Mischung begießen und fest einpacken. Über Nacht kühl stellen.

Am nächsten Tag den Backofen auf 200 °C vorheizen, und 2 EL Honig mit 2 EL braunem Zucker in einem kleinen Topf mischen und bei milder Hitze auflösen und gut verrühren. Das Fleisch aus der Marinade nehmen, die Marinade auffangen. Dann das Fleisch mit der Honigmischung bestreichen. 2 TL Öl (möglichst Sesamöl) in einer Kasserolle erhitzen und das Filet schnell von allen Seiten anbraten. Vom Herd nehmen, die Marinade zugießen und die gehackten Gewürze auf dem Fleisch verteilen. Im Backofen 10 Minuten von jeder Seite braten, dann zugedeckt abkühlen lassen. In hauchdünne Scheiben schneiden, die Sauce darübergießen und servieren.

Und noch eine Bitte in eigener Sache

Es scheint gelegentlich (häufig – immer – bitte ankreuzen) vorzukommen, dass ein Versuch, hier zu kommentieren, mit „Service Temporarily Unavailable“ unfreundlich, aber bestimmt abgelehnt wird. Da Kommentare die Luft sind, die ein Blogger zum Atmen braucht, würde ich das natürlich gerne abstellen. Ich habe jetzt alle, auch erkennbar nutzlose, Anweisungen der Hotline- und Service-Mitarbeiter ausgeführt, Datenbanken optimiert und „Schalter umgelegt“ und meine Skepsis, dass das alles nichts nützt, bleibt. Auch wenn der letzte Experte sich ganz sicher war: Das kommt jetzt nicht mehr vor.

Meine Bitte also, falls es doch wieder vorkommt: Bitte schreibt mir eine kurze Mail an „mibu (at) merle-buehrer (dot) de“ – eigentlich reicht im Betreff ein STU. Ich ziehe mit dem Blog dann doch um, auch wenn damit alle Träume von hochgenialen Blog-Funktionen zerplatzen, die realistischerweise ohnehin nie hätten geträumt werden sollen.

Ach ja: ich weiß schon, wie schwierig ein Job im Support-Center ist. Vor allem, wenn man es mit Deppen wie mir zu tun hat. Und auch wenns nicht hilft, deren Einsatz werde ich immer loben und preisen:

CNR (Could Not Reproduce)

CNR (Could Not Reproduce)

Von xkcd.com: http://xkcd.com/583/

Wunschzettel

Lieber guter Weihnachtsmann,
ich schreib so schön wie ich nur kann,
zeig doch auch du jetzt guten Willen
und tu meine Wünsche mir erfüllen.

Ich wünsche mir fürs nächste Jahr

  • dass mein Kartoffelhändler in den Wintermonaten nicht erfriert und auch nächstes Jahr jede Woche mit seinen Kartoffeln zu uns auf den Markt kommt. Vielleicht kannst du ihm ein paar warme Handschuhe zustecken und ganz, ganz vielen Leuten sagen, sie sollen ihre Kartoffeln bei ihm kaufen
  • dass mein Metzger nicht aufgibt, bloß weil er mittlerweile der einzige weit und breit ist. Und sag ihm, es ist nicht schlimm, wenn er wieder mal kein Kalbfleisch hat. Seine Bratwürste und seine Fenchelsalami machen alles wieder wett. Vielleicht kannst du in der Fleischtheke beim Edeka ein paar Bakterien ausstreuen – aber nur wenn keiner zu Schaden kommt!
  • Dass meine Eierfrau vom Dioxin verschont bleibt. Sie hat’s nicht verdient, wenn keiner mehr Eier isst. Das kann sie sich nicht leisten, sie verlangt eh nur 19 Cent für die großen. Und nimm ihr die Antibiotika weg, wenn ihre Hühner den Pfipfes haben – wenn du sie ertappst. Sie macht es glaube ich ohnehin nicht.
  • Dass ein paar junge Menschen eine Bäckerlehre machen. Weißt du, das ist nicht schön, was du uns da zumutest. Fang doch mal mit einem an und zeig ihm, was eine lange Teigführung ist und wie unvergleichlich gut so ein Brot schmecken kann, wenn man ihm Zeit lässt. Und gib ihm ein bisschen Grips, dass er trotzdem ab und zu mit seinen Freunden rumhängen kann.
  • Dass niemand dem Herrn Schuhbeck glaubt oder – falls du in Österreich wohnst – dem Herrn Mörwald. Das musst du dringend verhindern. Ich weiß, das ist nicht leicht, aber stell dir doch mal vor, was passiert, wenn du das nicht schaffst! Dann kannst du meine oberen Wünsche alle auch vergessen. Bitte, versuch es!

Lieber Herr Weihnachtsmann, falls du jetzt ein bisschen angefressen bist, weil ich mir keinen Frieden wünsche auf der Welt, glaub mir, das wird schon, wenn die Leut was anständiges im Magen haben. Ich bin mir da sicher. Aber wenn du noch ein wenig Zeit und Lust hast, bitte sehr – ich hätt nichts dagegen!

Also, lieber Weihnachtsmann, ich drück dir die Daumen!

Tischgespräche
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