KW 37-22

Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen. Hat der Herr Kant damals gesagt, als er die Aufklärung maßgeblich mitbestimmt hat. Und Aufklärung, das hieß auch und vor allem, sich nicht entmündigen zu lassen von Institutionen. Denn wenn es überhaupt Autoritäten geben sollte, dann müssten die auf rationalen, nachprüfbaren Grundsätzen basieren. Ach, was war das damals schön. Und was haben wir nicht alles erreicht seit damals. Monarchien wurden von Demokratien abgelöst; die Kirche ist zwar noch da, aber die Trennung von Staat und Kirche ist schon mal durch. Oder … na ja, fast. Eine halbstündige Nachrichtensendung der letzten Woche bestand allerdings – neben dem Wetterbericht – aus zwei Themen: Ein paar alte Männer und wenige meist verzweifelte Frauen lassen sich von noch älteren Bischöfen an der Nase herumführen, und Königin Elizabeth II ist tot. Eine ganze halbstündige Nachrichtensendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen! Damit man mich nicht falsch versteht: der heldenhafte (und weitgehend vergebliche) Kampf des synodalen Wegs ist schon beeindruckend, aber wer berichtet von den Kämpfen in der Jahressitzung unseres Kaninchenzüchtervereins? Die Lebensleistung der englischen Königin kann man durchaus bewundern, aber kann man nicht beim Friseur beim Lesen der Hochglanzmagazine ein Tränchen vergießen? Aber nein, sagt die Sprecherin zum Abschluss: “…und auch die nächste Woche wird noch im Zeichen des Abschieds von der britischen Königin stehen…”

Beim Bestreichen der Pinsa am Sonntag, war mir schon klar, dass dieses Tomaten-Sugo zu köstlich ist, als dass man es im Keller lagern sollte. Was, wenn es falsch gelagert wird und verdirbt? Was, wenn das Haus zusammenbricht und der Keller unter Steinen erstickt und das Sugo erst Jahre später von Rettungskräften befreit wird? Wird es dann noch schmecken? Also am Montag schnell noch Pasta mit Tomatensugo und Salat. Am Samstag beim Marktbesuch habe ich während des Einkaufs am Gemüsestand einen Bekannten getroffen. Ich habe mich wohl zu wenig um die Marktfrau gekümmert; es ist ganz erstaunlich, was beim Zuhause-Ankommen alles in meiner Einkaufstasche war. Zum Beispiel eine ganze Meerrettich-Wurzel. Für einen 2-Personen-Haushalt heißt das: Meerrettich, Meerrettich, Meerrettich. Zum Beispiel am Dienstag Lachsragout in Meerrettichsoße (lecker.de).

Am Samstag beim Marktbesuch … ach, das hab ich ja schon. Und was das für einen 2-Personen-Haushalt … hab ich ja auch schon. Am Mittwoch: Linsen mit Salsiccia und Meerrettichsoße (brigitte.de). Und beim Bestreichen der Pizza … hab ich ja schon gesagt, und dass es viel zu köstlich ist … hab ich auch schon gesagt. Am Donnerstag deshalb ein Ottolenghi (mit einer fast übersehenen Aubergine aus dem Garten): Auberginenklößchen alla Parmigiana (gewuerze-der-welt.net). Und da ich Frau T. durch die ganze Stadt gejagt habe, um Ricotta zu kaufen, aber nur 50 g gebraucht habe, musste ich dringend zur Abwehr innerfamiliärer Unstimmigkeiten am Freitag Ravioli mit Ricotta-Zitrone (Betty Bossy) in Salbei-Butter machen; gleichzeitig die Lieblings-Pasta von Frau T. – die Abwehr hat funktioniert.

Hab ich schon den Meerrettich? … ach ja, hab ich schon. Am Samstag ein Bayerisches Wurzelfleisch mit Meerrettichsoße (Schuhbeck’s Videoschule oder hier, Rezept auch hier ) und ja, ich weiß, es nervt, aber der Meerrettich ist (noch lange) nicht aufgebraucht. zusammen mit dem Rest Schweinefilet, einer alten Brezel und süßem Senf gab’s am Sonntag – auch als Referenz an meine alte Heimat und das dort gerade stattfindende Corona-Festival – ein Schnitzel Münchner Art (z.B. brotwein.net), wobei es Stimmen gibt, dass die Münchner sich noch nie das Wiener Kalbfleisch leisten konnten und ihr Schnitzel schon immer aus Schweinefleisch gemacht haben; man könnte es deshalb auch selbstbewusst als “Münchner Schnitzel” bezeichnen, wenn das dem Selbstbewusstsein gut täte. Zusammen mit Bamberger Hörnchen und dem unschlagbaren Kohlrabi in Orangen-Estragon-Sauce 🌶 (um zwei Orange aufzubrauchen; allerdings liegt jetzt noch ein Kohlrabi rum, die endlose Endlosschleife des No-Waste-Prinzips).

KW 36-22

So. Es ist, glaube ich, mal an der Zeit, dass ich mich oute. [Empfindliche Gemüter sollten diesen Absatz besser überspringen, denn es wird eklig, schmierig und ja: auch derb.] Ich bin leider weder queer, trans* oder inter* (nicht einmal weibl*) noch Indianer. All diese Gruppen haben inzwischen eine immer größer werdende Lobby, immer mehr Fürsprecher. Das finde ich gut und schon lange an der Zeit. Aber ein bisschen neidisch bin ich schon auf den Zuspruch, den diese Gruppe (und alle anderen, die ich hier nicht erwähnt habe) erhalten. Ich scheine einer Randgruppe anzugehören, die im Wesentlichen nur aus mir besteht, was nichts an der Ungerechtigkeit ändert, dass ich ausgestoßen und sozial ausgegrenzt werde. Um ich es kurz zu machen: Ich esse für mein Leben gerne die schwabbelige, schleimige Haut von gekochtem Huhn! So, Jetzt ist es raus. Früher, als es noch weniger Verständnis für Außenseiter wie mich gab als heute, habe ich manchmal in kleinem Kreis davon erzählt und feststellen müssen, dass Gesichter sich gelblich-grün verfärbten, ihre Besitzer schnell Richtung Balkon rannten oder sich direkt vor mir auf den Teppich erbrachen. Dann habe ich aus Scham und Angst jahrelang geschwiegen. Vielleicht wäre es besser, weiter zu schweigen. Ich kann doch aber nichts dafür! Es ist ja soo köstlich!

Montags begannen wir die Woche mit einem Klassiker, den es schon “ewig” nicht mehr gab: Rote-Linsensuppe mit Curry, Tomaten und Kokosmilch (z.B. hier). Und weiter mit Klassikern, die es schon “ewig” nicht mehr gab; am Dienstag Fischkroketten mit Tomaten-Mayonnaise.

Direkt vor der Küchentür wächst das Basilikum und hat mich den ganzen Sommer erfreut. Jetzt habe ich aber den Eindruck, dass es glaubt, seine Zeit sei vorbei. Und da ich ein Anhänger des selbst-bestimmten Sterbens bin, gabs am Donnerstag Pasta mit Basilikum-Pesto (wie seit geraumer Zeit nach Roberts Rezept). Und immer, wenn in München das Oktoberfest naht, stehen hier in den Supermärkten Truhen prall gefüllt mit bayrischen Köstlichkeiten; Leberkäse, Weißwürste, gebratene Ente, alles nett in Plastik verpackt und ordentlich verschweißt. Manchmal aber auch – an der Fleischtheke – wahlweise gepökelte oder ungepökelte Schweinehaxen. Gute Gelegenheit, am Mittwoch mal wieder eine Haxe im Ofen zu braten und mit gebrühtem Krautsalat und Brezen zu servieren (wahlweise auch frisch gebackene Vinschgerl, aber Brezen passen einfach besser).

Nach den Unmengen an furchtbar leckerer, furchtbar fetter, furchtbar knuspriger Haxen-Kruste gestern war am Freitag Tofu und Gemüse angesagt (beides irgendwie “übrig”), in Reispapier eingewickelt und sowohl als Wrap und auch als angebratene Dumplings serviert, zusammen mit Erdnuss-Sauce, Gurkensalat und Reis. Wenn man – wie wir am Samstag – Kartoffeln, Bohnen und Pesto rumliegen hat, dann macht alle Welt daraus Ligurische Pasta (komischerweise ohne richtigen blogbustertauglichen Namen). Ich bin im Moment so drauf, dass ich das, was alle Welt macht, auf keinen Fall mache. Man könnte wie Stephan Hentschel im SZ-Kochquartett was Edles daraus basteln – wenn man Lust auf Edles hätte. Oder sich einfach an Steph’s Anweisungen im Kuriositätenladen entlanghangeln und eine Salsiccia dazu braten – klappt! Und wenn irgendwer dazu auserkoren ist, einen Hype total zu verpassen und zehn Jahre später wuchtig aufzuspringen, dann bin das ich, aber ich scheine da nicht allein zu sein; so ein richtiger Blog-Buster ist es wohl nicht geworden. Am Sonntag also (nach langen 72 Stunden Teigreife) meine erste Pinsa, erst mal natur mit Tomate und Mozzarella, es kommt ja auf den Teig an, wenn ich das richtig verstanden habe. Ich habe mich weitgehend an Roberts Rezept in lamiacucina gehalten, nur mit ein bisschen weniger Hefe und 50g Lievito Madre gearbeitet.

KW 35-22

Eigentlich ist es blöd geregelt. Wenn ein Mensch, also zum Beispiel ich, der gerne Mirabellen isst, vor einem Mirabellenbaum steht, der nur ganz wenige Mirabellen trägt (Stichwort Klimawandel, Stichwort Trockenheit, Stichwort WasWeißIch) und nur ganz kurze Arme hat und damit die drei noch verbleibenden Mirabellen auf keinen Fall nicht erreichen kann, dann ist das von der Evolution zumindest nicht ganz durchdacht. Man hätte der Gattung Sapiens ja zum Beispiel Teleskop-Arme wachsen lassen können, die ein Mensch in so einem Fall ausfahren und alle verbleibenden Mirabellen ernten könnte. Man hätte auch das Wachstum der Mirabellenbäume so beschränken können, dass ein Mensch, wenn er sich zum Beispiel auf die Zehenspitzen stellt, alle verbleibenden Mirabellen leicht ernten könnte. Man hätte zum Beispiel auch alles lassen können, wie es ist, und hätte nur diesen blöden Klimawandel weglassen müssen. Dann würden nämlich so viele Mirabellen wachsen, dass es ich lohnt, eine Leiter zu holen.

Jun Boy ist koreanisch/hawaiianisch, wenn man dem magentratzerl.de glauben darf. Das heißt wahrscheinlich nicht “junger Mann” oder so ähnlich, obwohl das so gut zu mir passen würde. Aber es war dann trotzdem doch das geeignete Auberginen-Rezept für diesen Montag. Der Dienstag ist oft Fischtag, weil da der Fischwagen kommt. Auch dieses Mal, wobei der Fokus allerdings eher auf den Orangen-Rahm-Linsen liegt, diesmal mit Steinbeißer-Filet (ob gestreifter oder gefleckter Seewolf kann ich jetzt nicht mit Sicherheit sagen).

Der Schwabe in mir hat natürlich am Mittwoch (letzter Tag im August) darauf bestanden, aus dem 9-€-Ticket auch noch den letzten Rest auszuzuzzeln, was bedeutet: noch einmal zum versöhnlichen Abschluss – schöner Markt, kein Umsteigen, ich werde für immer von dem Ticket schwärmen – nach Uelzen. Der Plan war, einen Käse zu kaufen und Ausschau nach etwas zu halten, was abends auf dem Teller landen könnte. Ob es jetzt Karma war oder allgemeine Unlust – ich hab ein scheußliches Fischbrötchen gegessen, vergeblich meinen Lieblings-Käsestand gesucht und bin von einem sehr schönen sonnigen Ausflug völlig ohne Beute zurückgekommen. Damit war klar, dass es abends Pasta geben musste. Die Frage war nur: mit Tomatensugo oder mit Salbeibutter. Da aus Gründen keine Entscheidung gefällt werden konnte, gab es Pasta mit Tomatensauce und Salbei. Und am Donnerstag hätte ich beinahe eine Panikattacke erlitten: was, wenn die Sommer-Tomaten-Saison endet, bevor ich die Panzanella-Version von Ottolenghi (Tomaten-Brot-Salat mit Quinoa, Genussvoll vegetarisch S. 128 oder loeffelgenuss.de) probiert hätte? Für seine Verhältnisse ein sehr konventionelles Rezept; vielleicht hatte er Angst vor ernsthaftem Ärger mit seiner italienischen Großmutter. Lediglich eine homöopathische Menge Quinoa hat er sich nicht nehmen lassen. Und weil er meint, das sei “fast schon eine Hauptmahlzeit” gabs noch einen kleinen Lammlachs mit Kräuterbutter dazu. [Der Karottensalat von magentratzerl.de musste mit aufs Bild, weil ich nochmal darauf aufmerksam machen möchte, dass dieses Rezept eigentlich wegen Suchtgefahr aus dem Verkehr gezogen werden müsste!] Und da ich den ersten Zwetschgenkuchen der Saison dokumentiert habe, sollte ich das wohl auch mit dem letzten der Saison machen,

Schon die ganze Woche über hatte ich Lust auf Schupfnudeln, aber bitte (noch) nicht mit Sauerkraut oder Weißkraut. Ideal für die letzten Bohnen war deshalb am Freitag eine Bohnen-Schupfnudel-Pfanne (mit Speck und Pfifferlingen) bei essen&trinken. Nur die Pilze waren schwer zu kriegen. Wahrscheinlich kamen Pilze in den letzten Jahren aus dem Wald bei Tschernobyl und da reißt gerade die Lieferkette ab. Damit sind auch die Bohnen aufgebraucht und für die letzten Mangoldblätter gab’s am Samstag nochmal Capuns, diesmal im Original mit Spätzlesteig und würziger Wurst (für Schwaben: Brodwurschdspätzle im Mangold-Mantel). Und bei der Jagd nach Pilzen ist mir ein Huhn über den Weg gelaufen: am Sonntag Hühnerfrikassee (wegen der Mehlbutter wie bei Tim Mälzer etwa so oder so, je nachdem wo die Brühe herkommt).