Rindfleisch

Frau T. will einen Hühnerstall. Ich finde, die Versorgung mit Hühnern ist hier gar nicht mal so schlecht. Im Gegensatz zu Rind. Ich plädiere deshalb für ein Kälbchen.

Natürlich muss man sich dazu erst mal informieren. Wie hoch ist da die Rendite? Wann ist mit einem Return-of-Investment zu rechnen? Und ganz wichtig: Kann man mit einem Kalb auf dem globalen Markt konkurrieren, d.h. auf Deutsch: wie hoch sind die EU-Zuschüsse im Moment? Ich habe den Verdacht, das wird alles komplizierter als gedacht.

Zunächst mal scheint man sich heutzutage entscheiden zu müssen, ob man der Kuh ans Euter will oder an die Lende. Also ob man in die Milch- oder Fleischproduktion einsteigen will. Ursprünglich mal wollte eine Kuh einfach ihr Kalb groß kriegen. Dafür brauchte sie etwa 8 kg Milch pro Tag. Man hat ihr dann aber schnell beigebracht, dass das ziemlich eigensinnig ist und dass da ja gar nix für die Kinder-Milchschnitte übrig bleibt. Na ja, so ganz freiwillig eingesehen hat sie das ja nicht, aber mit ein bisschen Zureden hat das dann doch geklappt und so liefert eine amerikanische Hochleistungskuh heute eben mal um die 50 Liter pro Tag. Das sind dann pro Jahr – Urlaub, Sonn- und Feiertage abgerechnet – etwa 15.000 Liter. Pro Kuh – scheint kein schlechtes Geschäft zu sein und würde unseren Bedarf leicht decken. Den Rekord hält übrigens die Kuh „Evergreen-View My 1326“ mit einer Jahresleistung von 32.804 kg Milch mit 3,86% Fett und 3.12% Eiweiß, vielleicht kann man die ja für den Privatgebrauch klonen.

Allerdings mussten da die Kuhdesigner schon kräftig dran drehen, und so eine moderne Kuh hat mit Kuh eigentlich relativ wenig zu tun – und schon gar nicht mit jungem Bullen-Fleisch oder einem marmorierten Steak. Da muss man sich dann schon entscheiden. Was ja auch einleuchtet: Wenn man Milch in den Kaffe will, sollte man nicht vom Ochsenkotelett träumen, klar, oder? Entscheiden ist aber auch wichtig, weil die EU das so will oder vielleicht auch nicht will, aber ihre Förder-Prämien halt so ausgelegt hat. Und eine Kuh ohne Förderprämie, das scheint es nur im 18. oder 19. Jahrhundert gegeben zu haben, auf jeden Fall ist sie heute so unvorstellbar wie ein Teenager ohne Facebook-Account.

Die EU hat nämlich entschieden, die Welt mit einer Aufführung namens Agrarreform zu beglücken. Und hat dann entschieden, dass das nicht geht, weil alle dagegen sind. Und hat sie rückgängig gemacht, aber nicht richtig rückgängig, sondern ein bisschen. Und deshalb gibt es jetzt entkoppelte, teilentkoppelte und herkömmliche Förderungen. Und wie das jetzt genau zusammenhängt, müsst ihr den Bauern eures Vertrauens fragen, aber die Folge ist wohl, dass eine Mischhaltung (sowohl Muttertier- als auch Milchkuhhaltung) nicht mehr gefördert wird oder sich nicht mehr lohnt oder beides. Und deshalb wird Deutschland mehr und mehr zum „Milch-Land“ und die paar Muttertier-Bestände im Süden (Bayern und NRW) und in den europäischen Fleischländern Frankreich und Spanien nehmen kontinuierlich ab.

Das hieße ja, wir könnten mit unserem Kalb in eine Marktlücke vorstoßen! Gemach, vorher sollten wir uns noch – Region hin, Region her – den globalen Markt ansehen, denn schließlich sind „Lieferungen aus starken Rindfleischerzeugerländern zur Normalität geworden (…), ja diese stehen Gewehr bei Fuß, auch lebende Rinder per Schiff in die EU zu schicken“(). Und weil die Viecher ja ohnehin nicht mehr wissen, wie Gras aussieht, bringt ihnen irgendwer sicher auch noch das Schwimmen bei.

Wir könnten also unser Kalb auf die Weide schicken. Wenn die Bodenpreise – wie in China, Argentinien oder Brasilien – niedrig sind, ist das recht preiswert, weil kaum Arbeitskosten anfallen und eine Zufütterung normalerweise entfällt. Das heißt halt! Wenn der Anbau von Bioethanol weiter gefördert wird, könnte eine unschöne Konkurrenz auf dem Markt auftreten und die Bodenpreise steigen lassen und wenn der Klimawandel tatsächlich zu immer längeren Dürreperioden führt – wie in Australien oder Spanien – dann braucht man immer mehr Boden pro Rind und muss notfalls doch Futtermittel anbauen, wofür man wieder mehr Boden braucht und dann käme man mit den Sojabauern ins Gehege. Aber bei einem Kälbchen sollte man die Risiken noch abschätzen können.

Es wäre also zu überlegen, ob man nicht dem Kälbchen einen hübschen Stall baut, ein Silo daneben platziert und die so gewonnene Fläche dazu nutzt, die Mast mit einem Mais- oder Grassilage-System durchzuführen. Inzwischen gibt es nämlich auch sehr schöne „Kuhkomfort“-Ställe und eine App, die überwacht, ob die Tiere sich auch genügend bewegen. Scheint mir auch sehr reizvoll.

Zukunftsträchtiger wäre natürlich gleich auf ein Feedlot-System umzurüsten. Dabei wird gar nichts mehr angebaut, sondern Futtermittel werden ausschließlich zugekauft. Da die Futtermittelindustrie immer phantasiereichere Methoden erfindet, was auch immer in Eiweiß zu verwandeln, kann man so das Marktrisiko klein halten und der Platzbedarf ist nahezu zu vernachlässigen. Unser Kälbchen würde sich aber anfangs etwas einsam fühlen. So ein Feedlot-System kann schon mal auf 100.000 Tiere ausgelegt sein, das kommt dann wohl eher nicht in Frage.

Und Betriebe, die in die Kategorie „Cut & Carry“ eingeordnet werden? Ein – wegen Klima- und Sozialstruktur – vorwiegend indonesisches Mütterchen schneidet mit einer Sichel („Cut“) ein Büschel Gras und trägt („Carry“) es zu ihrem Rind, das dann, wenn eine Hochzeit stattfindet oder anderer Finanzbedarf entsteht, zum Markt getrieben und geschlachtet wird. Das wäre zwar was für meine alten Tage, aber dafür gibt es keine App.

Ich könnte jetzt noch vieles erzählen, über Rentabilität und Faktorkosten, ganz wenig nur über Geschmack, einiges über Familienbetriebe (Bauer sucht Frau), ein bisschen Sozialromantik mit weidenden Rindern vor glutrotem Sonnenuntergang, aber eigentlich ist die Entscheidung gegen ein Kälbchen gefallen, weil mir ganz zum Schluss klar wurde, dass so ein Kalb nicht mal rückstandsfrei gelagert werden kann: Es gibt zwar ein Institut in der Nähe von Leipzig, wo untersucht wird, ob man mit einer Nahrungsumstellung das ausgepupste Methan reduzieren kann, aber die Frage“ Wohin mit dem Pipi?“ ist noch völlig ungelöst. Holland sagt jetzt erst mal: „Nicht zu uns!“. Wir Niedersachsen nehmen’s aber gerne ab, bringt schließlich Kohle. Nur: Über 60% der Flächen in Niedersachsen sind hoffnungslos überdüngt, was zu Phospat- und Nitrat-Konzentrationen im Grundwasser führt, die um ein Vielfaches über den EU-Grenzwerten liegen. „Gülletourismus“ macht das nicht besser.

Ich kaufe jetzt doch das Buch von Ottolenghi. Aber heute Abend gibt es erst mal ein schönes marmoriertes Steak, beim Metzger meines Vertrauens gekauft. Herkunft: Argentinien. Die Kartoffeln aber kommen von hier, auch wenn sie La Ratte heißen.

Fragen

Warum mag Otto kein Risotto?
Was hat Bärbel gegen Kerbel?
Warum brät die Gudrun nie ein Truthuhn?
Und Gertrude brät nur Pute?

Warum gibt’s bei Schmitt alles nur sous vide?
Wer befreit die Annerose von der Raviolidose?
Warum hat die Edeltraut wieder mal den Fisch versaut?
Wieso nimmt Pauline zu viel Gelatine?

Warum ekelt sich Gerlind nur so vor dem kleinen Stint?
Weshalb hat der Jan Ingwer in den Tee getan?
Warum kauft Alessa nicht endlich mal ein Messer?
Und wann bucht Urs seinen blöden Kurs?
Ein zum Kochen, wie der Jochen?

Wär nicht das Olivenöl etwas für den Samuel?
Oder hier, die Kürbiskerne, die isst Simon doch so gerne.
Allerdings mag Ruben alles nur aus Tuben;
Wollte nicht Jasmin Kräuter in der Küche ziehn?

Ehrlich gesagt: ich weiß es nicht.

Anstrengung

Auch wenn mir die Ente nicht glauben mag: dort draußen in den Zwetschgenbäumen sammeln sich die kleinen Zwetschgchen zum Generalangriff! Gut, das mag nur dem Experten auffallen und wird vielleicht auch noch ein paar Tage dauern, es wird sich aber wohl nicht verhindern lassen.

Und es gibt auch noch andere Anzeichen für den Frühling: Küchenschaben kriechen auch auf dem feuchten Boden, um Minzeblättchen zu suchen. Das ist nur mit einem sehr, sehr langen Winter zu erklären. Und auch wenn ich so tief noch nicht gesunken bin, es ist nicht zu bestreiten: der Frühling treibt seltsame Blüten.

Hier im Norden sitzen notdürftig bekleidete Menschen im Eiscafe – mit deutlich sichtbaren Frostbeulen an den entblößten Oberarmen. Nur nichts anmerken lassen: es ist Frühling!

Der Rhabarber spitzt durch die Erde, obwohl ich ihn im Herbst so tief eingebuddelt habe, dass ich dachte, er kommt – wenn überhaupt – in Australien zum Vorschein.

Die ganze Nachbarschaft häckelt und vertikuliert und schnipselt und harkt. Und Frau T. hat den Spaten gefunden.

Hoppala! Nicht etwa, dass sie den benutzen will, Gott bewahre! Nur demonstrativ schon mal hinstellen. So als kleinen Hinweis. Das brauch ich aber nicht, wirklich nicht. Ich bin ja nicht faul, ich will doch nur der Natur  ihren Lauf lassen; ich glaube, das mag sie gerne, die Natur. Und ich mag’s auch.

Es ist ja beileibe nicht so, dass ich untätig bin, wenn ich im Gartenstuhl sitze und in die Sonne blinzle. Ich stell mir dann schon vor, was man alles tun könnte. Vielleicht auch müsste. Oder sollte. Aber manchmal ist es dann einfach schon anstrengend genug, noch eine Tasse Kaffee zu holen, noch mal umzublättern. Man darf das nicht unterschätzen. Auch das ist Stress.

Und apropos umblättern. Vor kurzem in der Süddeutschen:

„Erschöpfung beeinträchtigt das Gedächtnis!“

und

„Körperliche Anstrengung vernebelt die Erinnerung.“

Frau T. will wissen, was das jetzt mit dem Spaten im Allgemeinen und mit dem desolaten Zustand des Gartens im Besonderen zu habe. Manchmal hat Frau T. einfach zu wenig Gespür für die Brisanz neuer Forschungsergebnisse und für deren weitreichenden Folgen. Dabei ist es doch ganz einfach:

Schau mal, sage ich, da muss man abwägen. Ich, zum Beispiel, genieße es sehr, so hier mit dir auf der Terrasse zu sitzen, und will dabei durchaus das „mit dir“ kräftig unterstreichen, Seit an Seit, durch Freud und Leid, in tiefer Harmonie. Zwar könnte ich mir natürlich durchaus auch vorstellen, dass das noch schöner geht. Mit anmutig angelegten Gartenwegen, hübsch bepflanzten Rondellen, sorgfältig geharkten Blumenbeeten und …

Aber wenn die Wissenschaft jetzt nachweist, dass Schweiß nicht nur streng riecht, sondern auch der Erinnerung abträglich zu sein scheint, dann könnte ich mich ja vielleicht später an diesen Moment, jetzt, „mit dir“, gar nicht mehr oder nur schemenhaft erinnern. Und das kannst du mir doch nicht ernsthaft zumuten wollen.

Mal schauen, ob der Spaten morgen noch dasteht. Ich befürchte: ja. Ich muss mich noch ein wenig setzen und an der Argumentation feilen.

Jetzt aber schnell

Ich glaube, ich bin schon wieder recht spät dran. Das scheint sich zu einem Wesensmerkmal zu entwickeln. Was heißt entwickeln? Vielleicht war es ja schon immer da, dieses Auf-den -letzten-Drücker-hektisch-tätig- Werden? Müsste ich mich mal mit meinem Therapeuten drüber unterhalten.

Auf jeden Fall: Im Garten reifen die Zwetschgen vor sich hin und ich hab immer noch 5 Kilo tiefgefrorenes Gelumpe – offensichtlich für schlechte Zeiten dort deponiert. Nur: die schlechten Zeiten sind jetzt zu Ende, ein für allemal. Irgendwer in der Nachbarschaft meint zwar, das sei noch gar nicht sicher; da müssten noch Knospen wachsen und dann Blüten blühen und bis zu den Früchten sei auch dann noch ein weiter Weg. Und man könne schließlich nie sicher sein, ob nicht ein Kälteeinbruch um die Ecke wartet oder eine Dürre droht oder auch – im Gegenteil – ein Tiefdruckgebiet nicht weiterziehen will und viel zu viel Feuchtigkeit dalässt, was der Ernte erfahrungsgemäß eher abträglich sei …

Schwarzmaler, elendige! Macht euch mit eurem Pessimismus vom Acker! Ich fang schon mal an, Platz zu schaffen. Seit heute sind’s nur noch 4 Kilo.

Zwetschgenkuchen mit Nuss-Vanille-Streuseln

Für den Mürbeteig 300g Mehl und einen 1 gestr. TL Backpulver mischen, auf die Arbeitsfläche sieben eine Mulde eindrücken und dort 1 Ei hingeben. 200 g Butter in Flöckchen auf dem Rand verteilen und 175 g Zucker und 1 Päckchen Vanillezucker darüber streuen. Schnell, von außen nach innen, zu einem Teig verkneten, der mindestens eine Stunde in Folie verpackt im Kühlschrank ruhen darf. Anschließend auf einer bemehlten Fläche zur Größe eines Backblechs ausrollen, auf das gefettet Blech legen, einen kleinen Rand hochziehen und mit 50g gemahlenen Nüssen bestreuen.

Für den Belag
1 kg Zwetschgen auftauen, abtropfen lassen und auf dem Teig verteilen. In einer Schüssel 250g Quark, 50 ml Milch, 50g Mehl, 3 Eier, 175g Zucker und 1 Päckchen Vanillezucker gut verrühren und über die Zwetschgen gießen.

Aus 125g Puderzucker, 250g Mehl, dem Mark einer Vanilleschote, 125 g Butter (in Flöckchen) und 100 g gehackten Nüssen (am besten mit den Händen) Streusel zubereiten und gleichmäßig über die Quarkmasse streuen.

Im vorgeheizten Ofen bei 180° 50-60 Minuten backen.

Noch ein Hinweis: Letzten Herbst habe ich versucht, mit diesem Kuchen die Bauarbeiter zu Höchstleistungen anzuspornen, damit ich endlich in Ruhe im Garten sitzen, Zeitung lesen und Kuchen löffeln könnte. Das ging schief. Nach der Kaffeepause hingen die Jungs nur noch selig lächelnd in ihren Stühlen. Entweder muss man dazu einen anderen Kuchen backen oder unbequemere Stühle bereitstellen.

Rettungsversuche. Zum Scheitern verurteilt?

Gut, es mag sein, dass ich ein wenig spät dran bin. Sohn T. hat jetzt auch schon fast anderthalb Dezennien auf dem geplagten Pennäler-Rücken. Und da könnte man sagen, es sei an mir gewesen in all den Jahren, erzieherisch tätig zu sein.

Kein Zwang, kein Druck, um Gottes Willen! Fingerzeige vielleicht, Hinweisschilder für den steinigen Weg in die Zivilisation. Begründungshilfen für die schwierigen Fragen im Leben. Wie zum Beispiel: Wozu in aller Welt gibt es Stubenfliegen und warum sollte ich mir die Zähne putzen?. So was, in der Richtung wär bestimmt hilfreich gewesen. Aber ich hab’s verpennt.

Beim Aufräumen ist mir das wieder klar geworden. Und ich habe den Vorsatz gefasst, das nachzuholen. Da, beim Aufräumen nämlich, sind mir die lesenswerten Ausführungen von Herrn Carl Friedrich von Rumohr 1) wieder in die Hände gefallen. Sie tragen zwar den Titel „Vom Geist der Kochkunst“ und waren mir immer eine Stütze bei alltäglichen Verrichtungen wie zum Beispiel beim vorschriftsgemäßen Anfeuern des Ofens, und bei der Herstellung von kräftigen Sülzen und Säften der Seetiere, sie sind aber beileibe nicht nur Anleitung und Hilfe in praktischen Dingen, sie bieten auch genügend geistige Stütze und manch lehrreiche Einsicht. Woran ich mich zeitlebens ausgerichtet habe, ist zum Beispiel der zarte Hinweis:

„Ich fordere die Unglücklichen auf, welche dem Laster der Schleckerei häufige Opfer zu bringen pflegen, die ganze Verkettung zu überdenken, in welcher sie allgemach bis zur Unheilbarkeit verdorben sind.“

Wohl wahr, hört, hört!. Und so fehlt dann natürlich auch das Kapitel „Von der Erziehung zum Essen“ nicht, das mir in den nächsten Wochen Anregung und Leitfaden sein soll.

Da ist zunächst einmal die Ermahnung an mich, dieses Vorhaben ernst zu nehmen und nicht schleifen zu lassen, wie in all den vergangenen Jahren:

„Man versetze sich nur einmal unter die Wilden entfernter Weltgegenden oder an den Tisch eines Hausvaters, der seine Kinder, wie’s so oft geschieht, gleich den Bestien aufwachsen läßt: um kennenzulernen, daß es dem Menschen nicht von Natur gegeben ist, reinlich, bescheiden und ruhig zu essen, wie es gesellige Mahlzeiten, ja wie es die Gesundheit des Essenden selbst erheischt.“

Nun denn, was kann ich tun? Ich will mir die Aufgabe nicht zu schwer machen und die Kapitel „Wie ein Knab zu Tische sich anschicken und denselben bereiten soll“ sowie „Wie ein Knab, wenn er zu Tische dienet, sich verhalten soll“ vorläufig außerAcht lassen, das es mir im Moment unmöglich erscheint, einen Teenager des Jahres 2012 davon zu überzeugen, dass Geschirr, Besteck und Speise nicht von alleine auf dem Tisch wachsen.

So möchte ich mich also vorläufig auf das Kapitel „Wie ein Knab sich verhalten soll, wenn er mit zu Tische sitzt“ konzentrieren, welches mehr als genug Punkte aufführt, bei denen es hie und da hapert und die es stets zu bedenken gilt.

Die Grundlagen

„…wasche die Hände und setze dich züchtig nieder. Sitze aufrecht und sei nicht der erste, in die Schüssel zu langen.“

„Schlürfe die Speise, etwa die Suppe, nicht hinein wie ein Schwein; blase die Kost auch nicht, daß es allenthalben herumspritze.“

„So du trinkest, säubere die Lefzen nicht mit der Hand, sondern mit einem Tüchlein. Trinke auch nicht, weilend du die Speise noch im Mund hast.“

Du sollst auch nicht zugleich essen und reden, denn solches ist bäurisch.“

„Stöchere die Zähne nicht mit dem Messer, sondern mit einem Zahnstocher oder Federkiel; denn von dem Messer rosten die Zähne, wie das Eisen vom Wasser.“

„So du Fleisch willst vorlegen, oder Fisch, so tue es mit dem Messer und nicht mit den Fingern, wie es heutigen Tages etliche Nationen gewohnt sind.“

„Schmatze nicht wie eine Sau über dem Essen. Dieweil du issest, kratze dein Haupt nicht. Fege auch nicht an der Nase.“

„Mache das Tischtuch oder das Wammes nicht unsauber. Mache auch nicht um deinen Teller von Beinen, Brotrinden und dergleichen eine Schütte, wie die Schatzgräber.“

„Wirf auch nicht die Beine unter den Tisch, damit von den Hunden kein Scharmützel entstehe und die Beisitzenden darob eine Unlust empfänden.“

Das sollte denn auch für die nächste Zeit reichen. Mehr freundliche Hinweise und Ratschläge könnten ein junges Gemüt zudem verwirren und ein heilloses Durcheinander zerebraler Natur bewirken. Und das wollen wir ja nicht.

Da ich nun natürlich weiß, dass ich mich mit diesem Vorhaben der Kritik all derer aussetze, die ihr Leben dem Kampf gegen Zwänge, Autoritäten und Vorschriften gewidmet haben, lege ich Wert darauf, dass wir – also der Herr von Rumohr und ich – durchaus auch vom Geiste der Liberalitas umweht sind und uns der Kühnheit des Vorhabens durchaus bewusst sind. Dennoch glauben wir: es reicht!

„Gewiß sind die die mitgeteilten Anforderungen an die Jugend höchst billig, und man hätte daher nur zu diesen oder zu ähnlichen zurückkehren sollen, als man vor einigen Dezennien das eiserne Joch verzerrter Sitten abwarf. Denn obgleich es nur schaden konnte, die Jugend, wie früherhin geschehen, in eigensinnige, übereinkömmliche Formen zu zwängen, so hätte man deshalb doch keineswegs aller vernünftigen und naturgemäßen Zucht und Ordnung entsagen sollen.“

 

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1) alle Zitate aus: Carl Friedrich von Rumohr: Vom Geiste der Kochkunst. Zweite Auflage, 1832. Nachdruck: Verlag Lothar Borowski. (Auch erhältlich als Taschenbuch bei Suhrkamp/Insel)

Jetzt wirds aber Zeit

Jetzt wird’s aber endlich Zeit, dass der Frühling kommt. Ich bin doch auch (wieder) da. Und die Vöglein, alle – zumindest wenn man dem Lärm glaubt, der dort herrscht, wo die leckeren Körner und Rosinen ausgestreut sind im Hof. Ohrenbetäubend. Das kann er doch nicht überhören, der Herr Frühling.

Und das Knirschen und Krachen unter den Zwetschgenbäumen, wo die Krokusse durch die harte Erde brechen wollen. Herr Frühling, das ist doch Ihr Stichwort! Schon immer gewesen.

Und das Klappern und Wiehern im Pferdestall, wo der Bauer auftragsgemäß schon mal die Rösslein einspannt, sie aber nicht aufs Feld schicken kann, weil sie da ohnehin nur die Traktoren stören und sich außerdem was abfrieren würden. Er hat aber schon mal seinen Teil getan, der Bauer. Und Sie, Herr Frühling?

Lange mag ich nicht mehr warten, ein paar Tage noch, eine Woche vielleicht. Aber dann werd ich ungemütlich. Und wir wollen doch Freunde sein, Sie, Herr Frühling, und ich. Oder etwa nicht?

Und in der Zwischenzeit möchte ich mit ein paar Irrtümern aufräumen. Es ist nämlich nicht so, dass ein Piktogramm eine sehr kleine Gewichtseinheit ist. Das wäre ein Picogramm. Und das wäre so wenig, dass man es kaum sagen kann und schon gar nicht anfassen. Wenn also in einem Rezept ein Piktogramm Yak-Wurzel-Pulver vorkommen sollte, dann kann man beruhigt aufhören weiterzulesen. Auf jeden Fall hat der Mann nämlich einen an der Waffel. Und falls er Picogramm meinen sollte, dann wohnt er sicher in Dänemark und hat einen neuen Küchentrend erfunden, der jetzt endgültig alles revolutionieren wird. Man muss aber trotzdem nicht weiterlesen, weil das erdgeschichtlich betrachtet keine Rolle spielt und vorbei gehen wird. Nur MacBurger wird uns erhalten bleiben. Man muss ja nicht immer von einem Ekzem ins andere fallen.

Bei Pico fällt mir eigentlich nur Picofarad ein, wo das – so sagen die Physiker – Sinn macht. Na gut. Aber es ist auch nicht wahr, dass Vico Torriani noch Fahrrad fährt. Und es wird immer unwahrscheinlicher, dass man Leute trifft, die Vico Torriani noch kennen und beseelt „Der goldene Schuss“ stammeln. Es ist vielmehr so, dass ganz andere Leute – auch beseelt – vom goldenen Schuss erzählen und dabei ein irres Flackern in den Augen haben. O tempora o mores! Was so viel heißt, wie: Leute, ich mach mir Sorgen.

Und unter die Gerüchte muss auch gezählt werden, dass schwere Zeiten vorbei gehen und dann … halt vorbei sind. Alles kommt wieder. Schlaghosen, Hotpants und Plateau-Schuhe waren schon da, auch andere Plagen werden wiederkommen, vielleicht sogar die FDP.

Ich zum Beispiel kann mich – trotz gelegentlicher Alzheimer- Attacken – noch an die Zeit erinnern, als Sohn T. immer Fragen gestellt hat. „Sag mal, Papa, warum …?“ „Sag mal, Papa wie …?“ Nun ja, an meine Antworten kann ich mich nicht mehr erinnern, aber an die Erleichterung, als diese Phase endlich vorbei war. Und jetzt, neulich beim Abendessen. Zum Nachtisch gab es Sahnecreme mit pürierten Erdbeeren (tiefgefroren). „Sag mal, Papa, sind die Erdbeeren echt?“

Ja, Bub, woher soll ich denn ich das wissen? Schau, es ist so: Entweder da war mal ein Erdbeerfeld. Und dann waren da arbeitslose Akademiker oder polnische Erntearbeiter, die auf dem Erdbeerfeld rote Früchte eingesammelt und zur Erdbeer-Fabrik getragen haben, wo sie sorgfältig behandelt, gewaschen und sofort schockgefroren wurden. Dann sind die Erdbeeren echt. Oder aber, da war ein Lebensmittelchemiker, der aus Holzwolle und Katzenurin rote Beerchen gebastelt hat. Dann sind die Erdbeeren nicht echt. Aber wir als Nation müssen doch trotzdem stolz auf ihn sein. Er hat das doch gut hingekriegt, oder? Also, iss weiter.

„Sag mal, Papa, wie lang ist eigentlich eine Woche?“

Tischgespräche
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