Müll

Erstens: Gelber Müll

Wenn ein gelber Sack platzt und ein norddeutscher Wind die Plastikreste der vergangenen Mahlzeiten dekorativ und großflächig auf einer Wiese verteilt, dann hat der müßige Spaziergänger auf dem Weg zum Bäcker Gelegenheit, eine Zeitlang andächtig still zu stehen und sich in Kontemplation zu vertiefen: Das ganze Elend der deutschen Esskultur ausgebreitet als Gott sei Dank vergängliches Mahnmal. Beim Aufbruch bleibt außer einem tiefen Seufzer nur der Trost, dass es noch einen Bäcker gibt, auch wenn nicht alle seine Produkte den hohen Qualitätsanspruch erfüllen, den man gerne für sich erheben würde.

Ich plädiere dafür, dass aus den Gewinnen der Mülltrennung eine Stiftung eingerichtet wird, aus deren Erlös sich der Bürger kostenlos mit Stimmungsaufhellern versorgen kann.

Zweitens: Gedächtnismüll

Me pidet, pudet, paenitet,
me taedet atque miseret.

Das ist ein Merkvers, mit dessen Hilfe sich der Schüler die unpersönlichen lateinischen Verben einprägen soll. Es ist mir ein Rätsel, wie jemand auf den Gedanken kommen kann, dass man sich das merken kann. Allerdings scheint es mir doch gelungen zu sein, denn nach Jahrzehnten, in denen ich lateinische Verben, und schon gar die unpersönlichen, in keinster Weise vermisst habe, tauchte der Spruch plötzlich aus den Tiefen der verschütteten humanistischen Bildung wieder auf. Übersetzt heißt er etwa:

es verdrießt mich, ich schäme mich, es reut mich,
es ekelt mich, es jammert mich an.

In meinem Gehirn plötzlich wieder aufgetaucht ist der Merkvers bei der Lektüre der Süddeutschen: „Schlecht beraten“ im Wirtschaftsteil vom Freitag, den 25.Mai. Es ist mir nicht gelungen, den Artikel online zu finden, aber egal: Es gibt da ein Schaubild, das 10 Experten und führende Mitarbeiter des BfR (Bundesinstitut für Risikoforschung) zeigt. Diese Institut berät die Bundesregierung in Sachen Gentechnik.

Schön dass unsere Bundesregierung gentechnisch veränderte Kartoffeln zuerst mal diesen Experten zeigt, bevor sie auf unserem Teller landen. Ich hab ja nichts gegen Gentechnik, aber: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste.

Unschön aber, dass 7 dieser abgebildeten Experten zusammen mit Monsanto, Pioneer, Syngenta, Bayer oder BASF an Gentechnik-Patenten beteiligt sind. Ich wiederhole: an Patenten beteiligt! Dass die restlichen 3 wenigstens (indirekt) von diesen Firmen bezahlt werden, fällt da kaum noch ins Gewicht. Zuständig für diesen kleinen Thinktank ist übrigens meine Lieblings-Politikerin: Frau Ilse Aigner.

Ich plädiere dafür, dass aus den Gewinnen dieser Firmen eine Stiftung eingerichtet wird, …

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„Unpersönlich“ an diesen Verben ist übrigens, dass es sie nur in dritten Person Singular gibt und dass sie zu allem Elend auch noch mit dem Genetiv benutzt werden. Also nicht: Ich schäme mich, sondern es schämt mich: Es schämt mich der Experten, es jammert mich der Frau Aigner – mein Lateinlehrer wär stolz auf mich!

Schade

Vor einigen Wochen habe ich eine Ankündigung gelesen: „Der Welt-Fischbrötchentag“ wird stattfinden. Das Datum hab ich natürlich sofort vergessen, aber ich lebte seither in freudiger Erwartung.

Die Feuilletons werden überquellen, dachte ich, überquellen mit längst überfälligen Diskussionen. Ist es der Fisch, ist es das Brötchen? Darf dazwischen was sein? Wie dick sollte der Zwiebelring geschnitten sein? Welches Salz empfiehlt der Experte und wie viel? Gibt es Strafen für Mayonnaise und wie hoch sind die?

Mit großem Bedauern muss ich jetzt allerdings feststellen, dass der große Tag bereits am 12. Mai war und unbemerkt an mir vorübergegangen ist. Ich lese wohl die falschen Zeitungen und habe die falschen Blogs abonniert, schade!

Andererseits: Welt-Fischbrötchentag, mit der Betonung auf Welt! Vielleicht hyperventiliere ich ein wenig, aber ich meine auch „international day of the fish-bun“ gelesen zu haben. Sowas darf man mir doch nicht verschweigen, oder? Ich wär die Zielgruppe gewesen! Hey, Medienschaffende und Foodblogger dieser Welt: Nehmt ihr meine Anliegen nicht ernst? Muss ich mich um alles selbst kümmern?

Nun denn, ich bin noch weit vom Expertentum entfernt, aber seit meinem Umzug in den Norden ist die Fischbrötchenaufnahmefrequenz signifikant angestiegen, und so will ich meiner Chronistenpflicht mit ein paar fundierten Erkenntnissen und Gedanken nachkommen.

Erstens: Es muss der Fisch sein, das Brötchen ist es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht! Entweder der Verbraucher fragt die Kombination aus Fisch und Pappdeckel erheblich stärker nach, als ich mir das vorstellen kann, oder es handelt sich um eine Ausgeburt der vermaledeiten Regionalisierung: In Gegenden in denen die Kenntnis der Behandlung des Fisches im Allgemeinen und des Matjes-Filets im Besonderen nicht gänzlich verloren ist, führt der Weizen ein eher unbedeutendes Schattendasein und vice versa. Mein inniger Wunsch nach der Kombination aus knusprigem Weizenbrötchen und frischem oder fachmännisch mariniertem und gelagertem Fisch wird mich noch zum Brötchenbäcker machen! Auch dafür hätte ich mir Rat erhofft.

Zweitens: Jein. Auf der sicheren Seite ist man mit dem Basisrezept: Zwei Brötchenhälften, 1 Matjesfilet, zuklappen, fertig! Andererseits sollte man als Connaisseur nicht zu festgefahren sein und auch über andere Fischarten oder gar sparsam verwendete japanische Algen nachdenken, die nicht nur dekorativen Zwecken dienen würden – nur zu.

Drittens: Hier scheiden sich die Geister. Wer dem zarten Aroma des Matjes-Filets nichts abgewinnen kann, bevorzugt eine große Menge dick geschnittener scharfer Haushalts-Zwiebeln, während ich – ohne das werten zu wollen – doch eher einen oder zwei dünne Ringe einer Tropea-Zwiebel empfehlen würde.

Viertens: Um Gottes Willen! Der Kenner drapiert ein paar Kristalle Pyramidensalz aus dem Himalaya neben dem Fischbrötchen, achtet aber peinlich darauf, dass jenes nicht mit diesem in Berührung kommt!

Fünftens: Das entzieht sich meiner Kenntnis. Sollte es allerdings im Rahmen der Bürgerbeteiligung je zu einer Abstimmung über diesen nicht unwichtigen Sachverhalt kommen, wüsste ich, wo ich mein Kreuzchen würde.

Schöne Pfingsten.

Lakaien

Eurokrise hin, Hungersnöte her, wir leben endlich im kulinarischen Paradies! Demnächst vielleicht mal abgesehen von griechischem Yoghurt haben wir eigentlich alles, was sich Feinschmecker je erträumt haben.

Salzlämmer aus der Normandie, Bresse-Kapaune, Austern aus der Bretagne, gestopfte Gänseleber aus der Tiefkühltheke. Frische Fische aus überquellenden Meeren, Barben, Brassen und Loup der Mer. Feiner Spargel, das Pfund für 99 Cent. Grüne Erbsen rund ums Jahr dank niemals versagenden Kühlketten. Aromatische Erdbeeren aus dem regenreichen Andalusien. Frischer, vitaminreicher vorgeschnittener Salat um die Ecke. Es ist ein Traum!

Freilaufende Stubenküken, frische Eier, die Mauser ist ausgerottet! Wildbret und Fasane aus tiefgrünen deutschen Wäldern; eichelgemästete Schweinekarbonaden – nur gewürzt mit wenig Fleur de Sel und leicht in irischer Sauerrahmbutter geschwenkt: herrlich!

Nur ein Problem haben wir noch nicht richtig im Griff, weder an der häuslichen Tafel noch in den Herbergen, in denen sich die Digitalnomaden des Abends zusammenfinden:

„Es stände zu wünschen, daß man während des Mahles die Anwesenheit der Bedienten entbehren könnte oder daß sie dabei wenigstens immer im Gefolge des Haushofmeisters erschienen und sich dann wieder entfernten, anstatt wie Automaten hinter dem Stuhle jedes Gastes aufgepflanzt zu bleiben. Ihr leerer Magen, ihre gierigen Blicke und ihre gespitzten Ohren machen diese Beharrlichkeit zu einer wahren Marter für die Tischgenossen und für sie selbst (…) Die leckeren Sachen, die sie beständig vor Augen haben und nicht genießen können, werden zu wahrhaft peinvollen Erfahrungen für sie (…) und der Anblick dieser schmachtenden Mienen und gierig verzerrten Mäulern ist wirklich dazu angetan, den Appetit des unerschrockensten Feinschmeckers lahmzulegen.“ 1)

Tut sie doch weg!

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1) Grimod de la Reyniêre, Grundzüge des gastronomischen Anstandes.

Q13: Der Besuch

Wir, also das Zimperlieschen und ich, hatten Besuch. Tante Sophie war da, die kalte Sophie. Das ist nun eigentlich kein besonderes Event, weil die Tante nicht gerade nett ist. Eigentlich sogar eher abweisend und frostig.

Das Zimperlieschen war dennoch richtig hippelig und aufgeregt in den Tagen davor. Weniger wegen der Tante, die kannte sie ja vorher gar nicht, wie sie überhaupt nur wenig kennt; sie ist ja noch so klein.

Nein, Lieschen hippelte, weil wir vorher ausgemacht hatten, dass sie ins Freie darf, wenn die Tante wieder weg ist. Raus in die Sonne, mit Kniestrümpfen und allen Schikanen.

„Wann geht denn die Tante endlich?“

„Ach, Lieschen!“ Ich hatte Angst, sie platzt vor Spannung. „Sophie ist doch noch gar nicht da, Dummerchen, wie soll sie denn da schon wieder gehen?“

„Sie soll gehen, die Tante, wann geht sie denn endlich?“

„Die Tante Sophie ist sehr zuverlässig, weißt du, sie kommt immer am 15 Mai. Jedes Jahr, also auch dieses Jahr. Verlass dich drauf, sie kommt. Und wenn sie erst mal da ist, dann geht sie auch wieder- meist schon abends, nur manchmal bleibt sie über Nacht.“

Und so war es dann auch. Sophie kam pünktlich und verstand Gott sei Dank kein Tomatisch. Sonst hätte sie sicher das dauernde „Sie soll gehen! Sie soll gehen!“ aus dem Gartenhaus gehört. Das hätte peinlich werden können. Aber alles lief glatt: wie jedes Jahr war der Besuch recht frostig und zu allem Elend wollte sie auch noch über Nacht bleiben, brach aber wenigstens gleich nach dem Frühstück wieder auf.

Meine ersten Schritte lenkten mich natürlich sofort ins Gartenhaus, wo ich schon ungeduldig erwartet wurde: „Wo bleibst du denn? Ist sie weg? Hast du mir Kniestrümpfe mitgebracht? Juhuuu! Ich darf raus! Ich darf raus!“

Sophie war kaum um die Ecke, der Himmel war bewölkt. Der Wind – „aus wechselnden Richtungen, teilweise böig“ – war kalt und unangenehm. Ich fröstelte, aber natürlich war Lieschen nicht mehr zu halten. So nahm ich sie also an der Hand und wir gingen zu ihrem neuen Zuhause. Draußen! In der Sonne! Wie eine richtige, erwachsene Tomate!

Ich ließ sie sie allein, ging zur Terrasse zurück, um erst mal zu frühstücken und sah sie dort vorne im Gemüsegarten stehen: anmutig wiegte sie sich im Wind und streckte das Köpfchen der durch die Wolken brechenden Sonne entgegen. Gut, ein wenig kalt war es schon noch und ein bisschen Gänsehaut auf ihren Oberarmen konnte sie nicht verleugnen, aber sie ließ sich nichts anmerken. Tapferes Lieschen.

Am späten Nachmittag habe ich sie dann noch mal besucht, um nach dem Rechten zu sehen und zu fragen, ob ich ihr nicht doch eine warme Jacke bringen soll. Und ich traf auf ein sehr nachdenkliches Tomätchen:

„Sag mal, wir sind doch hier im Norden?“ fragte sie unerwartet und ich bejahte. „Und du kommst aus München, stimmt’s?“ fuhr sie fort und wieder nickte ich zustimmend. „Na dann.“

„Na dann? Wieso: Na dann? Was meinst du denn damit?“

„Ooch, nur so. Ich habe vorhin mal gegoogelt, was das mit der Tante Sophie so auf sich hat. Und soll ich dir mal was sagen? Die kalte Sophie gibt es hier im Norden gar nicht! Dafür gibt es hier schon am 11. Mai den Mamertus und die Eisheiligen fangen nicht wie im Süden erst am 12. Mai mit dem Pankratius an. Ist ja auch logisch. Normalerweise kommt die kalte Luft ja aus dem Norden und deshalb verschiebt sich das alles um einen Tag.“

„Aber du hast es ja gut gemeint“, sagte sie liebevoll. „Und weißt du was? Ein bisschen kalt war es gestern schon noch.“

Ich hätte nicht gedacht, dass WLAN so weit in den Garten reicht. Und ich hätte auch nicht gedacht, dass Tomaten so schnell erwachsen und vernünftig werden, wenn sie erst mal draußen stehen dürfen.

Gustatorische Dissonanz

Ich rauche. Und ich kenne Menschen, die mich davor warnen. Und zu allem Elend halte ich diese Menschen nicht für grundsätzlich blöd. Also zumindest nicht alle und nicht immer.

Sowas erzeugt natürlich Spannungen. In den Sozialwissenschaften bezeichnet man das seit Leon Festinger (1957) als „kognitive Dissonanzen“. Die treten immer dann auf, wenn Informationen, Erkenntnisse oder Sinneseindrücke nicht so recht mit dem individuellen Selbstbild in Einklang zu bringen sind. Und solche Unstimmigkeiten werden in aller Regel als ziemlich unangenehm empfunden, kurz: sie machen das Gehirn wuschig und wollen so schnell wie möglich eliminiert bzw. harmonisiert werden.

Und kommt mir jetzt nicht mit dem Vorschlag, das Rauchen aufzugeben. Das hieße, das Gehirn zu unterschätzen, und das sollte man – zumindest in meinem Fall – nicht tun. Da gibt es nämlich noch tausend andere Möglichkeiten, man muss sich da nur mal mit einem Raucher unterhalten, wenn er nicht gerade draußen vor der Tür steht (oder sich – im Sommer – dazustellen).

Um aber jetzt den Nichtrauchern den Wind aus den Segeln zu nehmen, möchte ich ein anderes Beispiel nehmen. Im bekanntesten Experiment von Leon Festinger wurden Freiwillige stundenlang mit einer höllisch langweiligen Aufgabe malträtiert. Anschließend bat man sie, ihren Nachfolgern weiszumachen, dass diese Aufgabe wirklich Spaß mache. Für diese kleine Schwindelei wurde der einen Gruppe eine Belohnung von 1 Dollar angeboten, die andere Gruppe erhielt 20 Dollar. Und schließlich wurde Ihnen noch ein Formular untergeschoben, in dem sie unter anderem die Frage beantworten mussten, wie ihnen denn die Aufgabe eigentlich gefallen habe.

Während die Personen der gut entlohnte Gruppe meist zugaben, dass es unsäglich langweilig war, kreuzte die andere Gruppe unisono an, es sei gar nicht so schlimm gewesen. Offensichtlich war ein Dollar zu wenig, um ihre Lüge vor sich zu rechtfertigen. Weshalb sie kurzerhand die Dissonanz ein wenig reduzierten, indem sie sich selbst belogen.

Diese „Theorie der kognitiven Dissonanz“ gehörte schon immer zu meinen Lieblingen. Es gibt unzählige schöne Experimente (unter anderem eines, indem schmutzige Wörter vorkommen, aber damit will ich die zarten Seelen meiner ausnahmslos jugendlichen Leser natürlich nicht behelligen). Und auch wer sich zunächst sicher ist, „sowas würde ich nie tun!“, der wird sich irgendwann geschlagen geben müssen: Der Mensch ist ein Meister der Lüge und schafft das am besten bei sich selbst. 1)

Mir ist jetzt allerdings aufgefallen, dass es beim Schmecken und Riechen einen ähnlichen Mechanismus gibt:

Seit ein paar Wochen steht vor meinem bevorzugten Supermarkt zweimal die Woche ein Hähnchenbrater, an dem ich vorbei muss, wenn ich den Markt verlasse und meist ohnehin die Geldbörse noch in greifbarer Nähe habe. Und immer riecht es aus dieser Bude herrlich, irgendwie archaisch und verlockend. Und immer tausche ich eine Tüte gegen einen Edelstein. Und immer schmeckt es fürchterlich.

Manchmal – beim Entsorgen der Tüte – ertappe ich mein Gehirn, wie es arbeitet: Schau dir mal das Preisschild an und vergleiche es mit dem Biohuhn bei der Geflügelfrau, was erwartest du? Überleg mal, wie lange die Dinger da schon schmoren, meinst du, das tut denen gut?. Was spricht denn dagegen, einen Vogel zu fangen, mit Gewürzen einzureiben und auf eine Bierdose geklemmt in den Ofen zu schieben? Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?

Aber dann sind die Dissonanzen doch irgendwie zu groß und es stellt die Arbeit wieder ein. Es kommt noch so weit, dass ich am freien Willen zweifle!

 

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1) Man hätte sich die Theorie natürlich auch sparen können, weil schon Friedrich Nietzsche wusste: „Das habe ich getan, sagt mein Gedächtnis; das kann ich nicht getan haben, sagt mein Stolz; und endlich gibt mein Gedächtnis nach.“

Q13: Das Zimperlieschen

„Hallo, Tomate“ sagte ich vorsichtig. „Hallo“, kam eine piepsige Stimme von schräg unten. „Bist du mein Gärtner?“ Das hörte sich schon mal gar nicht gut an.

„Hmmhh“ nickte ich zustimmend. „Und genau darüber wollte ich mal mit dir reden, weißt du.“

„Wieso reden?“ fragte sie aufgeregt, „weißt du etwa nicht, was du tun sollst? Du musst mich pflegen und hätscheln und ein bisschen düngen und gießen und ganz, ganz vorsichtig. Komm schon, du gast mich gesämt, jetzt musst du da auch durch.“

„Gesämt? Was soll das denn für ein Wort sein? Außerdem hab ich dich nicht gesämt. Weißt du, ich bin viel zu alt und kann keine Tomaten mehr kriegen. Ich hab dich adoptiert.“

„Uäääh!“ weinte sie herzzerbrechend los. „Und wer war dann mein richtiger Gärtner? Wo komm ich her, wo soll ich hin und wer war meine Mama?“

Ich kam ins Stocken. „Du liebe Zeit, woher soll ich das wissen? Ich glaube, du kommst aus der Tomatenfabrik. Und Tomaten haben gar keine Mama. Hör auf zu weinen! Ich muss mit dir reden“

„Schon!“ protestierte sie heftig, „natürlich haben Tomaten eine Mama! Los! Sag schon, wer war sie, wo ist sie, wann kommt sie?“

„Okay, Tomätchen, ist schon gut. Vielleicht hast du recht. Ich weiß es nicht. Aber schau, du hast eine nette Patentante, die Küchenschabe …“

„Igittigitt! So ein krabbelndes Käferchen? Ich kann Ungeziefer nicht ausstehen! Tu sie weg!“

„Jetzt mach aber mal einen Punkt, Tomate“ sagte ich etwas resoluter. „Du kennst sie doch gar nicht! Die ist echt nett! Und sie macht sich sogar Sorgen um dich.“

„Ich will zu meiner Mama!“

„Sei nicht ungerecht. Sie meint es wirklich gut mit dir! Zu gut, sogar. Sie behauptet zum Beispiel, du bräuchtest ein Dach nur für dich allein…“

„Natürlich brauch ich das! Ich werd ja sonst nass, spinnst du? Ich werd braun, ich krieg die Braunfäule! Hiiilfe! Wo bin ich hier hingeraten? Bau sofort ein Dach, sonst sag ich’s meiner Patentante!“

Irgendwie begann das Gespräch in exakt die falsche Richtung zu laufen, aber ich wollte noch nicht aufgeben.

„Schau, Tomätchen, ich hab dir hier mal deine Tante aus dem Supermarkt mitgebracht. Und jetzt sieh genau hin: Ich schmeiß sie gegen die Wand – und sie kommt brav zurückgehoppelt und nix is passiert! Absolut nix, kein Makel nirgends. Und jetzt, pass auf, halte ich sie unter die Dusche! Na? Siehst du, wie sie sich freut? Also stell dich nicht so an – hier regnet’s doch eh kaum.“

„Sags doch einfach!“ schrie sie los, „Sags! Dass du mich nicht magst! Dass du mich umbringen willst! Dass ich dir gar nichts bedeute! Dass du ein Rabengärtner bist! Los, sags schon!“

„Also hör mal her, Tomate“ lenkte ich ein. „Wir müssen jetzt ein paar Wochen zusammenhalten. Notgedrungen. Und wenn beide ein bisschen nachgeben, dann wird das viel einfacher. Also du verzichtest auf das Dach und ich halt dir die Schnecken vom Leib. Abgemacht?“

„Nix da!“ sagte sie, gefährlich ruhig. „§253 TomStgB: artgerechte Haltung. Das zieh ich durch! Ich bin rechtschutzversichert! Probiers nur!“

„Das ist ja Klasse. Gewerkschafterin, was? Bei der aktuellen Überlastung der Gerichte kommt es aber frühestens im Dezember zum Prozess. Überleg dir das gut. Weil bis dahin …

„Willst du mir drohen?“

„Nein, natürlich nicht!“ versuchte ich zu vermitteln. „Aber deine Patentante… Zufällig weiß ich, dass sie schon Pläne hat, die ich jetzt natürlich nicht verraten will – ich kenn sie ja selber nicht.“

„Aber ich brauch doch einen Schutz!“ sagte sie weinerlich.

„Jaaa, ich bau dir dein Drecks-Dach, alte Zimperliese! Aber halt jetzt die Klappe!“

Kennt jemand einen begabten Schreiner?

Q12: Der kleine Mönch

Es war einmal ein junger Mönch. Man nannte ihn Fra Angelino, woraus wir erkennen können, dass es sich um einen italienischen Mönch handelte, dass er ein Gesicht wie ein kleines Engelchen hatte und dass er der eindeutige Liebling der älteren Damen war.

Genau das aber war sein Problem. Sicher, er hatte wegen seiner Profession der fleischlichen Lust entsagt und gedachte diese durch allerlei andere Genüsse zu kompensieren, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. Denn überall, wo er auftauchte, traf er auf eine liebliche, fast süßliche Grundstimmung: Dolce, wie das die Leute in seiner Gegend nannten – es ging ihm gehörig auf die Nerven.

Und so änderte er sein Facebook-Profil und gab sich den Beinamen L’Agretto, der Säuerliche. Die Agentur, die er für diesen Imagewechsel beauftragt hatte, war sich sicher, dass das klappen würde. Aber weit gefehlt! Carino und gracioso und nach wie vor dolce, das waren die Wortfetzen, die kurz vor der Ohnmacht über die Lippen der älteren und dank Facebook inzwischen auch jüngeren Damen kamen.

Eine eilig einberufene Krisensitzung in der Agentur kam dann zu dem Schluss, dass das zu einem großen Teil am spärlichen Bartwuchs des jungen Kunden liegen müsse, den man ja kaum als Flaum bezeichnen könne, und dass man fürderhin tunlichst an dieser Problemstelle ansetzen müsse. Man rief den Photoshop-Experten hinzu und binnen einer oder zwei Stunden war eine neue Kampagne geboren, die den Arbeitstitel „Barba del Frate“ (Mönchsbart) trug.

Der Eventmanager der Agentur legte allerdings Wert auf die Feststellung, dass das wenig Aussicht auf Erfolg hätte, wenn man nicht einige begleitende Medien-Ereignisse inszenieren würde und man wolle zunächst mit einer Tournee anfangen, weil der direkte Kontakt zu den Fans auch im digitalen Zeitalter nicht zu ersetzen sei.

Und so kam es, dass der kleine Mönch seine Sandalen schnürte, um nördlich über die Alpen zu wandern, wo – so ging die Kunde -Menschen mit genügend Kaufkraft wohnen sollten. Ein wenig davon wollte er „abschöpfen“, wie der Finanzexperte der Agentur das genannt hatte.

Das alles dauerte seine Zeit, weil offene Sandalen auf den Alpenpässen …, na ja, Schwamm drüber, bei Gelegenheit müsste er wohl mal die Agentur wechseln. Immerhin traf er dann in Basel auf belebtes Gebiet und nachdem er das eine Weile beobachtet hatte, kam er zu dem Schluss dass das mit der Kaufkraft hier durchaus auch zutreffen könnte – zumindest traf er nur vereinzelt auf Hungerödeme oder eingefallene Wangen. So machte er dann Station, ließ sich auf dem Markt nieder und wartete auf sein erstes Opfer seinen ersten Kunden.

Wie der Zufall es wollte, war das – mit einem Einkaufskorb ausgerüstet – Robert, der Neugierige. Wie sich beider Blicke trafen, war auch schon verabredet, dass sich Fra Angelino auf seinem Marktstand ein wenig ausruhen könne, weil Robert eine bequemere Methode kannte, die Kunde vom Säuerlichen in die Welt zu tragen. Und das tat er dann auch: Zunächst mit Eiertätsch, wie der Marketing-Experte die Fritatta nennt, dann klassisch mit Spaghetti, oder mit Wasserstriwla oder …

Weltweit wurden jetzt Fanclubs gegründet und die einzig Leidtragenden waren ein paar italienische Standbetreiber auf regionalen Märkten, die das dauerende Nachgefrage nicht mehr hören konnten und notgedrungen zuhause anriefen: „Habt ihr was von diesem kleinen Engel gehört, der auch der Säuerliche genannt wird?“ (Sie sagten natürlich L’Agretto, weil sie ja mit zuhause, also mit Italien telefonierten). Aber der Siegeszug war nicht mehr aufzuhalten.

Heike war natürlich sofort klar, dass sie handeln musste, als der erste Post in ihrem Feedreader auftauchte. Und weil sie sich nicht von dem – na ja: nicht immer zuverlässigen – Gemüsehändler um die Ecke abhängig machen wollte, hat sie sich Samen besorgt: L’Agretto, Mönchsbart, Barba die Frate, Senape dei Monaci, Barba del Negus – alle Beinamen, die die verzweifelte Agentur inzwischen in Umlauf gebracht hatte, passten gar nicht auf das kleine Samentütchen! Aber sie war damit autark und bereit für die nächste Stufe: Fernsäen, eine völlig neue und revolutionäre Ausgeburt der Evolution. Während der Samentransport in den Norden mit dem Wind sicher ein paar Jahrzehnte gedauert hätte, ging das mit DHL ratz, fatz.

Allzu südlich kann ich Q12 natürlich nicht ansiedeln, aber doch in Rufweite zu Oregano, Rosmarin und anderen italienisch-sprachigen Kräutern. 6-8 Wochen soll das dauern, mal schauen, ob der Mönchsamen das auch im hohen Norden schafft. Steph hat ihn ja schon auf dem Isermarkt entdeckt, aber ob der dort gewachsen ist oder von der Agentur eingeflogen wurde, wird sich dann ja wohl bald rausstellen. Und bis dahin können wir schon mal rätseln, was Heike sich mit dem kleinen Mönch einfallen lässt: mit Pasta? Zu Sauerbraten? Im Spätzlesteig? Es wird spannend.

Ob die Ernte auch so ausfällt wie in Kalifornien und ob der dort englisch redet und hier platt? Die Natur ist voller Überraschungen.

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