Klarstellung

Ich glaube, der Mensch braucht ein Korsett, damit er nicht auseinanderfällt.

Ich, zum Beispiel, fange jeden Abend so gegen sechs Uhr an zu kochen. Wir essen dann so kurz vor sieben, mal etwas früher, mal etwas später, je nachdem wie das penible Schneiden der Brunoise voran geht.

An schlechten Tagen arbeite ich bis sechs, an guten Tagen sitze ich bis sechs mit einem Buch auf der Terrasse. Aber auch die schlechten Tage klingen genauso aus wie die guten und sind dann im Rückblick vielleicht gar nicht so schlimm, wie es ein paar Stunden vorher noch schien.

Kurz nach sieben, genauer 19:20 Uhr, setze ich mich dann vor den Fernseher und schaue mir “Kulturzeit” an und direkt im Anschluss die Tagesschau. Anschließend ist es wichtig, aufzustehen, den Raum zu verlassen und etwas anderes zu tun, weil sonst sehr häufig schlimme Depressionen drohen.

Heute zum Beispiel habe ich – vielleicht wegen des üppigen Essens*) und der dadurch bedingten leichten Trägheit – nicht ausgeschaltet. Es kann auch daran gelegen haben, dass ich mir eigentlich vorgenommen hatte, noch ein wenig zu arbeiten – und mein zweiter Name ist Prokrastination. Es kann aber auch das Gefühl gewesen sein, das früher die Leute auf die Jahrmärkte, zum Beispiel zur Frau ohne Unterleib, trieb: ungläubiges Staunen gepaart mit Abscheu und fassungslosem Starren.

Ich habe nämlich heute den schlechtesten Film aller Zeiten gesehen. Den Titel habe ich vergessen, aber wer sich das unbedingt antun will, findet ihn bestimmt noch in irgendeiner Mediathek. Es waren die schlechtesten Schauspieler aller Zeiten mit den schlechtesten Dialogen aller Zeiten und der schlechtesten Geschichte aller Zeiten. Irgendwas mit Romeo und Julia und wie zwei sich finden, die sich gar nicht ausstehen können. Was an sich nicht unbedingt tragisch sein muss, wenn es nicht so grottenschlecht, so absolut unter aller Sau gespielt, gesprochen und gefilmt wäre. Sogar italienische Städte und Landschaften haben Brechreiz ausgelöst, das muss man erst mal schaffen.

Und ich hab gebannt zugesehen bis zum Ende. Aus welchen Gründen auch immer. Nur eines muss ich jetzt klarstellen: Ich bin nicht anschließend losgezogen, um die amerikanische Botschaft zu überfallen. Und das lag nicht nur daran, dass die nächste Botschaft 100 km entfernt ist.

Soweit zu meinem Geisteszustand, der sicher besorgniserregend, aber noch nicht hoffnungslos ist.

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*) Sauerkraut mit Spätzle und Schweinshaxe; Calvados-Apfelküchle aus Engelchens Küche

1 Gedanke zu „Klarstellung“

  1. 17. September – Himmel, das ist ja schon einen Monat her! Geht es dir gut, hast du nur viel Arbeit, oder muss ich mir Sorgen machen? (Oder sitzt du etwa gar nur mehr vor dem Fernseher und siehst dir Liebesfilme an?)

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