Mangold, Speck, Eierguss

Ein Deutschlehrer, der auch Sprachkurse für Asylbeantragende abhält, hat erzählt, dass ein Schüler den Satz „Das wird wohl schon gemacht worden sein“ gebildet habe. Noch vor dem Applaus des Lehrers und der anderen Kursteilnehmer für diese schöne Formulierung habe er allerdings gezögert und sich dann verbessert: „gemacht geworden gesein“. Auf Nachfrage erschien ihm die erste Version „zu rund für deutsche Sprache“. Nun, so unterschätzt die deutsche Sprache auch sein mag, so gebiert sie doch auch kleine Juwelen, Wörter die ein ganzes Universum an Bedeutung und Konnotation aufblühen lassen. Zum Beispiel das „Impfangebot“ (das vor zwei Jahren noch nicht möglich gewesen wäre). Darin stecken die vor Stolz aufgeblasenen Backen desjenigen, der es tatsächlich – wider aller Erwartungen – zumindest laut eigener Aussage geschafft hat, ein paar Dosen Serum zu organisieren und sich mit leuchtenden Augen auf ein Lob freut. Aber auch die Angst des Berufspolitikers vor seinen Wählern, die vielleicht gar nicht geimpft werden wollen und denen man bitte nicht zu nahe treten und ihnen deutlich machen will, dass natürlich niemand gezwungen werde und es sich halt um ein Angebot handle, das man durchaus eventuell auch ablehnen könne, ohne dass irgendjemand böse würde. Oft frage ich mich, wie viel Politiker-Rückgrat eigentlich wegen Produktionsmängeln als Retour-Lieferung zurückgehen (aber wohin) müsste. Wenn dann aber aber so schöne Wörter wie „Impfangebot“ dabei herauskommen, bin ich für einige Zeit wieder besänftigt.

Küchentagebuch, Mittwoch 30. Juni 2021

Gerne wieder

Melone, Pasta, Salat

Jetzt beginnt die Zeit, in der nicht mehr ich entscheide, was es zu essen gibt, sondern die Natur. Im Garten reifen die ersten Zucchini. Dem hab ich erstmal ganz schnell ein Ende gemacht und einen Kuchen gebacken. Es gibt eigentlich nicht viele Erdbeeren, aber sie wollen alle gegessen werden (die Sorte Mieze Schindler ist zwar unheimlich lecker, aber absolut lagerungsunfähig, selbst der Transport in die Küche scheint ihr zu viel zu sein). Der Mangold schwillt regelrecht an, selbst die Bohnen wachsen bedrohlich. Und ganz ehrlich, der Zucchini-Kuchen wird dieses Problem nicht lösen. Ich tu jetzt einfach so, als ob ich das ohnehin alles in nächster Zeit hätte kochen wollen.

Küchentagebuch, Dienstag 29. Juni 2021

  • Melone mit Feta, Pinienkernen und Basilikum
  • Tortiglioni mit Tomatensauce (Reste von gestern müssen auch noch abgearbeitet werden)
  • Salat (die unendliche Geschichte)
  • Quark mit Erdbeeren und Johannisbeeren
Resteverwertung vom Feinsten

Gebacken: Zucchini-Kuchen und Mischbrot

Das ist der erste, wird aber nicht der letzte Zucchinikuchen sein

Aubergine, Tomate, Mozzarella

Ich mag keine Auberginen. Vielleicht in Schmortöpfen verkocht. Aber ich bin mir selbst da nicht sicher, ob da was fehlen würde, wenn man sie wegließe. Und auf jeden Fall nicht als »Melanzane alla Parmigiana« – ich habe bislang immer nur mit Fett vollgesogene badeschwammähnliche Gebilde gegessen (und fabriziert), die im besten Fall von einer guten Tomatensauce barmherzig zugedeckt wurden. Aber jetzt habe ich zwei Pflänzchen in den Garten gesetzt, die schon zu richtigen Pflanzen herangewachsen sind. Ob da je Früchte wachsen, ist zwar noch nicht ausgemacht, aber wenn ich da jeden Tag mit schlechten Gedanken dran vorbeigehe, dann kann das ja nichts werden. Und da außerdem die Bällchen-Version von Ottolenghi gar nicht mal schlecht war, bekommen jetzt die Hochstapler-Türmchen von Arthurs Tochter noch eine Chance. Vielleicht werde ich ja rechtzeitig vor der Ernte noch Auberginen-Fan, bei den Zucchini hab ich es ja auch geschafft.

Küchentagebuch, Montag 28. Juni 2021

  • Der Turmbau zu Gabel – Aubergine-Parmesan-Auflauf (s.o. bei Astrid)
  • Erdbeeren und Johannisbeeren mit Joghurt
Ja, aber der in Würzöl marinierte Mozzarella und die Tomatensauce hätten wohl auch auf einem Bierfilzl »bella figura« gemacht

Ripple, Brezen, Salat

Heute hat übrigens der Sommer begonnen. Nicht meteorologisch oder kalendarisch oder so, sondern kulinarisch. Der Sommer beginnt, wenn ich zum ersten Mal morgens zum Frühstück Cornflakes anrühre und Johannisbeeren aus dem Garten hole. Ich esse sonst nie Cornflakes und Johannisbeeren nur in Maßen, aber mit dieser Kombination fängt der Sommer an, und ich freue mich darauf immer schon wochenlang und beobachte den Färbegrad der Beerchen, bis es dann endlich soweit ist. Und dann habe ich beim Frühstück auch noch einen Satz gelesen, der im Küchentagebuch nichts verloren hat, den ich aber trotzdem aufschreiben muss: »Frauen und Diverse sind nicht unsichtbar in der Sprache. Sie sind unsichtbar in manchen Köpfen.«

Küchenkalender Juni 2021 (3)

  • Hummersuppe mit Blumenkohlröschen (das ideale Gericht für die Tage, an denen man gerade zwei Hummerkarkassen und einen ganzen Hummer rumliegen hat. Im Notfall kann man dann auf den Blumenkohl verzichten – bestimmt delikat!)

Küchentagebuch, Sonntag 27. Juni 2021

  • Badisches Ripple (hier schon mal)
  • Brezen (Lutz Geissler, BB Nr. 4)
  • Radieschen, Tomaten, Gurke, Butter
Brotzeit – Mahlzeit

Paneer, Karotten, Erbsen

Seit es Iglo gibt – also soweit ich mich zurückerinnern kann, immer – und seit alle Fernsehköche behaupten, tiefgefrorene Erbsen seien besser als frische, weil sie »direkt auf dem Feld« gefroren würden und alle »wertvollen Inhaltsstoffe« noch erhalten wären, seither gibt es bei uns Eis-Erbsen, weil sie tatsächlich besser schmecken, als die aus den Dosen (an die man ja nur mit hinter dem Rücken gekreuzten Fingern und gesenktem Blick denken darf, weil sie einen sonst für immer im Traum verfolgen). Aber wenn es frische Erbsen auf dem Markt gibt, dann können mir Fernsehköche und andere Besserwisser gestohlen bleiben, die sind ja nur zu faul zum Pulen. Frag ich also den netten jungen Mann am Gemüsestand, wie viele Schoten ich denn bräuchte um 250 g Erbsen zu erhalten. Sein hilfloser Blick ging zuerst zu seiner Mutter, die in ein Gespräch vertieft war, dann zu seinem Bruder, der zumindest denselben Blick hatte und dann zu mir: »Puh, ich seh die immer nur so …« Und wenn man mal eine erfahrene Hausfrau bräuchte, ist natürlich keine in der Nähe – alle waren unter sechzig Jahren.

Küchentagebuch, Samstag 26. Juni 2021

  • Gajar Matar mit Paneer (Erbsen, Karotten und Kreuzkümmel; aufgetrieben und aufgeschrieben von Anke Gröner)
  • Milchreis mit Erdbeeren
Kreuzkümmelmist MEIN Gewürz!

Was macht Iglo eigentlich damit:

Kann man das recyceln?

Maultaschen, Salat, Erdbeeren

Mir ist überhaupt nicht wohl. Ich darf zu den Maultaschen keinen Kartoffelsalat machen, obwohl ich mir sicher bin, dass es seit Menschengedenken noch nie nicht vorgekommen ist, dass Maultaschen ohne Kartoffelsalat gegessen worden sind – unvorstellbar. So hat es mir meine Mutter beigebracht, die es von ihrer Mutter so gelernt hat, so hab ich es immer gehalten. Aber jetzt gibt es Salat im Hochbeet, viel Salat im Hochbeet. Das ist ja das Problem mit Salat im Hochbeet: Entweder es wächst gar kein Salat, oder es wachsen alle Salatköpfe auf einmal. Sicher, theoretisch weiß ich natürlich auch, dass man die Samen nacheinander säen und dann zum Beispiel pro Woche ein oder zwei Salate ernten könnte – Theorie halt. Im Freiland-Beet haben wenigstens die Schnecken noch mitgegessen. Jetzt gibt es halt Salat; heute Salat und morgen Salat und …

Küchentagebuch, Freitag 25. Juni 2021

  • Schwäbische Maultaschen
  • Salat und Salat
  • Quark mit Johannisbeeren und Erdbeeren (und da wär mir eine Schwemme eigentlich ganz recht)
Ganz wichtig bei Maultaschen ist die Schmälze

Saltimbocca, knusprige Bohnen, Kartoffeln

Offene Browser-Tabs sind die Geißel des einundzwanzigsten Jahrhunderts. Früher war es ja so, dass man ein interessantes Rezept bzw. das Bild davon gesehen hat. Dann hat man gedacht Oh ja, das probier ich aus! Und ob man dann die Seite einfach geschlossen hat (in der irrigen Annahme, man würde sich später noch daran erinnern) oder den Link vorher noch in der Favoritenliste gespeichert oder ein Lesezeichen gesetzt hat, das Ergebnis war das gleiche: Aus den Augen aus dem Sinn. Das war aber gut so, und wahrscheinlich auch so geplant. Erhöhung der Zufriedenheit durch Reduktion der Wunschliste, so stand es damals im Exposé der Schöpfung. Und auch Neuerungen wie die Notizen oder Feedly-Read-Later auf iOS oder die Sammlungen bei Edge: Gutes Gewissen, weil gespeichert; hohe Zufriedenheit, weil vergessen wo. Und heute ist da dieser immer offene Tab mit »Alubias con judías verdes y ajo«, also etwa »Knusprige weiße Bohnen mit grünen Bohnen und Knoblauch«. Und tatsächlich ist da ein Bild mit goldbraun gebratenen Riesenbohnen, bei dem ich nicht für möglich gehalten hätte, dass so etwas geht. Da mich dieses Bild aber jeden Tag anlacht, muss ich das heute endlich nachkochen, auch wenn es vielleicht nicht ganz zu Saltimbocca passt, ich halte das nicht länger aus. Ich muss den Tab jetzt endlich schließen.

Küchentagebuch, Donnerstag 24. Juni 2021

  • Saltimbocca alla Romana
  • Vorgekochte junge Kartoffeln in der Pfanne in Butter gebräunt (weil der Backofen belegt ist)
  • Knusprige weiße Bohnen mit grünen Bohnen und Knoblauch (das deutsche Rezept, meine Übersetzung, die habe ich aber schon mit DeepL überprüft)
Ehemals weiße Bohnen, tatsächlich knusprig! Auch als Snack zum Bier auf der Terrasse vorstellbar

Gebacken: Rhabarbertarte (ich habe begonnen, meinen Geburtstagskuchen selber zu backen, als mich Freunde mit einer Sahnetorte von Coppenrath & Wiese überrascht haben)

Letzter möglicher Tag, das war’s. Bis nächstes Jahr

Reis, Kimchi, Käse

Gestern bin ich auf dem Markt nahezu gezwungen worden, ohne Maske einzukaufen. Ich weiß zwar nicht, was es bringen soll, aber anscheinend war es vielen Menschen ein Bedürfnis, die neu gewonnenen Freiheit demonstrativ zu feiern. Wegen niedriger Inzidenz (seit Tagen unter 1,0) dürfen wir wieder. Nur im Freien, wenn ich es richtig verstanden habe und bis auf Widerruf, aber hey! Ich hoffe, der Schritt zurück geht genauso fix, wenn Delta hier ankommt.

Küchenkalender Juni 2021 (2)

  • Beerensülze (viel Gelatine, viele verschiedene Beeren, Zucker und Zitrone für die Sülze, viele Beeren, Zucker und Zitrone für die Garnitur; Jahrhundertküche? Für die Garnitur einen Joghurt-Spiegel gießen und pürierte Beeren so draufgießen, dass ein Blumenmuster entsteht. Könnt ich nicht, wollt ich aber auch nicht)

Küchentagebuch, Mittwoch 23. Juni 2021

  • Reiskrapfen mit Kimchi und Gruyère (Ottolenghi, Flavour, auf englisch und auf deutsch)
  • Salat
  • Gebackene Holunderblüten
Trotz zugekauftem Kimchi äußerst delikat

Wolfsbarsch, Fenchel, Reis

Eigentlich ist es merkwürdig, dass man in Deutschland Fragen stellt. Ist das so zu verstehen, dass alle möglichen Fragen fix und fertig irgendwo rumliegen und bei Bedarf einfach aufgestellt werden können? Oder gibt es einen Wartesaal, wo die Fragen sitzen dürfen, bevor sie gestellt werden? Bei der Vielzahl unbeantworteter Fragen ist das eher unwahrscheinlich, der Platzbedarf wäre einfach zu hoch. Auch auch unsere westlichen Nachbarn (poser une question, een vraag stellen) halten es ähnlich, während man weiter südlich offenbar nichts von dieser Art Vorratshaltung hält und lieber alle Fragen bei Bedarf neu macht (hacer una pregunta, fazer uma pergunta, fare una domanda). Unsere nicht-mehr-ganz-so-dicken-Freunde auf der Insel sind wie immer ganz schrullig und fragen ihre Fragen (to ask a question), als ob es Sinn machen würde, eine Frage etwas zu fragen – das kann man wahrscheinlich zusammen mit Linksverkehr und Pfefferminzsauce ad acta legen. Auf den ersten Blick erscheint die südliche Variante moderner und platzsparender (Stichwort On Demand Questions), zumal sich manchmal Fragen auch selbst stellen und damit für Chaos in der Ablage sorgen und alles durcheinander bringen können. Andererseits gibt es Fragen, die sich nicht so einfach beantworten lassen und eigentlich nicht jeden Tag neu gemacht werden müssten, da wäre eine Ablage schon praktisch. Was gibt es eigentlich heute zu essen?

Küchentagebuch, Dienstag 22. Juni 2021

  • Dorade Wolfsbarsch mit Fenchelsauce (essen&trinken)
  • Reis
  • Erdbeer-Rhabarber-Kompott mit Joghurt
Fisch gut, Sauce sehr gut, Reis ok

Angesetzt: Rhabarber-Kimchi mit Sumach (Ottolenghi, bei pfanntastsisch)

Ich bin mal gespannt

Pasta, Butter, Salbei

Ich weiß nicht, was mich gestern geritten hat. Ich saß im Garten mit dem Blick auf zwei riesige Salbei-Büsche in voller Pracht. Der Entschluss, heute Spaghetti mit Salbeibutter zu »kochen« und den Salat im Hochbeet zu ernten, brauchte nicht lange um zu reifen. So weit so gut. Insgesamt keine schlechte Idee. Allerdings hatte ich später wohl zu viel Zeit, gerade ein Tablet in der Hand und den Drang, vielleicht etwas »mehr als nur« Salbeibutter zu machen, obwohl das erfahrungsgemäß völlig unnötig ist. Jetzt bin ich total durcheinander. Was zum Beispiel bringt jemand dazu so viel Text und so viele Bilder um eine Salbeibutter herum zu platzieren, dass man vor lauer Scrollen das »Rezept« verpasst? Aber gut, ich muss nicht alles verstehen. Und das Angebot ist riesig: Ganz beliebt ist Pasta mit Kürbis, Salbei und Speck. Irgendwo gibt es bestimmt auch Kürbis, aber das fällt flach. Vielleicht Salbei, Feta und getrocknete Tomaten? Oder mit Parmaschinken? Was ich auch noch nie probiert hab, ist die Kombination von Salbei und Zitrone, oder mit Gorgonzola-Walnuss-Birne, oder Rehleber mit frischem Salbei (gibt es im Moment Wild?). Was sicher ginge, wäre» Pasta mit Spargel in Salbei-Sahne-Soße«, aber ich bin Spargel-Purist. Mit »Nudeln mit Salbei und Ricotta« könnte ich den Ricotta-Rest verwerten, oder lieber »Pasta Yoichiro mit Kirschtomaten, Mozzarella und Salbei« (Cross over)? Und am Tegernsee gäb’s »Frische Pasta mit karamellisierten Aprikosen und Salbei«! Oder mit Pfifferlingen? Ich hab noch nie Pfifferlinge und Salbei und schon gar nicht mit Nudeln. Irgendwann werde ich mich sicher entscheiden, aber heute nicht. Heute nenne ich es einfach »Pasta con Burro e Salvia«, das hört sich toll an.

Küchentagebuch, Montag 21. Juni 2021

  • Zucchiniblüten gefüllt (im Backofen, kraut&rüben)
  • Spaghetti mit Salbeibutter
  • Gemischter Salat
Alles aus dem Garten (außer der Pasta natürlich)
Tischgespräche
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