Solanin

Ich wohne jetzt seit 2 Jahren in Niedersachsen. Praktisch bin ich damit „Einheimischer“. Und fühle mich auch ein wenig schuldig.

Wenn irgendein Lebensmittelskandal durch den deutschen Blätterwald rauscht, dann sind „wir“ beteiligt: Ob Dioxin in Hühnereiern, EHEC-Keime in Sprossen, Schweine-Pipi im Trinkwasser, immer sind es „wir“. Dabei sind wir eigentlich keine bösen Menschen, zumindest relativ gesehen.

Gut, der Niedersachse hat immer ein wenig Pech gehabt. Bei der Landschaftsplanung sind irgendwie die Berge und Hügel verschütt gegangen (ich war noch nie im Harz). Und so ein Kälbchen, das nicht auf der grünen Alm grast, vielleicht noch eine dralle Sennerin im Arm hält, sieht einfach ein bisschen verloren aus in der norddeutschen Tiefebene. Deshalb räumen wir sie auf, in riesigen Ferienanlagen. Mit Wellness-Angeboten, Kuh-Duschen, Plastikspielzeug für die Ferkelchen – all-inclusive. Aber das ist nicht böse gemeint; wir machen das auch mit Menschen so, im Snow-Dome zum Beispiel, die Natur gibt einfach nicht mehr her, was sollen wir machen?

Und dann bei der Lebensfreude. Da ist bei der Verteilung auch einiges schief gegangen. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber auch Babette hatte damit zu kämpfen: protestantisch, fromm, enthaltsam und „Grünkohl mit Pinkel“. Das sitzt ganz tief drin, seit Generationen, seit Jahrhunderten. Aber, sagt meine Marktfrau, das stimmt doch gar nicht mehr, das wird doch immer besser, zumindest langsam. Tja, das stimmt wahrscheinlich; doch, ich glaube fest daran.

Aber ich bin auch stolz auf meine Niedersachsen. Als ich noch Wahl-Bayer war, zum Beispiel, ist mir nie ganz klar geworden, warum Kartoffeln immer bei den Lebensmitteln zu finden waren. Es sei denn, ich hatte mal lange gespart und auf dem Viktualienmarkt ein oder zwei Bamberger Hörnchen oder La Ratte erstanden. Und hier weiß ich gar nicht mehr, wie man ohne Kartoffeln glücklich werden soll. Vergesst die Sorten – die werden ohnehin von der EU vorgeschrieben! Fragt die Bauern, nehmt Bodenproben, es ist ein bisschen wie Schatzsuche. Und immer meist wird man belohnt mit goldgelben Knollen, mit speckigen, mit nussigen, mit wundervollen Aromen. Arme Südeuropäer!

Und doch sitzt auch hier die Angst im Nacken. Kartoffeln sind giftig, auch ohne – oder gerade ohne – Pestizide. Das ist ein wenig in Vergessenheit geraten, müsste aber eigentlich für einen kleinen Skandal reichen: Ein Baby, das 1 kg Kartoffelschalen isst, ist definitiv geliefert! Und wo bleibt der Aufschrei?

Nun, α-Solanin ist kein böses Gift. Böse Gifte kommen von der Industrie, gute Gifte wachsen in der Pflanze, gute Gifte sind „Bio“. Dabei sind die Nebenwirkungen nicht von schlechten Eltern: „
Die akuten Vergiftungssymptome von Solanin sind Brennen und Kratzen im Hals, Magenbeschwerden, Darmentzündungen, Nierenentzündungen mit blutigem Harn, Gliederschmerzen, Fieber, Übelkeit, Brechreiz, Nierenreizungen, Durchfall und in schlimmen Fällen sogar die Auflösung der roten Blutkörperchen, Herzrhythmusstörungen, Störungen der Kreislauf- und Atemtätigkeit sowie Schädigungen des zentralen Nervensystems (Krämpfe, Lähmungen)„, auch Todesfälle wurden berichtet.

Das haben unsere Eltern noch gewusst. Wie anders wären sonst „Salzkartoffeln“ zu erklären?

  • Kartoffeln schälen (der weitaus größte Teil von Solanin und Chaconin befindet sich in und knapp unterhalb der Schale)
  • Kartoffeln in Wasser kochen (Das Kochen kann den Alkaloiden zwar nichts anhaben, allerdings werden die Knollen so ausgelaugt und ein Teil der Giftstoffe landet im Kochwasser)
  • Schalen und Kartoffel-Kochwasser entsorgen (während sonst allerhand in der Gemüsebrühe landete)

Mit kulinarischen Gründen kann das nichts zu tun haben (trotzdem wurde das Rezept leider nicht genauso sorgsam entsorgt wie das Kochwasser, was man in sogenannten Landgasthäusern gerne überprüfen kann).

Warum also ist das in Vergessenheit geraten? Warum quellen Frauenzeitschriften und Food-Blogs über von Rezepten für „Country-Wedges“ und „frittierten Kartoffelschalen“?

Schuld sind wieder einmal die üblichen Verdächtigen, die böse EU und die „konventionelle Landwirtschaft“:

  • Während es noch 1943 eine Kartoffelsorte „Voran“ gab, bei der zwischen 30 und 60 mg/100g Gesamt-Solanin gemessen wurden, haben heute zugelassene Kartoffelsorten etwa 3-7 mg/100g Alkaloid-Gehalt in der Schale (und weitaus weniger im Kartoffelkörper)
  • Bei Schädlingsbefall wehren sich die Kartoffeln mit erhöhter Solanin-Produktion; seit ordentlich gespritzt wird, geschieht das seltener

Ich will niemandem den Spaß an frittierten Kartoffelschalen nehmen, aber es macht mich unruhig, dass das tradierte Wissen über Lebensmittel immer mehr abnimmt und durch Panikmache ersetzt wird. Hey, was war das für ein Aufstand, als das Acrylamid in den Pommes entdeckt wurde! Und die Hersteller von hysterischen Öko-Müttern gezwungen wurden, die Frittier-Temperatur niedriger einzustellen. Und ach! wie klein waren die Meldungen, als sich herausstellte, dass Acrylamid im Gegenteil meist sogar zu niedrigeren Krebsraten führte.

Wenn unsere Bio-Kartoffelbauern jetzt wieder alte Sorten ausgraben, und dafür kämpfen, dass sie sie dann auch verkaufen dürfen, dann ist das löblich. Verspricht das doch im besten Fall eine Wiederbegegnung mit vergessenen Aromen. Wenn sie allerdings nach dem Motto „Alt ist gut“ nicht darauf achten, dass früher auch Leute über den Jordan mussten, und dass man das den Besitzern und Liebhabern von TK-Truhen und Fertig-Nahrung auch sagen muss, dann ist nicht allzu viel gewonnen.

Wenn unsere Züchter vermehrt dünnschalige Kartoffelsorten züchten, weil das früher ein Zeichen für frisch geerntete und damit wenig belastete Ware war, dann sollten sie auch dazu sagen, dass die Kartoffeln sich das nicht gefallen lassen. Weil sie ohne Schutz der Schale einfach mehr Solanin in der Frucht produzieren – schließlich wollen sie nicht gefressen werden, auch nicht von Zweibeinern.

Und wenn der Kunde vermehrt kleine Kartöffelchen verlangt – Udo Pollmer vermutetet, dass sie das tun, weil das auf dem Teller hübscher und kalorienärmer aussieht – dann muss man ihnen sagen, dass die Kartoffeln dann bei gleicher Menge eine größere Oberfläche und damit mehr Gift haben und vielleicht nicht unbedingt für einen Verzehr mit Schale geeignet sind.

Also

Wer auf Nummer sicher gehen will, bevorzugt heute größere Erdäpfel mit dicker Schale.“ (Udo Pollmer)

Oder

Part of the secret of a success in life is to eat what you like and let the food fight it out inside.“ (Mark Twain)

 

Autsch!

Angenommen, ich wäre ein Huhn … Nein, so geht das nicht, also nochmal vorn:

Angenommen, es gäbe eine Maschine, die aus Körnern, Würmern und Gras Frühstückseier produzieren könnte, was wäre das für ein Geschäft (und was für eine lohnende Geldanlage)! Ich wär sofort dabei. Und ich würde auch sofort auf den Zug aufspringen, wenn es eine Maschine gäbe, die aus Gras, Stroh und Billigweizen fettige, sahnige Milch machen könnte. Oder eine andere, die aus allerlei Abfall allerlei Schweinebraten herstellen würde.

Genug geträumt, denn all das gibt es ja längst. Meistens ziemlich effektiv, oft mit ansprechendem Design, zum Beispiel flauschig gelb bis fedrig-weiß die einen, rosa ferkelig die anderen oder auch braun bis gefleckt mit großen Augen und Gleichmut im Blick.

Wir dürfen sie halt nicht „Maschinen“ nennen, sondern müssen „Tiere“ sagen – mit allen unangenehmen Folgen, die sich daraus ergeben. Obwohl wir sie ja „gemacht“ haben, so wie sie jetzt sind. Und der große Kreator würde bestimmt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn ich ein so weltliches Bild einmal benutzen darf, zusammenschlagen über den nach vorne kippenden Truthähnen, die sich nicht mehr selbst vermehren können oder über den laufenden Eutern. Nein, dieses Bild stimmt auch nicht, das Wort laufen sollte man da wohl nicht leichtfertig benutzen.

Aber effektiv sind sie schon diese Maschinen, und klug geplant und sorgfältig umgesetzt und picobello sauber und hygienisch. Wenn sie nur nicht so eine verdammte Ähnlichkeit mit Küken und Ferkeln und Kälbchen hätten.

Denn schon kommen die um die Ecke, die die Maschinen mit Tieren verwechseln und schreien: „Stopp dem Hühnermord!“ und „Grausam!“ und „Wahlrecht für Erdbeeren!“, bloß weil man ein paar Maschinen ein paar Federn wegoptimiert hat und die anderen zwecks Arbeitserleichterung von ihrem Ringelschwänzchen befreit hat und Erdbeeren doch auch arme Schlucker sind.

Aber mal ehrlich: Es gibt kaum noch Kinder, die für Cowboy-und-Indianer Hühnerfedern brauchen, und wenn dann will keiner der Indianer sein. Und welcher Mensch will schon ein Ringelschwänzchen haben. Und die Erdbeeren sollen erst mal wie Erdbeeren schmecken, dann können wir auch übers Wahlrecht reden – zumindest in Italien.

Aber NEIN: ich will mir keine Feinde machen und ich bin ja auch empfindlich. Und auch ich hab bei Bambi geweint.

Und so ging es bestimmt vor ein paar Jahren auch Adam Shriver, einem amerikanischen Philosophen. Und so ein Philosoph hat natürlich ganz andere Möglichkeiten als unsereins, wenn er denkt: „Das tut denen doch weh!“ Ich wäre als Philosoph erst mal auf die Idee gekommen, zu behaupten, dass es gar nicht weh tut, weil nur Menschen Leid empfinden können oder so ähnlich. Aber Herr Shriver wusste, dass er damit nicht sehr weit kommen würde. Als moderner Philosoph hat er natürlich nicht nur die alten Schinken gelesen, sondern nebenbei auch ein bisschen Neurologie gehört und auch gleich einen bahnbrechenden Artikel in der Zeitschrift Neuroethics verfasst: „Knocking out pain in livestock: Can technology succeed where morality has stalled?“ und behauptet: „I argue that there may be a technological solution to the problem of animal suffering in intense factory farming operations.“ (- Ich vertrete die Auffassung, dass es eine technologische Lösung für das Problem des Leidens von Tieren in intensiver Haltung geben kann –) Kürzer und etwas leichter zu lesen in einem Artikel der New York Times: „Not Grass-Fed, but at Least Pain-Free„)

Mal abgesehen davon, dass Philosophen gerne geschwollen von Dingen daherreden, von denen sie möglichst wenig verstehen, ist sein Idee bestechend. Ich fasse mal grob zusammen:

Das Gehirn von Säugetieren, so hat er irgendwo gelesen, hat zwei verschiedene Mechanismen entwickelt, Schmerz wahrzunehmen und darauf zu reagieren. Der eine ist zuständig für die Ortung des Schmerzes, die Stelle, die Qualität und die Intensität. Und der andere stellt fest, ob das lustig ist („senses the pain’s unpleasantness“). Am ersten, schlägt er vor, solle man besser nicht rumpfuschen. Denn dann würde z. B. eine Ratte, die auf eine heiße Herdplatte latscht, den Fuß nicht zurückziehen – mit nachvollziehbaren Folgen. Der andere allerdings sei wunderbar geeignet, ausgeschaltet zu werden; man müsse nur eine Protein entfernen und: Schwupps! Die Ratte zieht den Fuß zurück und lächelt!

Ich bin mir mit Herrn Shriver einig, dass das toll wäre und dass das klappen wird – auch bei Schweinen, Gänsen und Kühen. Die kriegen das hin, die Neurologen und Gen-Forscher! Durchhalten ihr armen Schweine, bald tut’s nicht mehr weh!

Ein wenig nachdenklich macht mich nur, dass andere Rezipienten (z.B. in der bild der wissenschaft) nicht so euphorisch reagieren wie wir. Vielleicht sind wir unserer Zeit einfach voraus und müssen noch ein bisschen abwarten …

Wehrmacht

„Wer macht die beste Schokoladensauce? Wer?“ rief Herr T. und rannte durch das Haus. In der linken Hand ein kleines Schüsselchen mit hellbraunem Inhalt während die rechte Hand zur Faust geballt war und regelmäßig in einem geheimnisvollen Takt gegen die Brust geschlagen wurde. Die Stimme überschlug sich ab und an: „Wer?“

Die eilig im Flur zusammengekommene Familie sang enthusiastisch im Chor: „Du! Du! Du!“. Wahrscheinlich um das Schlimmste zu verhindern, vielleicht aber auch aus echter Überzeugung.

Das Rezept stammt von Jürgen und geht so:

150 ml Sahne und 150 ml Milch vermischen und aufkochen. 150 g Bitterschokolade darin schmelzen und mit ca. 50 g Zucker süßen. Wenn die Sauce ausgekühlt ist, 2 EL Rum dazugeben. 100 ml Sahne steif schlagen und unterheben. Es dürfen ruhig noch Schlieren zu sehen sein.

Genial. Aber kein Grund, auszurasten. Es steht nämlich zu befürchten, dass es sie gar nicht gibt, die beste Schokoladensauce aller Zeiten. Zumindest nicht, wenn man die Lebensleistung von Howard Moskowitz berücksichtigt, wie in diesem TED-Talk vorgeschlagen wird:

[ted id=20 lang=de]

 

 

#seufzer

Gestern Abend um halb neune
hob i an der Tür geklopft.

Schöner Jüngling, kommen’S  eine,
rief ein Maderl, blondbezopft.

I richt eahne eine Jausn,
und hätt da an schönen Speck,

aber bittschön kaane Flaus’n,
lassen’S eahne Finger weg!

Speck am Teller, Speck am Gürtel,
wo’mer hischaut: Hochgenuss.

Maderl, bringen’S no a Viertel,
bevor I Sie verlassen muss.

I möcht Sie net molestieren,
oba no a bisserl schaun,

von dem Tellerspeck probieren,
und .. na, i du mi nimmer traun …

Reis, Kartoffeln, Quinoa

Oder gibt es noch andere Beilagen?

Wie? Brot? Ja, Brot ist okay. Das zählt.

Und weiter? Was? Nudeln? Nein! Nein! Nein!

Und warum, bitte? Warum in aller Welt sollten „Nudeln“ nicht zählen? Keine Beilage, oder was?

Nein, schon Beilage, aber nicht essbar. Zumindest nicht ohne Gefahr für Leib und Leben, bzw. eigentlich den Geisteszustand.

Es ist nämlich so: In Italien, dem Mutterland der „Pasta“, wurde gerade eine aufsehenerregende Studie fertiggestellt, die Daten der letzten Teilnehmer gingen am Montag-Nachmittag ein. Brandaktuell also.

Die Hypothese – jede Studie braucht bekanntermaßen eine Hypothese – lautete (etwas verkürzt): „Jahrzehntelanger Genuss von Teigwaren verursacht erhebliche Schäden im zerebralen Bereich.“

Eine andere Studie mit ähnlicher Hypothese gab es schon vor ziemlich langer Zeit. Schon damals war die Forschergruppe überzeugt, ihre Hypothese statistisch signifikant belegen zu können. Im Wesentlichen lautete ihr Befund: „wer ein- und demselben Nahrungsmittel mehr als hundert verschiedene Namen gibt, der hat definitiv eine Schraube locker.“ Leider wurde diese Studie unter den Tisch gekehrt, als eine diplomatische Abordnung der Eskimos auftauchte und darauf pochte, es handele sich um einen Zirkelschluss, was mit dem Hinweis auf die Sinnhaftigkeit von (mindestens) zwanzigtausend Bezeichnungen für Schnee ausreichend belegt sei.

Diese Schlappe war nun aber eher diplomatischer Natur, weshalb sich die Anthropologen natürlich nicht geschlagen gaben, diesmal aber beschlossen, sorgfältiger vorbereitet zu Werke zu gehen.

Und so schufen sie vor nunmehr 20 Jahren eine Kunstfigur namens „Silvio Berlusconi“, der sie so absurde Eigenschaften zuschrieben, dass im Forscherkreise das Prusten und Schenkelklopfen kein Ende nehmen wollte und beinahe das seriöse Forschungsergebnis gefährdet gewesen wäre. Aber die besonneneren Kollegen im Anthropologen-Kreis setzten sich immer wieder durch und arbeiteten hartnäckig am Beweis ihrer These.

Als dann schon kurz nach der ersten Sitzung im Jahre 1994 selbiger S. Berlusconi zum italienischen Ministerpräsidenten gewählt wurde, wollte schon mancher von ihnen laut „Heureka!“ rufen und die Tastatur für den Abschlussbericht anwerfen. Aber wieder siegte die Vernunft. Man dürfe die als sicher vorausgesetzte wissenschaftliche Bestätigung der These nicht dadurch gefährden, vorschnelle – nicht sauber hergeleitete – Schlüsse zu ziehen. Also ließ man nicht locker und wartete 2001 ab und 2005 und 2008. Bei jedem neuen Wahlsieg gab es heftige Auseinandersetzungen, ob man jetzt nicht an das Licht der Öffentlichkeit gehen könne, ja, angesichts der Gefahren sogar müsse. Aber jedes Mal siegte die Vernunft über den vorschnellen billigen Erfolg.

Allerdings beschloss man so um das Jahr 2011 die Schrauben etwas anzuziehen, z.B. mit dem neu entwickelten Instrument des Bunga-Bunga und mit wahrhaft Marie-Antoinette-haften Äußerungen, die man ihm in den Mund schob, und vereinbarte, dass es dann am 25. Februar 2013 genug sei.

Tja nun. Die Zauderer und Zögerer hatten schwere Vorwürfe zu ertragen. Sie hätten es übertrieben. So könne die These nie belegt werden, was aber nicht bedeute, dass sie nicht zuträfe und ein ganzes Land, ja ein ganzer Kontinent Gefahr laufe, an Gehirnschwund dahinzusiechen.

Seit Montag-Nachmittag aber rauchen die Gehirne und klappern die Tastaturen. Ich will nicht vorgreifen, aber die Quintessenz des Abschlussberichtes wird in etwa sein: „wer ein- und denselben Idioten mehr als hundert Mal wählt, hat definitiv eine Schraube locker. Und als einzig signifikantes Unterscheidungsmerkmal sei europaweit nun einmal der dauernde, exzessive Genuss von „Pasta“ zu finden“.

Ich, als der für die Nahrungsbeschaffung zuständige Haushaltungsvorstand einer Kleinfamilie auf jeden Fall, werde daraus meine Schlüsse ziehen.

Kennt jemand noch andere Beilagen? Polenta? Na, ja – gefährlich. Risotto? Könnte gehen, erst den Abschlussbericht abwarten.

Noch jemand? Spätzle? Danke!

 

Pferdelasagne

Ich bin ein wenig verwirrt. Sogar so verwirrt, dass mir Wortspiele wie „Pferdefuß“ oder „Mach mir den Hengst“ oder ähnlich tiefsinniges, nicht aus der Tastatur tropfen.

Wenn ich auch nur noch einen Satz lese, in dem jemand versichert, dass Pferdefleisch eigentlich nicht schlecht ist und in anderen Kulturen …, dann kündige ich meinen Internetanschluss.

Wenn mir auch nur noch ein Betrag unter die Augen kommt, in dem mir jemand zuzwinkert, weil „wir“ ja die Lasagne selber machen, und deshalb …, dann kaufe ich alle Kühlregale leer.

Nein! Der Verbraucher ist nicht selbst schuld! Ich würde sogar sagen, er kann gar nichts dafür.

Wenn ich mich im Supermarkt entscheide, dass heute ein guter Tag für Lasagne ist, dann mache ich mich auf die Suche nach einem Angebot, auf dem „Lasagne“ steht. Und wenn ich dann ein Päckchen aus dem Regal nehme und zur Kasse trage, dann schließe ich einen Vertrag ab. Und dieser Vertrag zwischen mir und dem Anbieter verpflichtet uns beide zu einer Leistung, die explizit oder implizit versprochen wird. Meine Leistung besteht darin, eine Euro und neunundachtzig Cent auf dem Ladentisch zu zählen. Der Anbieter verpflichtet sich, mir etwas zu übereignen, das dem Aufdruck auf der Verpackung entspricht, in diesem Falle also „Lasagne“.

Ich, also der Verbraucher, bin nicht aufgefordert, an der Kühltheke das Smartphone zu zücken und zu recherchieren, ob es überhaupt möglich ist, für 1,89€ eine Lasagne herzustellen. Ich kann das gar nicht wissen, und es ist auch völlig egal. Hier ist ein Angebot, bei dem mir für einen vom Hersteller festgelegten Preis eine Ware feilgeboten wird. Ob der Hersteller dabei draufzahlt, kann mir völlig egal sein, weil ich auf seine Preisgestaltung ohnehin keinen Einfluss habe. Hier ist ein Päckchen mit Lasagne, sagt er, du kannst es für 1,89€ haben, oder es liegen lassen. Er sagt damit nicht: Schau her, in diesem Päckchen habe ich alles zusammengewürfelt, was für 1,89€ möglich ist (mehr bist du ja nicht bereit, zu bezahlen, du Depp) – ich nenn es jetzt mal „Lasagne“.

Ich kann also davon ausgehen, dass ich abends mein Päckchen aufmachen, erwärmen und essen kann. Ich kann auch ohne Beschriftung davon ausgehen, dass es sich um ein Nahrungsmittel handelt, dass ich mich beim Verzehr nicht vergifte – und eigentlich auch, dass es nicht verkocht, versalzen oder sonst irgendwie ungenießbar ist. Wenn der Hersteller feststellt, dass sein Preis zu günstig war, also sein Gewinn zu gering ausfällt, kann (und wird) er den Preis anheben. Er kann aber NICHT einfach etwas anderes reinpacken, sei es nun „gleichwertig“ oder nicht. Er kann höchstens eine andere Verpackung machen, auf dem er mich darüber informiert, dass ich nicht Lasagne (aus Rindfleisch) kaufe, sondern ein – ebenbürtiges – Produkt aus Pferdefleisch, weil Pferdefleisch in Rumänien gerade (wegen der von der EU geförderten Traktoren) unschlagbar billig ist. Ansonsten ist es: Betrug.

Und ich hoffe, Betrug ist immer noch strafbar. Und Betrogene müssen sich noch nicht rechtfertigen, weil sie so blöde waren, sich betrügen zu lassen.

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Und weil ich ein wenig gezögert habe, den Publish-Button zu drücken, habe ich inzwischen auch einen fundierteren Beitrag gelesen: Der „Pferdefuß“ in der Lasagne-Affäre. Ich hätt mir diesen Post also sparen können.

Was bleibt

Als junger Mensch zweifelt man. Am Sinn des Lebens, an der Notwendigkeit, die Zähne zu putzen, am anderen Geschlecht. Vor allem aber: an der Sinnhaftigkeit, Latein zu lernen.

All diese Zweifel sind schwerwiegend und nachvollziehbar, relativieren sich aber im Laufe der Zeit. In unserer losen Reihe „Aufmunterung: wenn du denkst, es geht nicht mehr, kommt irgendwo ein Lichtlein her“ wollen wir deshalb ein wenig Rückschau halten.

Sicher, der Sinn des Lebens, die Zähne und das andere Geschlecht sind und bleiben rätselhaft, für die lateinische Sprache aber muss ich heute eine Lanze brechen. Auch wenn es damals nach heutigem Forschungsstand noch nicht einmal Nokia-Handys gab, muss es doch so etwas wie Twitter gegeben haben. In kaum einer Sprache lässt sich das Nibelungen-Lied so elegant in einen Nebensatz packen wie in Latein.

Bei all der Geschwätzigkeit und all dem nutzlosen Geplapper, auf das man im Laufe der Zeit trifft, lernt man das zu schätzen. Mangels Übung sind mir natürlich die Feinheiten des Gerundiums mehr oder weniger abhandengekommen, das macht aber nichts. Auch bei den beliebten lateinischen Merksätzen und Sprichwörtern scheint mir manchmal einiges durcheinander zu geraten, aber es reicht noch für die Essenz eines Lebens:

Hic vino, hic veritas, ergo salta.

Weiß jemand, von wem das stammt?

Das klingt doch schon mal optimistisch und hoffnungsfroh – zumindest für Liebhaber von Wein und Tanz.

Aber stellt euch nur mal das Gefühl vor, wenn man dann mal Papst ist und seinen Rücktritt elegant in einen ACI (accusativus cum infinitivo) packen kann: Wahnsinn!

Aber ach, leider gibt es nicht sehr viele Päpste und die Nummer mit dem Rücktritt ist jetzt auch schon vergeben. Vielleicht wars doch ein Fehler, das Latein …

Winterfreuden

Der Winter und ich kennen uns jetzt schon mehrere Jahre, ja wenn man es genau nimmt wahrscheinlich mehrere Jahrzehnte. Und sind doch nie richtige Freunde geworden.

Selbst das Laissez-faire klappt nicht immer richtig. Im Moment zum Beispiel kümmert er sich nach meinem Geschmack viel zu wenig um meine Bedürfnisse. Im Gegenteil. Und nur wenn wir Rücksicht aufeinander nähmen, könnte das Zusammenleben auch bei unterschiedlichen Interessen funktionieren. Ich weiß das, aber sagen Sie das mal dem Winter!

So ein Marktspaziergang im Winter zum Beispiel.

Erstens klaffen da Lücken in den Marktreihen wie in den Häuserfluchten deutscher Nachkriegsstädte.

Zweitens kann man mit dicken Wollhandschuhen nur sehr schwer Kleingeld sortieren. Weshalb man immer versucht ist, ein Sträußchen Petersilie mit einem Schein zu bezahlen und „Stimmt schon“ zu murmeln.

Drittens ist der Anblick von Steckrüben und Steckrüben auf die Dauer sehr ermüdend.

Aber dem Winter scheint’s zu gefallen. Schau nur, wie er vergnügt mit dem eisigen Wind spielt! Wie er verwegen Schneeflocken einsammelt, um sie dann mit Getöse und Gekicher unschuldigen Passanten ins Gesicht zu pusten! Ein wenig infantil, finde ich. Und rücksichtslos. Aber meine Bedürfnisse, wie gesagt …

Doch zurück zu unserer Freundschaft. Es gibt zwei Theorien, wie es zu dieser unbefriedigenden Beziehung hat kommen können, und warum wir – hehe Scherzeken! – nicht miteinander „warm“ werden konnten:

Die erste geht von einem unzuverlässigen Exemplar der Gattung Storch aus, das eigentlich den Auftrag hatte, einen in Windel gewickelten süditalienischen Prinzen vom Nordpol – wo alle Prinzen herkommen – in freundlichere südliche Gefilde zu verfrachten, über dem nördlichen Schwarzwald aber urplötzlich von einer Flug-Unlust befallen wurde und das arme Bündel einfach in die verschneiten Tannen fallen ließ. Leider hieß die DHL damals noch Deutsche Bundespost, und das heißt, dass das, was man heute Logistik nennt, noch recht unterentwickelt war. Und deshalb war eine Zustellung eine Zustellung und von einem Weitertransport fortan keine Rede mehr.

Die zweite berichtet von einem in Windeln gewickelten Nordschwarzwälder Prinzen, der seine gesamte Energie darauf verwendete, Laufen zu lernen (entweder, da unterscheiden sich die Meinungen, um von da abzuhauen, oder um so schnell wie möglich den Rekord von Armin Harry zu brechen). Dank seiner unbändigen Energie gelang ihm das auch so zeitig, dass seine ersten wackligen Schritte im tiefen Schnee stattfanden. Natürlich plumpste er bald mit dem Gesicht voran in eine Schneewehe – und hatte von Anfang an die Nase voll.

Wie dem auch sei, es ist nicht meine Art, mit dem Schicksal zu hadern. Und die Foodblogger-Szene tut ihr Bestes, mich mit Vorschlägen für einen abwechslungsreichen Speisezettel auch in tiefer Trostlosigkeit zu versorgen. Eine tragende Rolle spielt dabei mein einziger Winterfreund, der Lauch:

Das kleine grüne Männchen frittiert ihn, damit ihm schön warm wird – danke.

Bei Robert spielt er die Hauptrolle bei einer Berner Platte und bei der Lauchwähe mit Swiss Award, wo er von weitem aussieht wie Rhabarber. Das macht Hoffnung.

(Nur die Küchenschabe mag keinen Lauch – oder ihre Suchfunktion ist überfordert)

Und ich mag ihn am liebsten ganz einfach mit Pfannkuchen (und richtig glücklich werde ich, wenn sich der Bratensaft eines zufällig anwesenden Schnitzels mit dem Sahne-Lauch mischt).

So, und dieser ganze lange Post war jetzt nichts anderes als die Vorrede zu einer Überraschung des Tages: In meiner Sehnsucht nach jungen Möhren und frischen Erbsen und Erdbeeren mit Schlagsahne und irgendwas mit Früchteteller und jungem Kohlrabi und Zucchiniblüten habe ich ein Rezept von Tim Mälzer ausgesucht:

Orangen-Wirsing

Für 2 Personen: 400 g Wirsing in Stücke schneiden, Schale von 1 Bio-Orange dünn abreiben, Saft auspressen. 1 weitere Orange dick abschälen und die Orangenfilets herauslösen. 2 EL Butter in einer beschichteten Pfanne erhitzen. Wirsing darin rundherum anbraten, mit Salz, Pfeffer und ½ TL Orangenschale würzen. Orangensaft dazugeben und 8-10 Minuten schmoren. 3 EL Crème fraîche verrühren und mit den Orangenfilets zum Wirsing geben. Kurz erhitzen, nicht mehr kochen.

Ich hätte auf das Rezept keinen Pfifferling gegeben, aber mitten in der Trostlosigkeit der vereisten, verschneiten norddeutschen Tiefebene war es ein Lichtblick.

Versuch eines Tischgespräches

„Das schmeckt guut“, sagte Frau T. – und seither hängt der Haussegen schief.

Sie hat nämlich meines Erachtens das „u“ in „guut“ gerade lang genug betont, dass ich nicht umhin kam, ein wenig Erstaunen herauszuhören; etwas Überraschung lag in der Stimme; zwischen „u“ und „t“ konnte ich deutlich „Wie kann das sein?“ hören. Zweifel also. Zweifel etwa an meinen Kochkünsten?

„Normalerweise ist hier so eine Pampe auf dem Teller“, wollte sie damit sagen, „und jetzt das? Was ist passiert?“

„Zufall“, wird sie vermutlich gedacht haben, „auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn.“

Ich kann das nicht auf mir sitzen lassen, es ist zu unerhört! Zufall! Erstaunen! Es ist einfach nicht zu glauben. Was hab ich nicht auf exakt diesen Tellern schon alles serviert! Sterneküche, sozusagen. Aromaexplosionen. Fein abgestimmte Genüsse. Gaumenkitzel, ich kann es gar nicht alles aufzählen. Und dann: „Das schmeckt guut“. Fragezeichen?

Sie hätte ja, meint Frau T., nicht „Das schmeckt ja gut“ gesagt, in welchem Fall sie mir recht geben würde, sondern deutlich das erste Wort „Das schmeckt gut“ betont und hielte das für ein Kompliment. Es täte ihr leid, wenn da durch undeutliche Aussprache ein falscher Eindruck entstanden sei.

Derlei Rabulistik und Wortverdreherei sind natürlich nicht geeignet, meinen Unmut zu besänftigen. Im Gegenteil. Gerade durch solch jämmerliche Rechtfertigungsversuche wird doch das ganze Ausmaß dieser impertinenten Bemerkung erst deutlich. Soll sie sich doch mit Aldi-Wurst und Analogkäse eine Butterstulle schmieren, wenn ihr mein Essen nicht schmeckt! Ich bin doch nicht abhängig von unqualifiziertem Lob! Ich doch nicht!

Auch wenn es schwer fällt: ich werde mir wohl eine andere Frau suchen müssen. Oder alternativ das Hörgerät neu justieren lassen.

Die Küchenschere

In unserer kleinen Reihe „Haushaltsgeräte – Anschaffung, Abnutzung, Abfallbeseitigung“ wollen wir uns heute mal um die Küchenschere kümmern:

Sie geht (wie auf der Abbildung deutlich zu erkennen ist) immer mehr auseinander. Es scheint derselbe Mechanismus zu sein wie bei der sozialen Schere: die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer. Jetzt, da im November die französischen Rating-Agenturen Michelin und Gault Millau ihre Füllhörner mit Sternen und Punkten über dem Land ausgeschüttet haben, wird es ganz deutlich: die Guten kochen immer besser und, tja, die Schlechten immer schlechter.

Das ist unsäglich traurig. Es ist also schon so weit, dass man für ein Speckbrot nach Rottach-Egern fahren müsste. Dass das von hier aus nicht gerade um die Ecke ist, macht die Sache nicht besser. Hier gibt es dafür eine neue Subway-Filiale. Das ist nicht fair.

Der neuerdings 3-besternte Kevin Fehling begeistert mit „Eisbein mit Petersilie und Sauerkraut“. Hier gibt es Grünkohl mit Pinkel. Nichts gegen Grünkohl, aber Pinkel ist nicht fair.

Die Küchenschere geht immer weiter auseinander. Ist ja aber auch kein Wunder, wenn die Guten im Gerichte-Repertoire der Mittelklasse wildern! Speckbrot und Eisbein, das waren doch mal unsere Gerichte, Sapperlot! Was bleibt den armen Provinz-Gastronomen denn da anderes übrig als Gummi- Bohnen im obligaten schwabbeligen Speckmantel? Irgendwie müssen die sich ja abgrenzen. Fast empfände ich ein wenig Mitleid – wenn das Essen halt nicht so grottenschlecht wäre.

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Dieser Post ist meinem Deutschlehrer gewidmet. Friede seiner Asche, aber das Verdikt „Thema verfehlt“ verhindert häufig tiefgreifende Erkenntnisse in die soziale Verfasstheit der Welt!

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