Ein Stück

Die in der einschlägigen Literatur hier und da geäußerte Vermutung eines antagonistischen Verhältnisses von Qualität und Quantität halte ich mittlerweile für ein Gerücht, wenn nicht gar für eine hundsgemeine Verschwörung: Warum, bitte, sollte viel (Quantität) von was Gutem (Qualität) schlecht sein? So etwas kann sich nur jemand ausdenken, der das gemeine Volk (also mich) von den Töpfen fernhalten und mit Gemüseresten abspeisen will! Aber ich will das jetzt nicht zu einer Tirade ausarten lassen…

Es ist nämlich ganz anders. Nicht etwa, dass sich Qualität und Quantität gegenseitig ausschließen würden, sondern: Wenn die Quantität nicht stimmt, hapert es meist auch mit der Qualität. Und mit Quantität meine ich jetzt die Mengenangaben in Rezepten.

Nachdem von berufener Seite den beiden hauptsächlichen Stolperfallen, der Prise und der Messerspitze, kürzlich durch konsequente Verwendung des metrischen Systems der Garaus gemacht wurde, möchte ich heute auf eine andere potentielle Gefahrenquelle aufmerksam machen: Das Stück.

Ich hab da mal ein Bild gemacht:

Das sind:

  • 1 Zwiebel
  • 1 Knoblauchzehe

Ich behaupte jetzt einfach mal, ohne es empirisch überprüft zu haben, dass ein Vorrat wie der abgebildete in der Kombination mit einem Rezept

  • 1 Zwiebel
  • 3 Knoblauchzehen

zu enttäuschten Gesichtern bei den Essensgästen führen würde, wenn nicht gar zu ekel-verzerrten Fratzen. Womit in der Folge auch das Wohlbefinden des Gastgebers schwinden würde und ein weiterer netter Abend, von denen das meist zu kurze, zu harte und zu entbehrungsreiche Dasein ohnehin zu wenige bietet, missglückt.

Ich rufe deshalb alle Kochbuch-Verlage hiermit auf, noch konsequenter als kürzlich vorgeschlagen auf exakte Mengenangeben zu achten, und wo immer möglich ganz auf das metrische System zu vertrauen. Wobei ich diese Bitte im Namen der geschundenen arbeitenden Bevölkerung auch allen Food-Bloggern ans Herz legen will.

__________________________
Anmerkung: Mein Beratervertrag mit einem Hersteller von Präzisions-Küchenwaagen steht in keinerlei Zusammenhang mit der hier geäußerten Bitte.

Ausschuss

Als Butterbrot wär das wahrscheinlich nicht durchgegangen …

½ Steinpilz säubern und fein hacken, mit Salz und Pfeffer würzen. Ein paar Spritzer Worcestersauce und Zitronensaft darüberträufeln. Mit 1 EL Trüffelöl mischen und 10 Minuten ziehen lassen. Dann für 2 Minuten im vorgeheizten Grill überbacken und sofort servieren.

Eine Prise

Es ist da!

Das neue (wirklich nochmal verbesserte?) Magenbrot-Rezept von Robert. Seit genau dem 30. September um 23:59 Uhr läuft im Minutentakt mein selbstgebasteltes Script:

Load_html("http://lamiacucina.wordpress.com")
search("Magenbrot" || "Pain à l’estomac")
if (search.results>0) then panic("Es ist da!")

Es war nämlich für Oktober versprochen; natürlich wusste damals, vor einem Jahr, noch niemand, dass der November braun werden würde. Da wäre ein Post im Oktober ja verschwendet. Dafür hab ich natürlich Verständnis;vor allem jetzt, wo ich mein Script abstellen kann.

Es ist nur so, dass ich – bei aller Neigung zur Prokrastination – im Moment beim besten Willen nicht gleich loslegen kann, das Rezept aber auch nicht einfach so auf Halde legen mag. Also: was hat sich eigentlich geändert?

Früher Heute Unterschied
170 g Rohrohrzucker, Jacutinga oder Muscovado 170 g Rohrohrzucker, Muscovado Jacutinga war wohl aus? Oder ist Muscovado besser?
1 Elf. Kakaopulver ungesüsst 2 Elf. Kakaopulver ungesüsst doppelte Menge!
Prise Muskatnuss oder frischer Macis Prise Macispulver ist auch besser so
300-330 ml Milch 250 ml Milch aha; war wohl zu nass

Und dann die Glasur: „An der Glasur habe ich nichts verändert, nur die Mengen exakt aufgeschrieben, die Würzung ist perfekt. “ Das will ich doch meinen, das schien mir letztes Jahr auch so. Aber „exakt“? Mal schauen:

Früher Heute
1 Msp. Nelkenpulver 300 mg Nelkenpulver
2 Prisen Muskatnuss (oder frisches Macispulver) 150 mg Macispulver
1 Prise Sternanispulver 150 mg Sternanispulver
1 Msp. Koriander pulver 300 mg Koriander pulver
1 Prise Kardamom pulver 200 mg Kardamom pulver

Aha. 1 Msp. scheinen 300 mg zu wiegen, zumindest bei Nelken und Koriander. Aber 1 Prise, du liebe Zeit, das können 75 mg sein (Macispulver), oder 150 mg (Sternanis), oder 200 mg (Kardamom). Gott sei dank kommen in dem Rezept keine „Tassen“ vor.

Und zu allem Elend hat meine Waage nur eine Auflösung von 0,1 g! Das, glaube ich, macht die echte Kochkunst aus, soviel scheint sicher. Aber ohne richtige Waage ist man halt angewiesen auf das Internet, wo man auch ohne Waage recht exakte Angaben findet:

  • Messerspitze (Msp): die Menge, welche auf den oberen Teil (ungefähr 1 cm) eines normalen Essbesteckmessers Platz findet. Sie ensteht durch Eintauchen in und waagerechtes Ausheben aus der Zutat.
  • Prise (Pr):die Menge, die zwischen Daumen und Zeigefinger eines Erwachsenen passt

Ich habs mal ausprobiert mit 1 Prise Salz und 1 Messerspitze Nelkenpulver. Mit einer Auflösung von 0,1 g, wie gesagt.

Jetzt muss ich aber dringend dieses blöde Projekt abschließen, damit ich endlich mit gutem Gewissen „Magenbrot reloaded“ machen kann.

Ach du meine Güte: Rosenkohl

Diese Tage war ich bei YouTube, um mir das Sternefresser-Interview mit Thomas Bühner anzusehen. Und neben all den Sternen und Sterneköchen in der rechten Leiste mit ähnlichen Videos, war an relativ prominenter Stelle: „Wie kocht man Rosenkohl?“

Ich nehme mal an, Google hat aus meinen Bewegungsdaten gesehen, dass ich morgens auf dem Markt war, und aus meinen Kreditkartenabrechnungen und den Wareneinkäufen des Gemüsehandlers und aus früheren Einkäufen und mit ganz geheimen Algorithmen und ein wenig Esoterik war dann schnell ermittelt, dass ich Rosenkohl gekauft hatte. Und messerscharf hat Google geschlossen, dass ich eigentlich gar nicht an Herrn Bühner interessiert bin (weil ich mir das – s. Kreditkartenabrechnungen – ohnehin nicht leisten könnte), sondern dass ich dringend wissen muss, wie man Rosenkohl kocht.

Das hat mich gefreut. Endlich mal jemand der mitdenkt. Und obwohl ich natürlich etwas enttäuscht war, dass mir die Trauben, die Pilze, Schalotten und das Kraut nicht auch angeboten wurden, habe ich mir das Video angesehen, schon um die Mitarbeiter in der Service-Abteilung von Google nicht vor den Kopf zu stoßen.

Das Video war dann auch sehr schön. Ein netter, etwas beleibter Hobbykoch hat jeden Handgriff schön ins Bild gesetzt und mit netten Worten erklärt. Nach dem dritten Röschen war mir zwar ein wenig langweilig, weil ich mir schon denken konnte, dass das bei dem restlichen Kilo so weiter gehen würde, aber nun Gott, ich bin ja nicht sein einziges Publikum und vielleicht ist nicht jeder mit so einer raschen Auffassungsgabe gesegnet wie ich, sei’s drum. Ich konnte ja aber auch nicht einfach aufhören oder weiterspulen, weil ich ja wusste, dass mich die Google-Service-Mitarbeiterin beobachtet. Also habe ich mich zurückgelehnt, die Augen halb geschlossen und das Filmchen bis zum bitteren Ende angesehen (ja: das restliche Kilo wird genauso behandelt wie die ersten drei Röschen, nur falls es jemand nicht schafft, bis zu dieser Stelle vorzudringen). Und als der gnädige Fortschrittsbalken behäbig fast bis zum Anschlag vorgeruckelt war und ich aufatmend zur Maus greifen wollte, sagte der doch tatsächlich, mit dem Gesicht über einem Topf mit brodelndem Salzwasser: „etwa dreißig Minuten kochen“!

Um Gottes Willen! Leute! Wenn ihr den Geschmack von Rosenkohl nicht mögt, dann esst doch bitte Brokkoli oder Rahmspinat! Dreißig Minuten! In Worten: 30!

Gut, ich verstehe ja, dass der Rosenkohl nicht den besten Ruf hat, weil: er ist schont „etwas aromatisch“, und das ist der Mensch halt nicht mehr gewöhnt. Aber bitte: dreißig Minuten! Das dürft ihr dann bitte nicht mehr Rosenkohl nennen. Ich weiß, ich sollte mich nicht aufregen. Das hat bei Joghurt nicht funktioniert, nicht bei Lamm und nicht bei Camembert, wieso sollte es dann bei Rosenkohl klappen, ich weiß schon. Aber ich bin halt einer dieser alten Säcke, die nicht aufgeben wollen, auch wenn sie sich schon auf der Zielgeraden befinden. Und deshalb möchte ich hier, bevor ich den Laden schließe, für die Nachwelt dokumentieren, wie Frau T. mir beigebracht hat, Rosenkohl zu kochen:

Von den Röschen den Strunk abschneiden, die äußeren Blätter entfernen und den Strunk kreuzweise einschneiden. In einer gut gewürzten Fleischbrühe ca. acht bis maximal 10 Minuten köcheln und abgießen. In dem Topf ein gutes Stück Butter zerlassen, etwas Semmelbrösel darin anrösten und die Röschen darin schwenken. Sofort servieren.

Und wenn einer eurer Gäste dann fragt, warum ihr den Kohl paniert, dann geht am besten gar nicht darauf ein – es lohnt sich nicht, sich mich Holzköpfen auseinander zu setzen.

Moderne Zeiten

Ich weiß nicht, wie lange ich jetzt schon in dieser Küche koche. Auf jeden Fall gibt es darin schon immer einen Backofen, der zwar mit der Temperatur etwas auf Kriegsfuß steht, aber meistens so warm wird, dass der Braten durch ist und nur selten so warm wird, dass der Kuchen verbrennt. Man könnte fast sagen, dass wir Freunde geworden sind, in all der Zeit. Zumindest haben wir uns aneinander gewöhnt.

Und dann gibt es da noch (auch schon immer) einen zweiten Backofen, den ich auch nicht mehr missen möchte – man glaubt gar nicht, wie oft ich mir einbilde, zum Beispiel einen Schmorbraten mit einem Ofenschlupfer zum Dessert kombinieren zu müssen. Dann nehme ich halt den zweiten Backofen; aber richtig angefreundet haben wir uns eigentlich nie. Weil er keine richtigen Schalter hat, sondern ein LCD-Display und eine – ja man könnte fast sagen – mausgesteuerte Bedienung. Damit könnte ich zum Beispiel einstellen: „Panierte Tintenfischringe, gefroren, 0,40 kg“. Ich kann nicht sagen, was passiert, wenn man dann OK drückt. Ich hatte noch nie die entsprechende Menge gefrorener Tintenfischringe (paniert) parat. Irgendwann mal werde ich welche besorgen.

Jetzt habe ich ein paar seltsam beschriftete Knöpfe entdeckt: 90, 180, 360, 600, 900. Frau T. meint, das sei die integrierte Mikrowelle und sehr praktisch zum Auftauen, Aufwärmen und z.B. Schokolade-Schmelzen. Außerdem käme das natürlich zum Einsatz bei den beliebten tiefgefrorenen Mikrowellen-Gerichten aus dem Supermarkt. Geil! Ich hab eine Mikrowelle!

Und jetzt? Milch erhitzen kann ich auch auf dem Induktionsherd. Die Notwendigkeit gefrorene Hühner aufzutauen hat sich mir auch noch nie so richtig erschlossen. Was also, nun?

Außer einer Küche mit geheimnisvollen Maschinen haben wir ja auch noch ein Regal mit Kochbüchen und: Volltreffer! Ganz links hinten: Das Große Buch der Mikrowelle. Ist zwar ein bescheuerter Titel, wenn man es genau nimmt, fast so wie wenn ein Ozeanologe das kleine Tsunami-Buch herausbringen würde, aber sei’s drum. Auf jeden Fall gibt es dort: Lachsfilet auf Porree und Sauce Hollandaise – alles in der Mikrowelle. Und da ich gerade der Fischfrau eine Lachsforelle abgeschwatzt hatte, auf ans Werk:

  1. 600 g Porree putzen, waschen und in feine Ringe schneiden. 30 g Butter in einer flachen Form bei 600 Watt in 1 ½ Minuten zerlassen.
  2. Den Porree einrühren, mit Mikrowellenfolie abdecken und bei 600 Watt 3 Minuten garen, mit Salz und Pfeffer würzen.
  3. 800 Scheiben Lachsfilet (ca. 600 g) mit Salz würzen, auf den Porree legen und mit 1 EL Noilly Prat beträufeln. Mit Folie abgedeckt bei 600 Watt 3 Minuten garen, zugedeckt beiseite stellen.
  4. 2 Eigelb mit 2 EL Noilly Prat, 1 EL Zitronensaft, 3 EL Fischfond und etwas Salz verrühren. Bei 600 Watt 2mal je 30 Sekunden erhitzen. Zwischendurch, und vor allem hinterher, mit dem Schneebesen gründlich verschlagen.
  5. 70 g Butter im Messbecher bei 600 Watt in 1 ½ Minuten zerlassen und nach und nach in die Eigelbmasse einschlagen. Abschmecken, mit gehackter Petersilie bestreut zum Lachsfilet und dem Porree servieren. Dazu passen Petersilienkartoffeln (die ich wohl auf dem Herd zubereiten soll?)

Tja, der Fisch war fast ein wenig zu durch, der Lauch noch knackig und die Sauce besser als die aus dem Packerl. Soll ich jetzt lernen, die Mikrowelle zu bedienen?

Nachtragend

Stehenbleiben!

Hörst du diese Worte?
Fühlst du diesen Zorn?
Siehst du diese Torte?
Sie kommt jetzt von vorn!

 

Fälschung und Original

Fälschung

„Hey!“ zischte die Bedienung von Tisch 4 zu ihrer Kollegin hinüber, „hast du schon die Tageskarte gesehen? Jetzt spinnt er total, der Chef. Los geht’s mit Hochzeitssuppe (mit Markklößchen, Eierstich, Flädle und Maultäschle), danach dann Dreierlei Braten (Kalb, Rind und Schwein) mit hausgemachten Spätzle, Kartoffelsalat und buntem Salatteller. Zum Abschluss: ein Fürst-Pückler-Eis! Aber das ist noch nicht alles! Er dreht total hohl: Cappuccino und Latte Macchiato sind gestrichen, stattdessen Deutscher Filterkaffee mit Bärenmarke. Nichts mehr mit Hugo und Aperol Spritz, nein: als Aperitif gibt’s wahlweise ein Glas Sherry Amontillado oder Campari Orange! Campari-Orange! Ich warte nur noch drauf, dass er die die Möbel rausschmeißt und durch Nierentische ersetzt. Und uns in kleine schwarze Kostümchen mit frisch gestärkten weißen Schürzen steckt! Aber dann bin ich weg! Ich weiß nicht, wie ich meine Handy-Flat zahlen soll, und er tut alles, um die jungen Hipster mit dem Trinkgeld zu verscheuchen! Campari Orange! Am Gärtnerplatz! Fettaugen auf der Suppe, schwere Saucen, hat der sie noch alle? Drüben an Tisch 3 sitzt schon ein Gruftie-Pärchen und schmatzt, was das Zeug hält – Tisch 4 und 5 sind schon leer! Da setzt sich doch keiner mehr hin! In der Küche munkelt man schon, dass es am Nachmittag hausgemachte Torten gibt und alles für Busladungen voll Kaffee-Fahrten vorbereitet ist. Ich muss hier weg! Kennst du ein nettes Dine-In, das noch eine Bedienung sucht? Mit Putenstreifen im Salat, Bärlauch-Ravioli und Kürbis-Risotto? Das darf doch alles nicht wahr sein! Morgen gibt es gefüllte Kalbsbrust mit Kartoffelkroketten und Salatteller; hinten stehen schon kistenweise Maggi-Fläschchen für die neue Tisch-Deko. Glaub mir, wir müssen hier weg, der hält doch keine drei Wochen durch! Am Gärtnerplatz! Mit Senioren-Rabatten, oder was? Ich muss doch auch meine Miete bezahlen! Komm, wir kündigen…“

Original

„So, Herr Z. Sie waren so freundlich, unsere Agentur zu beauftragen, ein zukunftsfähiges Konzept für Ihren Gastronomiebetrieb zu erstellen. Mit erheblichem Aufwand haben wir nach umfänglichen Recherchen und sorgsamen Befragungen das vorliegende Exposé erstellt, das ich Ihnen kurz zusammenfassen will. Sie wissen ja: Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen. Haha, kleiner Scherz. Aber alle unsere Daten deuten darauf hin, dass es vorteilhaft ist, sich auf die ältere Generation zu konzentrieren. Erstens: sie werden immer mehr. Zweitens: sie werden ihre Rente mit Zähnen und Klauen verteidigen. Drittens: deshalb haben die jungen, hippen keine echte Chance; die Generation Praktikum hat einfach nicht gelernt, sich zu wehren, die Generation Word-War-II aber schon. Harhar, noch ein Scherz. Was bedeutet das jetzt aber für Sie? Nun, auf keinen Fall Weiter-Wie-Bisher! Unsere Befragungen zeigen ganz deutlich, dass diese Generation mit Coffee-To-Go nie richtig warm geworden ist – teilweise wollen die sich sogar zum Telefonieren hinsetzten! Das mag natürlich zum Teil an den gebrechlicheren Knochen liegen, geht aber unserer Ansicht nach viel tiefer: Keiner der von uns Befragten hätte je freiwillig Bärlauch an sein Essen gelassen oder geraspeltes Zitronengras, wenn da nicht dieser übertriebene Jugendwahn gewesen wäre, der ja nun – das zeigen unsere Untersuchungen ganz deutlich – in den letzten Zügen liegt. Back to the roots! Das ist die Zukunft, dort liegt der Erfolg, glauben Sie uns! Hier am Gärtnerplatz werden Sie natürlich dennoch nur überleben können, wenn der Laden brummt. Sie werden deshalb Rollator-Stellplätze brauchen und Defibrillatoren, vielleicht eine Station zur Do-It-Your-Self-Blutdruckmessung. Details entnehmen Sie bitte unserer Hochglanzmappe. Und jetzt bringen Sie und bitte noch ein Kürbisschäumchen und einen doppelten Espresso, aber unauffällig, bitte …“

Original und Fälschung

Original

„Jetzt mach halt amol Spätzle, Herrgottsack! Du siehsch doch, dass d’Leit des ned wellet!“ schnaufte sie und schleuderte die nur halb leer gegessenen Teller auf die Anrichte. „Elle Dag des Gleiche! Alleweil kommsch daher mit Pommes Macaire und Schäumchen an sellem und jenem! Ha, guck doch naus in’d Wirtschaft, wer do hockt. Moinsch, dene konnsch du imponiere mir deim Scheiß aus’m Internet und wod’s au grad immer herholsch, deine „Ideen“? S’isch doch ned schlecht glauffe, horch amol, als du no normal warsch. Spätzle und Soß, un alle henns bschdellt, un an Krumbieresalat dazu, des war doch au ebbes Feins, erzähl mer doch nix. Do musch doch du jetzt ned daherkomme un oin auf Feine Küche mache welle! Guck se doch o! Der Karle und der Kurt, was moinsch denn, was die bei uns suchet? An Skat welled se dresche, a Bierle trinke oder an Schoppe, und wenns länger dauert an Roschtbrode mit Brot! Un was machsch du? „Feine Kohlrabi-Würfel an Orangensauce“ oder „Gefüllte Zucchini-Blüten“ oder „Canocèi mit Pfifferlingsragout“ oder „Kürbis-Rohkostsalat mit Karotte, Apfel und Kürbiskernen“, solle no weidermache? Du konnsch doch ned ganz recht sei! Moinsch die im Internet essed des selber? Der Leb- Tag ned! Des schreibed die doch bloss do nei, um so arme Irre wie dich durchanander zum bringen, siehsch denn du des ned? Oh Ewald, Ewald, was solle bloß mache mit dir? Solle dir de Strom zum Internet kappe? Solle dir’s Kochbuch vom Opa bringe? Brauchsch an neue Spätzles-Schwob? Ich will dir doch bloß helfe, Ewald! Mach doch amol wieder Spätzle, die hasch doch immer so gut kenne. Alle hen des gsagt, am Ewald seine Spätzle mit Linse und Saitenwürschdle! Willsch ned vielleicht amol wieder Spätzle mache, Ewaldle?“

Fälschung

„Ja, Herr E. Sie sehen es ja selber: unser Relaunch Ihrer Gaststätte hat leider nicht ganz die Erwartungen erfüllt. Ihre Idee, den Feedreader mit Food-Blogs zu füllen und abends ganz spontan nachzukochen, was sich so im Laufe des Tages ansammelt, war wirklich großartig. Ich bin auch davon überzeugt, dass das Konzept funktionieren würde, wenn man es in größerem Stil angehen würde, mit Filialen in den Metropolen, mit iPads am Tisch und natürlich WiFi-For-Free. Aber die Medienkompetenz der Menschen in dieser Region scheint mir noch nicht so weit zu sein. Leider. Aus finanziellen Gründen würden wir Ihnen deshalb raten, das Experiment abzubrechen und das Angebot im „Goldenen Hirsch“ wieder auf bewährte Rezepturen umzustellen. Falls Sie sich entschließen könnten, uns mit einer begleitenden PR-Aktion zu beauftragen, hätten wir da auch schon ein paar sehr schöne Ideen. Lassen Sie es sich durch den Kopf gehen – und bringen Sie uns doch bittte zwei Viertel Trollinger und Ihre berühmten geschmorten Ochsenbäckle.

Hoppala

… sagte das kleine grüne Männchen, das gerade mit seiner putzigen Untertasse vor mir auf der Arbeitsplatte aufgedotzt war. Er schüttelte sich kurz, zückte so etwas wie ein kleines Notizbuch und fragte mit strengem Blick: „Was machst’n du da?“

„Ich koche“, sagte ich, aber „Papperlapapp!“, erregte er sich sofort, „kochen kenn ich: Erdisch-Lektion 1; Wasser, blubbern, 100°C (nicht zu verwechseln mit Réaumur). Und? Blubbert hier was? Da wird noch nicht mal was erwärmt! Also, was machst’n du da?“

„Okay, du hast Recht. Ich bereite das Kochen vor.“

„Zu!“ rief er, fast erbost. „Zu-bereiten heißt das! Menschen bereiten das Essen zu, nicht vor!“

„Nein, mein Kleiner, da hättest du vielleicht besser nicht ab Lektion 2 schwänzen sollen. Die Vorbereitung ist nämlich die Königsdisziplin in der Küche, die Zubereitung ist dann ein Klacks – fast wie Dose öffnen, Ravioli erwärmen, fertig! Erbärmlich! Nur durch eine ordentliche Vorbereitung, das Zurechtlegen von Schneidebrett, scharfem Messer, Zutaten, Salz, Pfeffer, Knoblauch, Zwiebeln, nur wenn das alles akkurat rechtwinklig vor dir griffbereit liegt, jedes an seinem Platz, nur dann kann der Koch den Grad an Konzentration erreichen, der unabdingbar ist, um aus unscheinbaren Pflanzen zusammen mit etwas Inspiration und zwei oder drei sparsam dosierten Gewürzen ein Fest für Zunge und Gaumen zu arrangieren, auf dem die Sinne tanzen und springen und vor lauter Tollheit fast platzen. Sagt dir der Begriff <Mis en Place> etwas?“

„Misso-Blass? Nie gehört, komm erzähl schon, ich hab nicht viel Zeit.“

„Nicht viel Zeit? Vergiss es! Such dir was anderes zum Studieren! Brunoise hätt ich auch sagen können. Sagt dir Brunoise was? Das ist klitzeklitzeklein gefitzeltes Irgendwas, egal was. In der feinen Küche gibt’s es nicht mal ein Butterbrot ohne Brunoise. Weil der Koch sonst gar nicht in die Gänge kommt …“

„Meine Güte, hör auf“, sagte das kleine grüne Männchen, „ich kann hier nicht ewig rumsitzen. Was willst du denn jetzt häckseln, sag schon.“

„Ja, weißt du, da ich heute alleine bin, dachte ich an Pasta. Ziemlich puristisch, ein wenig Olivenöl, etwas Knoblauch und ein paar angeglänzte Tomatenwürfelchen, Salz, Pfeffer, ein klein wenig Oregano und ein Glas Wein.“

„Und was erzählst du mir dann stundenlang von Misso-Blass und Brüno-Dings? Das kannst du doch alles in die Pfanne hauen, ein paar Spaghetti drüberkippen und gut is?“

„Oh je, Außerirdischer, du musst noch viel lernen! Schau mal, das Olivenöl. Ganz hinten im Schrank, gut versteckt, steht ein ganz kleines Fläschchen mit nur noch wenigen Tropfen ausgesuchter Flüssigkeit, die nicht in falsche Hände kommen darf. Es könnte böse Folgen haben! Stell dir vor, ich würde aus lauter Hektik die falsche Flasche nehmen und etwa zum Frittieröl greifen – unvorstellbar, der Abend wäre gelaufen! Also muss ich zuerst das Fläschchen suchen, vorsichtig schnuppern und dann andächtig zur Anrichte tragen, vielleicht nochmal kurz kontrollieren, ob nicht vielleicht heute Abend doch das leicht fruchtige Öl vorzuziehen wäre. Das will nicht überstürzt entschieden werden. Und dann der Knoblauch …“

„Knoblauch-Fresse!“ schrie der Kleine, stolz auf seine Vokabelkenntnisse dazwischen, „Knoblauch-Fresse!“

„Um Gottes Willen! Schweige, Grüngestreifter, sofort! Erstens heißt das „Knoblauch-Presse“ und zweitens: Vergiss es, sofort! Niemals, hörst du, niemals sollst du eine Knoblauchzehe durch solch ein Folterinstrument quälen, niemals nie! Wähle dir, wie ich es tue, ein glattes scharfes Messer und hoble feine Späne. Vergiss nicht dabei wohlig einzuatmen, denn dieser Geruch, den du jetzt wahrnimmst, wird nur noch übertroffen von dem, der entsteht, wenn diese Scheibchen kurze Zeit später im heißen Öl baden und golden-kross, aber Vorsicht: nicht zu dunkelwerden lassen, durch die Pfanne schwimmen. Und vergiss bitte nicht zu schnuppern!“

„Joyjoyjoy“, winselte der nichtswissende Grünling, „jetzt mach endlich die Tomatendose auf!“

„Ich fass es nicht, Tomatendose! Schon richtig, Kleiner, es gibt Zeiten in denen man zur Konserve greifen muss, wenn man nicht in tiefe Depression verfallen will. Aber doch nicht jetzt! Schau hier: die zwei letzten Tomaten aus dem Garten, vollgesogen mit der Kraft der Sonne, aromasatt und griffbereit, gewaschen, getrocknet, des öfteren liebkost. Die gilt es jetzt zu schälen, Gallert und Kerne zu entfernen und die Filets in kleine Würfelchen zu zerteilen. Bitte störe mich jetzt nicht. Wenn auch nur zwei Würfelchen nicht exakt die gleiche Kantenlänge hätten, würden wir die Komposition stören – schau mal bei Robert im Blog vorbei, der kann das!“

„Eigentlich hab ich’s ja fürchterlich eilig, aber sag mal, könntest du vielleicht ein oder zwei Spaghetti mehr in den Topf werfen, dann könnte ich mitessen?“

„Natürlich! Wenn ich gewusst hätte, dass Gäste kommen, hätte ich die Spaghetti selbst gemacht, aber sei’s drum – setzt dich hier auf den Tisch. Magst du ein Glas Wein? Eigentlich würde ein Roter besser passen, aber heute Morgen habe ich im Keller unverhofft eine Flasche Riesling von Fritz Haag entdeckt, der wird auch gehen.“

„Hmmh“ murmelte er nach einer Weile, „kann ich noch einen Tropfen von dem Öl? Dieses Misso-Blass muss ich mir notieren. Warum hast du bisher diese kleingewürfelte Chilischote nicht erwähnt, die passt gut.“

„Auch aus dem Garten. Erstaunlich mit so wenig Sonne dieses Jahr, nicht? Nun ja, ich dachte ja nicht, dass du hier bist, um Rezepte zu sammeln. Apropos: warum bist du eigentlich hier?“

„Na ja“ sagte er und nippte vom Riesling, „eigentlich steht ihr ja schon seit zwei-, dreihundert Jahren auf unserer Liste. Wir sammeln Kulturen, aber da ward ihr halt nie so ganz hohe Priorität. Jetzt müssen wir uns aber ein bisschen ranhalten.“

„Ranhalten? Warum denn das?“

„Was weiß ich. Eine Biene, Maja oder so ähnlich, hat ihren Kalender verloren, und ist wohl so sauer, dass sie euren Erdhaufen pulverisieren will. Wird höheren Orts ziemlich heiß gehandelt. Bis 21.12. haben wir noch Zeit, ein paar Informationen zu sammeln. Ich muss dann mal los.“

„Das glaubst du doch selbst nicht, oder?“

„Ich weiß nicht. Aber mach dir keine Sorgen. Über Brüno-Nass und Misso-Blass muss ich mehr wissen.“ Er hielt mir sein Patschehändchen hin und sagte: „Ich hol dich hier raus. Schlag ein.“

„Abgemacht.“

____________________________________
Ach ja, Küchenschabe, als Antwort-Kommentar wär’s ein bisschen lang geworden.

Klarstellung

Ich glaube, der Mensch braucht ein Korsett, damit er nicht auseinanderfällt.

Ich, zum Beispiel, fange jeden Abend so gegen sechs Uhr an zu kochen. Wir essen dann so kurz vor sieben, mal etwas früher, mal etwas später, je nachdem wie das penible Schneiden der Brunoise voran geht.

An schlechten Tagen arbeite ich bis sechs, an guten Tagen sitze ich bis sechs mit einem Buch auf der Terrasse. Aber auch die schlechten Tage klingen genauso aus wie die guten und sind dann im Rückblick vielleicht gar nicht so schlimm, wie es ein paar Stunden vorher noch schien.

Kurz nach sieben, genauer 19:20 Uhr, setze ich mich dann vor den Fernseher und schaue mir „Kulturzeit“ an und direkt im Anschluss die Tagesschau. Anschließend ist es wichtig, aufzustehen, den Raum zu verlassen und etwas anderes zu tun, weil sonst sehr häufig schlimme Depressionen drohen.

Heute zum Beispiel habe ich – vielleicht wegen des üppigen Essens*) und der dadurch bedingten leichten Trägheit – nicht ausgeschaltet. Es kann auch daran gelegen haben, dass ich mir eigentlich vorgenommen hatte, noch ein wenig zu arbeiten – und mein zweiter Name ist Prokrastination. Es kann aber auch das Gefühl gewesen sein, das früher die Leute auf die Jahrmärkte, zum Beispiel zur Frau ohne Unterleib, trieb: ungläubiges Staunen gepaart mit Abscheu und fassungslosem Starren.

Ich habe nämlich heute den schlechtesten Film aller Zeiten gesehen. Den Titel habe ich vergessen, aber wer sich das unbedingt antun will, findet ihn bestimmt noch in irgendeiner Mediathek. Es waren die schlechtesten Schauspieler aller Zeiten mit den schlechtesten Dialogen aller Zeiten und der schlechtesten Geschichte aller Zeiten. Irgendwas mit Romeo und Julia und wie zwei sich finden, die sich gar nicht ausstehen können. Was an sich nicht unbedingt tragisch sein muss, wenn es nicht so grottenschlecht, so absolut unter aller Sau gespielt, gesprochen und gefilmt wäre. Sogar italienische Städte und Landschaften haben Brechreiz ausgelöst, das muss man erst mal schaffen.

Und ich hab gebannt zugesehen bis zum Ende. Aus welchen Gründen auch immer. Nur eines muss ich jetzt klarstellen: Ich bin nicht anschließend losgezogen, um die amerikanische Botschaft zu überfallen. Und das lag nicht nur daran, dass die nächste Botschaft 100 km entfernt ist.

Soweit zu meinem Geisteszustand, der sicher besorgniserregend, aber noch nicht hoffnungslos ist.

_______________________________
*) Sauerkraut mit Spätzle und Schweinshaxe; Calvados-Apfelküchle aus Engelchens Küche

Tischgespräche
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.