Q13: Das Zimperlieschen

„Hallo, Tomate“ sagte ich vorsichtig. „Hallo“, kam eine piepsige Stimme von schräg unten. „Bist du mein Gärtner?“ Das hörte sich schon mal gar nicht gut an.

„Hmmhh“ nickte ich zustimmend. „Und genau darüber wollte ich mal mit dir reden, weißt du.“

„Wieso reden?“ fragte sie aufgeregt, „weißt du etwa nicht, was du tun sollst? Du musst mich pflegen und hätscheln und ein bisschen düngen und gießen und ganz, ganz vorsichtig. Komm schon, du gast mich gesämt, jetzt musst du da auch durch.“

„Gesämt? Was soll das denn für ein Wort sein? Außerdem hab ich dich nicht gesämt. Weißt du, ich bin viel zu alt und kann keine Tomaten mehr kriegen. Ich hab dich adoptiert.“

„Uäääh!“ weinte sie herzzerbrechend los. „Und wer war dann mein richtiger Gärtner? Wo komm ich her, wo soll ich hin und wer war meine Mama?“

Ich kam ins Stocken. „Du liebe Zeit, woher soll ich das wissen? Ich glaube, du kommst aus der Tomatenfabrik. Und Tomaten haben gar keine Mama. Hör auf zu weinen! Ich muss mit dir reden“

„Schon!“ protestierte sie heftig, „natürlich haben Tomaten eine Mama! Los! Sag schon, wer war sie, wo ist sie, wann kommt sie?“

„Okay, Tomätchen, ist schon gut. Vielleicht hast du recht. Ich weiß es nicht. Aber schau, du hast eine nette Patentante, die Küchenschabe …“

„Igittigitt! So ein krabbelndes Käferchen? Ich kann Ungeziefer nicht ausstehen! Tu sie weg!“

„Jetzt mach aber mal einen Punkt, Tomate“ sagte ich etwas resoluter. „Du kennst sie doch gar nicht! Die ist echt nett! Und sie macht sich sogar Sorgen um dich.“

„Ich will zu meiner Mama!“

„Sei nicht ungerecht. Sie meint es wirklich gut mit dir! Zu gut, sogar. Sie behauptet zum Beispiel, du bräuchtest ein Dach nur für dich allein…“

„Natürlich brauch ich das! Ich werd ja sonst nass, spinnst du? Ich werd braun, ich krieg die Braunfäule! Hiiilfe! Wo bin ich hier hingeraten? Bau sofort ein Dach, sonst sag ich’s meiner Patentante!“

Irgendwie begann das Gespräch in exakt die falsche Richtung zu laufen, aber ich wollte noch nicht aufgeben.

„Schau, Tomätchen, ich hab dir hier mal deine Tante aus dem Supermarkt mitgebracht. Und jetzt sieh genau hin: Ich schmeiß sie gegen die Wand – und sie kommt brav zurückgehoppelt und nix is passiert! Absolut nix, kein Makel nirgends. Und jetzt, pass auf, halte ich sie unter die Dusche! Na? Siehst du, wie sie sich freut? Also stell dich nicht so an – hier regnet’s doch eh kaum.“

„Sags doch einfach!“ schrie sie los, „Sags! Dass du mich nicht magst! Dass du mich umbringen willst! Dass ich dir gar nichts bedeute! Dass du ein Rabengärtner bist! Los, sags schon!“

„Also hör mal her, Tomate“ lenkte ich ein. „Wir müssen jetzt ein paar Wochen zusammenhalten. Notgedrungen. Und wenn beide ein bisschen nachgeben, dann wird das viel einfacher. Also du verzichtest auf das Dach und ich halt dir die Schnecken vom Leib. Abgemacht?“

„Nix da!“ sagte sie, gefährlich ruhig. „§253 TomStgB: artgerechte Haltung. Das zieh ich durch! Ich bin rechtschutzversichert! Probiers nur!“

„Das ist ja Klasse. Gewerkschafterin, was? Bei der aktuellen Überlastung der Gerichte kommt es aber frühestens im Dezember zum Prozess. Überleg dir das gut. Weil bis dahin …

„Willst du mir drohen?“

„Nein, natürlich nicht!“ versuchte ich zu vermitteln. „Aber deine Patentante… Zufällig weiß ich, dass sie schon Pläne hat, die ich jetzt natürlich nicht verraten will – ich kenn sie ja selber nicht.“

„Aber ich brauch doch einen Schutz!“ sagte sie weinerlich.

„Jaaa, ich bau dir dein Drecks-Dach, alte Zimperliese! Aber halt jetzt die Klappe!“

Kennt jemand einen begabten Schreiner?

Q12: Der kleine Mönch

Es war einmal ein junger Mönch. Man nannte ihn Fra Angelino, woraus wir erkennen können, dass es sich um einen italienischen Mönch handelte, dass er ein Gesicht wie ein kleines Engelchen hatte und dass er der eindeutige Liebling der älteren Damen war.

Genau das aber war sein Problem. Sicher, er hatte wegen seiner Profession der fleischlichen Lust entsagt und gedachte diese durch allerlei andere Genüsse zu kompensieren, aber es wollte ihm nicht so recht gelingen. Denn überall, wo er auftauchte, traf er auf eine liebliche, fast süßliche Grundstimmung: Dolce, wie das die Leute in seiner Gegend nannten – es ging ihm gehörig auf die Nerven.

Und so änderte er sein Facebook-Profil und gab sich den Beinamen L’Agretto, der Säuerliche. Die Agentur, die er für diesen Imagewechsel beauftragt hatte, war sich sicher, dass das klappen würde. Aber weit gefehlt! Carino und gracioso und nach wie vor dolce, das waren die Wortfetzen, die kurz vor der Ohnmacht über die Lippen der älteren und dank Facebook inzwischen auch jüngeren Damen kamen.

Eine eilig einberufene Krisensitzung in der Agentur kam dann zu dem Schluss, dass das zu einem großen Teil am spärlichen Bartwuchs des jungen Kunden liegen müsse, den man ja kaum als Flaum bezeichnen könne, und dass man fürderhin tunlichst an dieser Problemstelle ansetzen müsse. Man rief den Photoshop-Experten hinzu und binnen einer oder zwei Stunden war eine neue Kampagne geboren, die den Arbeitstitel „Barba del Frate“ (Mönchsbart) trug.

Der Eventmanager der Agentur legte allerdings Wert auf die Feststellung, dass das wenig Aussicht auf Erfolg hätte, wenn man nicht einige begleitende Medien-Ereignisse inszenieren würde und man wolle zunächst mit einer Tournee anfangen, weil der direkte Kontakt zu den Fans auch im digitalen Zeitalter nicht zu ersetzen sei.

Und so kam es, dass der kleine Mönch seine Sandalen schnürte, um nördlich über die Alpen zu wandern, wo – so ging die Kunde -Menschen mit genügend Kaufkraft wohnen sollten. Ein wenig davon wollte er „abschöpfen“, wie der Finanzexperte der Agentur das genannt hatte.

Das alles dauerte seine Zeit, weil offene Sandalen auf den Alpenpässen …, na ja, Schwamm drüber, bei Gelegenheit müsste er wohl mal die Agentur wechseln. Immerhin traf er dann in Basel auf belebtes Gebiet und nachdem er das eine Weile beobachtet hatte, kam er zu dem Schluss dass das mit der Kaufkraft hier durchaus auch zutreffen könnte – zumindest traf er nur vereinzelt auf Hungerödeme oder eingefallene Wangen. So machte er dann Station, ließ sich auf dem Markt nieder und wartete auf sein erstes Opfer seinen ersten Kunden.

Wie der Zufall es wollte, war das – mit einem Einkaufskorb ausgerüstet – Robert, der Neugierige. Wie sich beider Blicke trafen, war auch schon verabredet, dass sich Fra Angelino auf seinem Marktstand ein wenig ausruhen könne, weil Robert eine bequemere Methode kannte, die Kunde vom Säuerlichen in die Welt zu tragen. Und das tat er dann auch: Zunächst mit Eiertätsch, wie der Marketing-Experte die Fritatta nennt, dann klassisch mit Spaghetti, oder mit Wasserstriwla oder …

Weltweit wurden jetzt Fanclubs gegründet und die einzig Leidtragenden waren ein paar italienische Standbetreiber auf regionalen Märkten, die das dauerende Nachgefrage nicht mehr hören konnten und notgedrungen zuhause anriefen: „Habt ihr was von diesem kleinen Engel gehört, der auch der Säuerliche genannt wird?“ (Sie sagten natürlich L’Agretto, weil sie ja mit zuhause, also mit Italien telefonierten). Aber der Siegeszug war nicht mehr aufzuhalten.

Heike war natürlich sofort klar, dass sie handeln musste, als der erste Post in ihrem Feedreader auftauchte. Und weil sie sich nicht von dem – na ja: nicht immer zuverlässigen – Gemüsehändler um die Ecke abhängig machen wollte, hat sie sich Samen besorgt: L’Agretto, Mönchsbart, Barba die Frate, Senape dei Monaci, Barba del Negus – alle Beinamen, die die verzweifelte Agentur inzwischen in Umlauf gebracht hatte, passten gar nicht auf das kleine Samentütchen! Aber sie war damit autark und bereit für die nächste Stufe: Fernsäen, eine völlig neue und revolutionäre Ausgeburt der Evolution. Während der Samentransport in den Norden mit dem Wind sicher ein paar Jahrzehnte gedauert hätte, ging das mit DHL ratz, fatz.

Allzu südlich kann ich Q12 natürlich nicht ansiedeln, aber doch in Rufweite zu Oregano, Rosmarin und anderen italienisch-sprachigen Kräutern. 6-8 Wochen soll das dauern, mal schauen, ob der Mönchsamen das auch im hohen Norden schafft. Steph hat ihn ja schon auf dem Isermarkt entdeckt, aber ob der dort gewachsen ist oder von der Agentur eingeflogen wurde, wird sich dann ja wohl bald rausstellen. Und bis dahin können wir schon mal rätseln, was Heike sich mit dem kleinen Mönch einfallen lässt: mit Pasta? Zu Sauerbraten? Im Spätzlesteig? Es wird spannend.

Ob die Ernte auch so ausfällt wie in Kalifornien und ob der dort englisch redet und hier platt? Die Natur ist voller Überraschungen.

Feuchtgebiete

Es ist alles so traurig, schluchz, seufz.

Alle Menschen außer den Eskimos dürfen im Süden wohnen, wo afrikanischer Wind für herrliche Temperaturen sorgt. Und hier? Frühlingstage mit grad mal 20 Grad! Wir haben das nicht verdient (kuller).

In der Zeitung steht, dass die FDP in den Umfragen wieder auf 7% kommt, es ist zum Verzweifeln (schneuz); wo kommen all die Deppen her?

Im Dezember geht die Welt unter. Und das, wo mein Holunderzweig doch frühestens in zwei Jahren wie Holunder aussieht. Es ist alles so traurig, schluchz.

Man könnte mich jetzt eine Memme nennen: wegen sowas weint man doch nicht!

Aber wenn ich Robert richtig verstanden habe, dann wird Gritlis Schokoladenkuchen nur durch Tränen so schön feucht. Und was soll ich sagen: es klappt. Ich weiß nicht, wie’s ohne Tränen gewesen wäre, es war ja eine Premiere. Aber mal ehrlich: Grund zu weinen gibt es doch genug, warum also mit Tränen sparen? Man sollte sich allerdings wegen der Menge schon was ganz Trauriges einfallen lassen – viele Tränchen sind bei mir einfach neben die Teigschüssel gekullert, wo sie natürlich wenig zum Gelingen beitragen.

Und wenn’s Gritli verspricht, dass man den Kuchen auch lange aufheben kann: Ich kann dazu nichts sagen, er ist schon weg.

Fernsäen

Letztes Jahr um diese Zeit hatte ich einen nigel-nagel-neuen Gemüse-Garten. Ich hab ihn urbar gemacht, Wege angelegt, Beete abgegrenzt und: ich hatte einen Plan. Wo die Tomaten hinsollen, welche Bohnensorte gepflanzt werden sollen, welche Kräuter Sonne brauchen, welche lieber im Schatten wohnen und wo sich die Zucchini ausbreiten dürfen.

Das war alles säuberlichst vorbereitet und an langen Winterabenden durch das Studium aller möglichen Fachliteratur wieder und wieder verifiziert, modifiziert und schließlich festgelegt. Da war die Aussaat ein Klacks: Tütchen aufreißen, Plan befragen und großzügig streuen – fertig. Den Rest macht dann Mutter Natur. Okay: die Karotten ließen sich nur mit einem Presslufthammer ernten, die Kohlernte ist gänzlich gescheitert, weil doch kein Mensch wissen konnte, dass eine einzige Zucchini-Pflanze soo viel Platz braucht, und den Spinat hatte ich ganz vergessen.

Aber sonst: nichts geht über einen guten Plan.

Nur dieses Jahr: Kein Plan weit und breit. Und der Mai naht und nähert. Und zu allem Überfluss ist die Gartenfläche auch noch angewachsen, weil wir einen Zwetschgenbaum hinterrücks gemeuchelt haben.

Was also tun? Der Garten ist etwa 12m lang und 4m breit. Das macht summa summarum um die 40 m² Nutzfläche, weil da ja noch der besagte Weg durchgeht. Und auf der ganzen Fläche steht einsam und verlassen ein Schnittlauch im Wind. Wenn sich nicht bald was tut, wird das eine sehr traurige Angelegenheit und ein sehr gutes Geschäft für den Gemüsehändler auf dem Wochenmarkt.

Und so ist die Idee entstanden: Ich mach den Garten einfach Public Domain oder Open Source oder so was. 20 qm werden der Crowd Wisdom überantwortet, fein parzelliert, und jeder, der schon immer mal sein eigenes oder ein ganz besonderes Gemüse haben wollte, kann sich melden, eine Parzelle adoptieren und darf dann bestimmen, wann und was ausgesät werden soll. Ich werde die Parzellen dann nach Kräften häckeln, notfalls wässern und sorgsam päppeln. Zur Ernte kann dann noch ein Rezept eingereicht werden, das ich dankbar entgegennehme und dafür im Gegenzug ein Bild von den Gesichtern der schmausenden Gäste veröffentliche.

Das nenn ich mal einen Plan! Auf gehts: Zur Verfügung stehen der Einfachheit halber die Parzellen Q1 bis Q20, der Rest wird Gründüngung.

P.S.: Gerade lese ich in der Süddeutschen, dass es außer dem Menschen noch ein gärtnerndes Lebewesen gibt: Den Fleckenlaubenvogel (Chlamydera Maculata). Es ist nämlich so, dass der Laubenvöglerich seiner Laubenvögelin gerne (oder notgedrungen) bunte (das heißt: grüne) Früchte vor das Nest legt, weil sie sonst Migräneanfälle vortäuscht. Natürlich nimmt die Beschaffung dieser Früchte einen nicht unerheblichen Teil seiner Lebenszeit in Anspruch, was ihn wohl auf die Dauer etwas genervt hat. Also entfernt er auf einem Platz in der Nähe seines Nestes das Gras und die Blätter. Und wenn jetzt eines der drapierten Früchtchen anfängt zu schrumpeln oder unansehlich zu werden, dann muss er ese ja entfernen, weil Frau Laubenvögelin das gar nicht goutiert. Und dann legt er es auf dem vorbereiteten Beet ab. Dreimal dürft ihr raten, was da nächstes Jahr wächst: wunderschöne grüne Früchte! Es gibt also mehr als einen Grund, das Samentütchen aufzureißen!

P.P.S: Wenn das mit dem Open-Source-Garten klappt, dann mach ich nächstes Jahr statt Frühjahrsputz Tele-Wischen.

Event

Gott sei Dank ist das kein Video-Blog – ich bin nämlich ein wenig derangiert. Das liegt daran, dass ich vor dem Apple-Store übernachtet habe.

Nein, keine Angst, ihr habt nichts verpasst: iDingens 2 ist noch in weiter Ferne. Ich dachte einfach, ich leg mich da mal hin und schau, was passiert.

Wenn’s wirklich was Neues gäbe, wären mir da ja zu viele Leute; aber einfach mal so, das müsste ich schon durchstehen, hab ich gedacht. Ich will doch auch mal das Gefühl haben, ganz vorne dabei zu sein. Dieses Gefühl, wenn sich die Türen öffnen, wenn der „Wind of Change“ weht, mir um die Nase weht, und ich direkt dabei bin, so dabei , dass ich das Frösteln anfange. Wegen dem besagten Wind, nicht wegen dem nasskalten Wetter.

Ich möchte doch auch mal Teil sein. Teil von irgendwas und ab 2:30 Uhr viertelstündlich meine Befindlichkeiten twittern: „Auf Position 428 vorgerückt. Vorne wurde einer von seiner Frau abgeholt.“ Und alle würde es interessieren, weil es ja ein wichtiger Moment wäre. Und alle würden auf meinen nächsten Post warten: „Immer noch 428. Aber 412 beginnt zu gähnen.“

Es ist ein wenig anders gekommen: Die machen am Sonntag gar nicht auf! So war es halt nur einfach langweilig und ungemütlich und überhaupt nicht aufregend. Und: ich war völlig falsch ausgerüstet. Ich hätte schon gedacht, dass da ein iCafe oder so was Ähnliches ist, wo der leckere Latte Vanilla Double Crunch serviert wird, stilvoll im Plastikbecher mit Papp-Muffin, aber nix da. Vielleicht nur, weil Sonntag war. Aber wenn ich da nochmal hingehe, muss ich vorsorgen.

Vielleicht mach ich einen Blog-Event: Füllt mir den Picknick-Korb! Und der erste, der einen angebissenen Apfel einreicht, gewinnt einen Hand-Mixer. Mit Twitter-Funktion. Aber das verrat ich natürlich vorher nicht.

Selbstüberschätzung

Selbstüberschätzung hat einen Namen: Danning-Kruger.

Nein, nicht dass sich diese beiden besonders gern und gekonnt selbst überschätzt hätten. Justin Kruger und David Danning von der Cornell University haben sich im Gegenteil verdient gemacht, Licht in das Dunkel zu bringen. Ihr 1999 erschienener Artikel trägt den Titel: „Unskilled and Unaware of It“, also etwa: „Unbeleckt von Kenntnissen und Fertigkeiten, aber absolut überzeugt von der eigenen Brillanz“.

Ausgangspunkt ihrer Studien war eine merkwürdige Beobachtung: 70% der Autofahrer halten sich zum Beispiel für überdurchschnittliche gute Autofahrer. Das wirft natürlich die Frage auf, ob vielleicht herkömmliche statistische Methoden fehlerhaft sind. Die würden nämlich darauf bestehen, dass höchsten jeder Zweite überdurchschnittlich sein kann – wir lassen jetzt erst mal die feinen Unterschiede zwischen Median und Mittelwert beiseite. Wenn man daran nun aber nicht zweifeln will, dann muss es eine andere Erklärung geben, und Dunning-Kruger entwickeln eine bestechende Hypothese: Gerade die Tiefflieger neigen zur Fehleinschätzung.

Und das macht auch Sinn, sagen sie, denn: Die Fähigkeiten, einen grammatisch korrekten Satz zu bilden, sind exakt dieselben, wie die, einen grammtisch richtigen Satz zu erkennen. Um also einen Fehler zu erkennen, muss man wissen, wie man ihn vermeidet. Und so kommen sie in mehreren Experimenten zum immer gleichen Ergebnis.

Im ersten Experiment zum Beispiel wurde Studenten eine Liste von Witzen vorgelegt. Zunächst sollten Sie beurteilen, ob der jeweilige Witz lustig ist. Anschließend wurden sie gebeten, einzuschätzen, wie gut sie ihrer Ansicht nach – bezogen auf andere Studenten – beurteilen können, ob ein Gag ein Kracher ist. Das Ergebnis:

zeigt deutlich, dass die Low Performer im unteren Quartil sich deutlich überschätzen, während die Probenden im oberen Quartil ihre Fähigkeiten sogar ein wenig zu pessimistisch einschätzen, und: alle, auch die Tiefflieger, liegen in ihrer Selbsteinschätzung über 50%, wähnen sich also überdurchschnittlich.

Nun ja, Humor ist halt Geschmacksache, könnte man einwenden, aber die weiteren Experimente (Logik-Tests und Sprachkompetenz) führen zu ähnlichen Diagrammen.

Was hat das jetzt zu bedeuten? Nehmen wir mal zum Beispiel: mich. Einen der besten Risotto-Köche der westlichen Hemisphäre, und das auch nur, weil ich nicht weiß, ob im asiatischen Raum überhaupt Risotto zubereitet wird. Ich wäre also im obigen Diagramm eindeutig in der rechten oberen Ecke zu finden. Woraus ich aber schließen müsste, dass ich meine Fähigkeiten tendenziell eher unterschätze! Wie soll das gehen? Noch cremiger, noch schlonziger, noch mehr Nicht-von-dieser-Welt kann doch ein Risotto gar nicht sein! Bin ich die Ausnahme? Oder hat sich in die Experimente von Danning/Kruger doch ein Fehler eingeschlichen? Man muss es fast vermuten.

Abgesang

Die Zeit, als „alter Sack“ eine Beschreibung für die anderen war, scheint abgelaufen.

Piraten heißen nicht mehr Errol Flynn (und auch nicht Johnny Depp), haben weder Augenklappe noch kühnen, in die Ferne gerichteten Blick, werden aber trotzdem gewählt. Von den anderen, den Jungen.

Das wäre noch nicht sonderlich schlimm. Gott, was hatten wir für Ideen, damals. Und letztendlich waren die alle gut. Dass das nicht alle verstanden haben: Kollateralschäden im Generationenkonflikt. Nichts besonderes.

Es hinterlässt natürlich ein mulmiges Gefühl, wenn man es trotz Bemühen nicht versteht. Aber das heißt ja noch nicht, dass es falsch es sein muss. Lass die mal machen, vielleicht verstehe ich es auch irgendwann. Und vielleicht wird dann alles gut – oder zumindest besser als mit der FDP.

Aber das ist ja nicht alles. Anatol Stefanowitsch hat einen „Offenen Brief an die Contentindustrie“ geschrieben. Nun muss ich nicht ein Loblied auf A.S. und seinen SprachLog singen, das haben schon viele andere getan. Und ich muss auch nicht alles gut finden, was er schreibt, obwohl ich es sehr häufig tue. Aber diese Suade hinterlässt mich sprachlos. Es geht um „Content“, also Musik, Texte, Bilder, Rezepte, und wie man damit umgehen darf, soll, kann – und A.S. wirft alles um, was meine Mutter mir versucht hat beizubringen. Generationenwechsel? Paradigmenwechsel? Wie geht’s jetzt weiter?

Nun ja, er war vielleicht schlecht drauf und hat das alles nicht so gemeint. Aber noch sprachloser hinterlassen mich die verzagten Repliken (z.B. Florian Freistätter auf den ScienceBlogs), die gerne – zumindest zum Teil – von dem leben würden, was sie produzieren. Aber auch sie scheinen zu spüren, dass da ein Zug in eine andere Richtung lostuckert. Aber darf man das? Darf man alle hergebrachten Prinzipien von Eigentum, Urheberschaft, eigener Leistung und was weiß ich alles einfach umwerfen, bloß weil es geht? Und wie wird das werden? Und legt ihr wenigstens noch eine kleine Pause, so dass ich noch ein paar Jahre so leben kann, wie ich es gewohnt bin?

Versteht mich nicht falsch, Jungs. Das ist eure Zukunft. Aber ich, ich versteh das alles nicht mehr und ich ertappe mich immer häufiger dabei, nur die Gefahren zu sehen bei eurem neuen Leben: wenn ihr euren virtuellen Rummelplatz zum RTL2-Nachmittagsprogramm machen wollt, bitte sehr, aber ich bin jetzt mal weg. Auf der anderen Seite, bei den alten Säcken.

Und deshalb suche ich mir Rezepte aus dem vorigen Jahrtausend. Rezepte, die zu mir passen. Fündig geworden bin ich jetzt erst mal 1996:

Morchel-Lasagne a la Wille Brass

(essen & trinken 12/96, für 4-6 Portionen)

Für den Nudelteig
250 g Hartweizengrieß mit 1 Ei und 3 Eigelb, 1 Prise Salz und 2-3 EL Wasser mit den Knethaken vermengen. Dann mit den Händen zu einem glatten teig kneten und in Folie verpackt etwa 30 Minuten ruhen lassen. Anschließend mit der Nudelmaschine nach und nach immer dünnere Platten ausrollen.

Je 6 Lasagneblätter von 6, 7 und 8 cm Durchmesser ausstechen. Portionsweise in reichlich kochendem Salzwasser 3-4 Minuten garen und abgetropft zwischen dünn mit Öl bepinselte Folieblätter legen.

Für das Ragout
50 g getrocknete Morcheln in einem Sieb gründlich abbrausen und mindestens 4 Stunden in 3/4 l lauwarmen Wasser einweichen. Die Morcheln ausdrücken und mehrfach gründlich waschen, eventuell halbieren. Das Morchelwasser filtern und auf 100 ml einkochen lassen. 3 Schalotten pellen, klein würfeln und in 40 g Butter glasig dünsten. Die Morcheln dazugeben und andünsten. Dann mit 2 EL weißem Portwein ablöschen und mit dem Morchelfond und 250 g Creme Double offen in etwa 6-8 Minuten bei großer Hitze einkochen. Mit Salz und Pfeffer würzen.

Aus 2 Eigelb, 2 EL Weißwein, 1 EL Zitronensaft
und 1/2 TL Dijon-Senf eine Hollandaise verquirlen, langsam erhitzen und 90 g geschmolzene Butter einrühren. In kaltem Wasserbad abkühlen lassen.

Die grossen Lasagneblätter nebeneinander in eine gebutterte feuerfeste Form legen, die Hälfte des Morchelragouts darauf verteilen und mit etwas geriebenem Parmesan bestreuen. Dann die mittelgroßen Nudelblätter darauf legen, den Rest Morchelragout darauf verteilen und wieder mit Parmesan bestreuen. Mit den kleinen Blättern abdecken, Hollandaise darüber löffeln und wieder mit Parmesan bestreuen. Mit je einer Morchel garnieren und bei 200 Grad auf der mittleren Einschubleiste im Ofen 5-7 Minuten überbacken.

 

Da die Fußball-Bundesliga englische Woche hat, reiche ich diesen Beitrag ein beim Event: „Das Eckige muss ins Runde“ und lade schnell alle Vegetarier aus dem Bekanntenkreis ein, weil es nicht allzu häufig vorkommt, dass bei uns noch nicht mal Speck oder Fleischbrühe verwendet wird.

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Hmmh.

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Hmmh.

Au Mann. Was ist denn heute für ein Tag? Freitag? Schreibt Robert Freitags? Nö, das wär ja schon heut‘ morgen dagewesen.

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Hmmh.

Au! Da! Heike hat Rücken. Die Arme. Aber schöner Rücken eigentlich. Ein bisschen wenig Text. Na ja, bei den Schmerzen.

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Hmmh.

Soll ich vielleicht selbst was schreiben? Och nöö.

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Mir is sooo langweilig.

 

Rindfleisch

Frau T. will einen Hühnerstall. Ich finde, die Versorgung mit Hühnern ist hier gar nicht mal so schlecht. Im Gegensatz zu Rind. Ich plädiere deshalb für ein Kälbchen.

Natürlich muss man sich dazu erst mal informieren. Wie hoch ist da die Rendite? Wann ist mit einem Return-of-Investment zu rechnen? Und ganz wichtig: Kann man mit einem Kalb auf dem globalen Markt konkurrieren, d.h. auf Deutsch: wie hoch sind die EU-Zuschüsse im Moment? Ich habe den Verdacht, das wird alles komplizierter als gedacht.

Zunächst mal scheint man sich heutzutage entscheiden zu müssen, ob man der Kuh ans Euter will oder an die Lende. Also ob man in die Milch- oder Fleischproduktion einsteigen will. Ursprünglich mal wollte eine Kuh einfach ihr Kalb groß kriegen. Dafür brauchte sie etwa 8 kg Milch pro Tag. Man hat ihr dann aber schnell beigebracht, dass das ziemlich eigensinnig ist und dass da ja gar nix für die Kinder-Milchschnitte übrig bleibt. Na ja, so ganz freiwillig eingesehen hat sie das ja nicht, aber mit ein bisschen Zureden hat das dann doch geklappt und so liefert eine amerikanische Hochleistungskuh heute eben mal um die 50 Liter pro Tag. Das sind dann pro Jahr – Urlaub, Sonn- und Feiertage abgerechnet – etwa 15.000 Liter. Pro Kuh – scheint kein schlechtes Geschäft zu sein und würde unseren Bedarf leicht decken. Den Rekord hält übrigens die Kuh „Evergreen-View My 1326“ mit einer Jahresleistung von 32.804 kg Milch mit 3,86% Fett und 3.12% Eiweiß, vielleicht kann man die ja für den Privatgebrauch klonen.

Allerdings mussten da die Kuhdesigner schon kräftig dran drehen, und so eine moderne Kuh hat mit Kuh eigentlich relativ wenig zu tun – und schon gar nicht mit jungem Bullen-Fleisch oder einem marmorierten Steak. Da muss man sich dann schon entscheiden. Was ja auch einleuchtet: Wenn man Milch in den Kaffe will, sollte man nicht vom Ochsenkotelett träumen, klar, oder? Entscheiden ist aber auch wichtig, weil die EU das so will oder vielleicht auch nicht will, aber ihre Förder-Prämien halt so ausgelegt hat. Und eine Kuh ohne Förderprämie, das scheint es nur im 18. oder 19. Jahrhundert gegeben zu haben, auf jeden Fall ist sie heute so unvorstellbar wie ein Teenager ohne Facebook-Account.

Die EU hat nämlich entschieden, die Welt mit einer Aufführung namens Agrarreform zu beglücken. Und hat dann entschieden, dass das nicht geht, weil alle dagegen sind. Und hat sie rückgängig gemacht, aber nicht richtig rückgängig, sondern ein bisschen. Und deshalb gibt es jetzt entkoppelte, teilentkoppelte und herkömmliche Förderungen. Und wie das jetzt genau zusammenhängt, müsst ihr den Bauern eures Vertrauens fragen, aber die Folge ist wohl, dass eine Mischhaltung (sowohl Muttertier- als auch Milchkuhhaltung) nicht mehr gefördert wird oder sich nicht mehr lohnt oder beides. Und deshalb wird Deutschland mehr und mehr zum „Milch-Land“ und die paar Muttertier-Bestände im Süden (Bayern und NRW) und in den europäischen Fleischländern Frankreich und Spanien nehmen kontinuierlich ab.

Das hieße ja, wir könnten mit unserem Kalb in eine Marktlücke vorstoßen! Gemach, vorher sollten wir uns noch – Region hin, Region her – den globalen Markt ansehen, denn schließlich sind „Lieferungen aus starken Rindfleischerzeugerländern zur Normalität geworden (…), ja diese stehen Gewehr bei Fuß, auch lebende Rinder per Schiff in die EU zu schicken“(). Und weil die Viecher ja ohnehin nicht mehr wissen, wie Gras aussieht, bringt ihnen irgendwer sicher auch noch das Schwimmen bei.

Wir könnten also unser Kalb auf die Weide schicken. Wenn die Bodenpreise – wie in China, Argentinien oder Brasilien – niedrig sind, ist das recht preiswert, weil kaum Arbeitskosten anfallen und eine Zufütterung normalerweise entfällt. Das heißt halt! Wenn der Anbau von Bioethanol weiter gefördert wird, könnte eine unschöne Konkurrenz auf dem Markt auftreten und die Bodenpreise steigen lassen und wenn der Klimawandel tatsächlich zu immer längeren Dürreperioden führt – wie in Australien oder Spanien – dann braucht man immer mehr Boden pro Rind und muss notfalls doch Futtermittel anbauen, wofür man wieder mehr Boden braucht und dann käme man mit den Sojabauern ins Gehege. Aber bei einem Kälbchen sollte man die Risiken noch abschätzen können.

Es wäre also zu überlegen, ob man nicht dem Kälbchen einen hübschen Stall baut, ein Silo daneben platziert und die so gewonnene Fläche dazu nutzt, die Mast mit einem Mais- oder Grassilage-System durchzuführen. Inzwischen gibt es nämlich auch sehr schöne „Kuhkomfort“-Ställe und eine App, die überwacht, ob die Tiere sich auch genügend bewegen. Scheint mir auch sehr reizvoll.

Zukunftsträchtiger wäre natürlich gleich auf ein Feedlot-System umzurüsten. Dabei wird gar nichts mehr angebaut, sondern Futtermittel werden ausschließlich zugekauft. Da die Futtermittelindustrie immer phantasiereichere Methoden erfindet, was auch immer in Eiweiß zu verwandeln, kann man so das Marktrisiko klein halten und der Platzbedarf ist nahezu zu vernachlässigen. Unser Kälbchen würde sich aber anfangs etwas einsam fühlen. So ein Feedlot-System kann schon mal auf 100.000 Tiere ausgelegt sein, das kommt dann wohl eher nicht in Frage.

Und Betriebe, die in die Kategorie „Cut & Carry“ eingeordnet werden? Ein – wegen Klima- und Sozialstruktur – vorwiegend indonesisches Mütterchen schneidet mit einer Sichel („Cut“) ein Büschel Gras und trägt („Carry“) es zu ihrem Rind, das dann, wenn eine Hochzeit stattfindet oder anderer Finanzbedarf entsteht, zum Markt getrieben und geschlachtet wird. Das wäre zwar was für meine alten Tage, aber dafür gibt es keine App.

Ich könnte jetzt noch vieles erzählen, über Rentabilität und Faktorkosten, ganz wenig nur über Geschmack, einiges über Familienbetriebe (Bauer sucht Frau), ein bisschen Sozialromantik mit weidenden Rindern vor glutrotem Sonnenuntergang, aber eigentlich ist die Entscheidung gegen ein Kälbchen gefallen, weil mir ganz zum Schluss klar wurde, dass so ein Kalb nicht mal rückstandsfrei gelagert werden kann: Es gibt zwar ein Institut in der Nähe von Leipzig, wo untersucht wird, ob man mit einer Nahrungsumstellung das ausgepupste Methan reduzieren kann, aber die Frage“ Wohin mit dem Pipi?“ ist noch völlig ungelöst. Holland sagt jetzt erst mal: „Nicht zu uns!“. Wir Niedersachsen nehmen’s aber gerne ab, bringt schließlich Kohle. Nur: Über 60% der Flächen in Niedersachsen sind hoffnungslos überdüngt, was zu Phospat- und Nitrat-Konzentrationen im Grundwasser führt, die um ein Vielfaches über den EU-Grenzwerten liegen. „Gülletourismus“ macht das nicht besser.

Ich kaufe jetzt doch das Buch von Ottolenghi. Aber heute Abend gibt es erst mal ein schönes marmoriertes Steak, beim Metzger meines Vertrauens gekauft. Herkunft: Argentinien. Die Kartoffeln aber kommen von hier, auch wenn sie La Ratte heißen.

Fragen

Warum mag Otto kein Risotto?
Was hat Bärbel gegen Kerbel?
Warum brät die Gudrun nie ein Truthuhn?
Und Gertrude brät nur Pute?

Warum gibt’s bei Schmitt alles nur sous vide?
Wer befreit die Annerose von der Raviolidose?
Warum hat die Edeltraut wieder mal den Fisch versaut?
Wieso nimmt Pauline zu viel Gelatine?

Warum ekelt sich Gerlind nur so vor dem kleinen Stint?
Weshalb hat der Jan Ingwer in den Tee getan?
Warum kauft Alessa nicht endlich mal ein Messer?
Und wann bucht Urs seinen blöden Kurs?
Ein zum Kochen, wie der Jochen?

Wär nicht das Olivenöl etwas für den Samuel?
Oder hier, die Kürbiskerne, die isst Simon doch so gerne.
Allerdings mag Ruben alles nur aus Tuben;
Wollte nicht Jasmin Kräuter in der Küche ziehn?

Ehrlich gesagt: ich weiß es nicht.

Tischgespräche
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