The ARTe of Boring

„Is it possible to be both terrified and bored?“ fragte Paul Krugman am Montag in der NYT in seiner Kolumne „Euro Zone Death Trip“. Ja, Herr Klugman, ich (teile Ihre Ansichten über die Eurokrise nicht, aber ich) teile dieses Ihr Gefühl, immer öfter.

Wir Deutschen sind ja die Erfinder der „German Angst“, also kennen wir das mit dem „terrified“ sehr gut. Aber wenn sich die ganze Welt wundert, mit welchem Gleichmut wir inzwischen die Katastrophen wegstecken, dann hat das sehr viel mit „bored“ zu tun. Langeweile, die auch von professionellen Angstmachern nicht mehr vertrieben werden. Weil wir doch alles schon kennen und weil alles doch ohnehin „alternativlos“ ist und weil man langsam schon ein bisschen Mitleid kriegt, wenn man ansehen muss, wie bemüht und angestrengt inzwischen um die Alternativen herumgewinselt werden muss. Nein, ich bestreite, dass das Fatalismus ist, Langeweile trifft das viel besser, tödliche Langeweile.

Ich gebs zu, ich habe ARTE geguckt, „Die Tricks der Lebensmittelindustrie“. Und da waren sie alle. Sarah Wiener, die glaubt, die Welt wäre in Ordnung, wenn sie die Marktfrau fragen kann, wo ihr Zeug denn herkommt, hat freundlich Gemüse geschnippelt – für einen gesunden Salat. Udo Pollmer hat die bewährte Expertenmine aufgesetzt und nochmal verraten, dass natürliches Pfirsicharoma von Schimmelpilzen produziert wird – igitt. Thilo Bode war da und hat die Milchschnitte in die Kamera gehalten und den Zuckergehalt des Monte Drinks angeprangert – empör. Und irgendein Toxikologe wollte wissen, ob die auf dem Gemüse gemessenen Pestizid-Rückstände toxisch sind, und warum er das nicht erfahren darf – gefährlich. Und keiner der Konzerne hat es für nötig befunden, Stellung zu nehmen; da fahren die lieber nach Brüssel und schmieren die Bürokraten – Lobbyismus.

Doch, ich bin auch nicht aus Stein, das erschreckt mich schon. Aber hey, ich werde in Gorleben belogen, ich werde von Banken beschissen, ich werde von Nestle vergiftet – echt, das ödet doch an. Es wäre doch mal Zeit, mir was anderes zu präsentieren – selbst die Nachmittags-Talkshows haben irgendwann ein Ende gefunden. Vielleicht entdeckt ja Frau Aigner in der Mitte der Legislaturperiode, dass sie Verbraucherministerin ist; könnte ja sein, dass sie in der Mittagspause mal einen Blick auf die Tafel an ihrem Ministerium wirft. Und dass sie dann zu Felde zieht gegen die Giftmischer und dass sie uns überrascht mit der Erkenntnis, dass Enteignung jetzt wirklich „alternativlos“ sei.

Aber dann müsste sie als allererstes diesen netten Beamten entlassen (oder in den Ruhestand schicken, oder was immer man da auch macht), der um Verständnis wirbt, dass so ein armer Pestizidhersteller doch wirklich und wahrhaftig Millionen ausgeben muss, um ein neues Gift zu entwickeln. Da könne man doch nicht ernsthaft von ihm verlangen, dass er sein Rezept öffentlichen Instituten zur Begutachtung vorlegt. Es gäbe da ja auch – wie sagt man doch gleich – ökonomische Aspekte. Ja weiß denn dieser Hanswurst nicht, dass derselbe Hersteller Milliarden-Gewinne macht und dass diese Kosten vielleicht auch von diesem Kuchen abgezweigt werden könnten und dass er – falls sich das wirklich nicht rechnen sollte – vielleicht irgendwas falsch macht, und dass man sowas Marktwirtschaft nennt? Tut mir leid, ich muss euch alle vergiften, sonst mache ich doch keinen Gewinn – schnief?

Ich könnte mich aufregen, aber da ist langweilen doch erheblich gesünder.

 

Salade liégeoise

Au Mann, ist mir das jetzt peinlich! Da habe ich doch letzte Woche unter dem Einfluss größerer Fleischmengen vollmundig versprochen, zuhause sofort ein vegetarisches Rezept zu posten. Und ich hatte ja auch eins im Hinterkopf, den Salade liégeoise aus Belgien – eine überaus schmackhafte Kombination aus warmen Kartoffeln, Bohnen und einer Creme-fraiche-Senf-Vinaigrette:

Als ich dann heute morgen das Rezept herausgekramt habe, war gleich der erste Satz: „Den Speck mit Fond …“. Wie, den Speck? Ich dachte *hüstel* vegetarisch? Mein Gott, ein bisschen Speck, den hatte ich halt verdrängt. Ihn jetzt weglassen, um das Gesicht zu wahren, oder einfach drüber wegschreiben, weil das doch eh keiner merkt?

Langsam tröpfelte die Erinnerung dann allerdings aus den spärlich verbliebenen Hirnzellen und damit war klar: Weglassen geht nicht, der Speck gehört dazu. Und zwar als gleichberechtigter Hauptdarsteller neben Kartoffeln und Bohnen. Und darauf vertrauen, dass das keiner merkt – bei den Lesern? Das trau ich mich nicht.

Also bleibt mir nur, geknickt das Originalrezept vorzustellen (und zuzubereiten) und es dem geschätzten Leser zu überlassen, mir in diesen fleischlichen Sündenpfuhl zu folgen oder – auf eigene Verantwortung – mit dem Gemüse vorlieb zu nehmen. Den Ehrenpreis der Vegetarierinnung, Sektion Niedersachsen, hätt ich damit wohl verpatzt.

Ich war ja noch nie in Belgien. Als ehemaliger Wahl-Münchner befürchtet man da nämlich, sofort sterben zu müssen, wenn man an deren Bier nippt. Also weiß ich auch gar nicht, wie das Original geht, was der Belgier denn bevorzugt. Gelesen habe ich, dass mancherorts der Speck durch Schinken ersetzt wird, aber von weglassen – es tut mir leid – ist mir nichts zu Ohren gekommen. Aber ihr könnt’s ja mal probieren. Wer wirklich keinen Speck mag, dem fehlt vielleicht auch nichts.

Salade liégeoise (für 4 Portionen)

400 g durchwachsenen Speck mit ½ l Rinderfond und ½ l Wasser bedecken, aufkochen lassen und bei mittlerer Hitze zugedeckt 35-40 Minuten kochen, dann herausnehmen und abkühlen lassen. 600 g festkochende Kartoffeln schälen, in grobe Würfel schneiden und in Salzwasser 20-25 Minuten gar kochen. 600 g grüne Bohnen putzen und ebenfalls in Salzwasser 8-10 Minuten kochen. In der Zwischenzeit aus 4 EL Rotweinessig, 4 EL Öl, 1 EL mittelscharfem Senf, 200 g Creme fraiche, Salz und Pfeffer eine Vinaigrette rühren. 50 g Schalotten in sehr feine Würfel schneiden. Den abgekühlten Speck in ½ cm dicke Scheiben schneiden und in einer Pfanne ohne Fett knusprig braten, auf Küchenpapier abtropfen lassen.

Kartoffeln und Bohnen abgießen, abtropfen lassen und heiß mit den Schalotten und der Vinaigrette mischen. Den Salat auf Tellern anrichten und mit den Speckscheiben und Petersilienblättchen garnieren.

 

Harakiri

Nach drei Tagen neben, über und in einer öligen, stinkenden und höllisch lauten Maschine war die Herbstsonne am Abreisetag eine wahre Wohltat. Allerdings sitzen Amerikaner nicht gerne draußen, Gastgärten oder Terrassen sind so gut wie unbekannt. Wem also der Sinn nach etwas nahrhafterem als Eis oder Kaffee steht, der muss sich nach drinnen bequemen, in einen meist dunklen, aber gut klimatisierten Raum, der allerdings den Vorteil hat, dass man sich blind zurechtfindet, weil man ihn schon kennt, wenn man zumindest einmal in einem ähnlichen Lokal war. Genau das, was ich mir bei angenehm mildem Herbstwetter gewünscht habe. Aber ich wollte ja vorbereitet sein und im Flieger auf die bekannte Frage „Chicken or Pasta?“ überzeugt „Neither!“ antworten können.

Das Longhorn Steakhouse lockte mich mit der Ankündigung von „never frozen meat“ und günstigen Lunch-Angeboten. Und letztendlich halfen die Bremer Stadtmusikanten bei der Entscheidung: Was bess’res als Subway, Pizza-Hut oder McDonalds find’st du hier allemal.

„Hi, my name is Hannah, in case you need to search for me.“ wurde ich am Tisch begrüßt, mit einem Lächeln, dem anzusehen war, dass eben das nicht nötig sein würde. Denn wer immer zur rechten Zeit zur Stelle war, aufgetaucht aus dem Nichts bei auch nur dem geringsten Bedürfnis des Gastes, war: Hannah.

Nach einer kleinen sachverständigen Diskussion über Sinn und Unsinn von Käsesaucen auf einem Steak – mit beiderseitig deutlicher Präferenz von Unsinn – einigten wir uns bei der Bestellung auf ein 8 oz Top-Sirloin mit mashed potatoes, das Steak natürlich „rare“.

Die Wartezeit wurde durch ein Samuel Adams „Oktoberfest“ angenehm verkürzt und bald erschien auch Hannah wieder mit einem erfreulich puristischen Teller ohne Schnickschnack und überflüssigen „Sides“, einfach braungebratenes Fleisch und goldgelbes Kartoffelpüree auf einem weißen Teller – farblich hervorragend abgestimmt. „I’ll catch up in a minute to see if everything’s right.“ verabschiedete sich Hannah.

Diese Minute nutzte ich, um mein Steak zu anzuschneiden. Unglücklicherweise war es dem Metzger nicht gelungen, ein gleichförmiges Stück abzuschneiden, so dass auf der geringfügig dünneren Seite, mit der ich begann, eine Spur von „medium-rare“ sichtbar wurde, vielleicht ein Mikro-Irgendwas auf der unendlich fein abgestuften Skala von blutig-rot bis schuhsohlen-grau. Als ich aber die Gabel zum Mund führte und die Röststoffe sich mit dem kühlen Geschmack der inneren Fleischfasern auf der Zunge ausbreiteten und auf den Kapillaren zu tanzen begannen … erschien Hannah und starrte schreckensbleich auf mein angeschnittenes Steak. Mit einem „That’s supposed to be rare, right?“ wollte sie mir den Teller wegnehmen. All meine Beteuerungen, dass das meine Schuld sei, dass ich von vorneherein „rare-medium-rare“ hätte bestellen sollen und dass der Koch das gewusst habe und dass er deshalb gar nicht anders habe handeln können, als dieses Stück exakt so braten, wie er es getan habe … all diese Einwände schienen nutzlos, und ich verfluchte mich, dass ich mein Englisch etwas vernachlässigt habe, denn mit einer anderen Wortwahl, mit einer geschliffeneren Begründung hätte ich sie vielleicht überzeugen können, mir diesen Teller bitte, bitte nicht wegzunehmen.

Und gerade als ich um Worte rang und in Hannahs Augen die wilde Entschlossenheit aufblitzte, genau in diesem Moment sah ich sie im Augenwinkel zum Steak-Messer greifen und mir war klar, dass ich verloren hatte. Bilder von sich ins Schwert stürzenden japanischen Samurai tauchten vor meinem inneren Auge auf und Gerard Depardieu als François Vatel betrat die Szene und blickte traurig von meinen Teller zu Hannah und … ich begann, um meinen Rückflug zu fürchten, weil ich angesichts des zu erwartenden Blutbades doch sicher als Zeuge aussagen müsste.

„I guess you’re the lemon-pie type of guy, right? Or is it cheese-cake?“ strahlte mich Hannah an, nachdem sie meinen Teller gedreht hatte. Ich habe dann darauf verzichtet, ihr zu sagen, dass der lemon pie zwar hervorragend schmecke, eigentlich aber ein „Lime-Vanilla Cheesecake“ sei und dass ich das Rezept von Nicole kennen würde, dass ich den aber schon lange nicht mehr nachgebacken hätte und mich deshalb freue, ihn hier wieder einmal essen zu dürfen. Ich wollte mich auf keine Diskussionen mehr einlassen.

Auf dem Rückflug habe ich mir dann aber überlegt, dass es sicher nicht zeitgemäß wäre, die Wiedereinführung des Harakiri zu fordern, dass es aber doch angebracht wäre, ein wenig mehr Ernsthaftigkeit und Sorgfalt im Handwerk einzuklagen. Zum Beispiel bei Metzgern, die die Kunst der Fleischreifung, so sie sie denn noch beherrschen, eher lustlos betreiben oder bei Bäckern, deren Ehrgeiz offensichtlich nicht zu mehr zu reichen scheint, als Brötchen aufzubacken.

Pest oder Cholera

Flug KL6059, kurz hinter England, ich war gerade etwas eingenickt, als ich halb im Unterbewusstsein die Frage vernahm: „Chicken or Pasta?“.

„Chicken or Pasta“, „Pest oder Cholera“, „Pasta or Chicken“, „Cholera oder Pest“, sind das die uns verbliebenen Wahlmöglichkeiten im 21. Jahrhundert? Wie lange bin ich schon nicht mehr geflogen, ohne diese Frage zu hören? Wahrscheinlich eben einfach der kleinste gemeinsame Nenner im ohnehin schwierigen Catering-Geschäft der Lüfte. Aber trotzdem unendlich traurig, fast noch trauriger als der Platz, der einem für 9 bis 10 Stunden in der Coach-Klasse zur Verfügung gestellt wird.

Ich kann mich noch an einen Urlaubsheimflug vor unendlich vielen Jahren erinnern. Da gab es Schwarzwälder Schinken und Vollkornbrot – mit Gürkchen. Das war nach 4 Wochen Sri Lanka – oder hieß das damals noch Ceylon? – ein Erlebnis, auch wenn das Brot fest verschweißt war und der Schinken auch hätte aus der Uckermark kommen können. Man will ja eigentlich gar nicht viel. Nur als Mensch behandelt werden, von der Security, von der Fluggesellschaft und von all den anderen „Dienstleistern“. Aber die Welt scheint wieder lebensfeindlicher zu werden, fast wünscht man sich in die Zeit von Goethes  Italienreise zurück.

„Pest oder Cholera“, „Chicken or Pasta“, da mach die Auswahl von “20 oz”, “24 oz” oder “27 oz” im „Texas Roadhouse“ schon erheblich mehr Spaß. Wenn sie auch völlig überflüssig ist, weil 1 Unze 28,35 Gramm hat, also 20 Unzen schon mal 567 Gramm ausmachen. Sicher, für ein Ribeye am Knochen (gibt’s den Schnitt bei uns überhaupt?), da macht ja allein der Knochen schon mindestens 1 Pfund aus.  Aber nachträglich muss ich der Vorsehung danken. Als „ganzer Mann“ wollte ich natürlich mindestens 24 Unzen haben. Dieses Teil war dann aber ausverkauft und 27 Unzen (also 745 g) schienen mir dann doch zu viel.

Résumé aus 500 g Fleisch und 67 g Knochen: Alleine dass man sich die Steaks „lebend“ aus der Vitrine holt wie bei uns die Fische und dass sie so gebraten werden, wie man sie bestellt hat, lässt mich den Amerikanern manches verzeihen. Wer das Fleisch mit so viel Liebe und Sorgfalt behandelt , auch im Ketten-Steak-House, der kann kein ganz schlechter Mensch sein.

Aber nächste Woche, wenn ich wieder zu Hause bin, dann blogge ich ein vegetarisches Gericht – versprochen.

Einkaufsbummel

Bei einem Einkaufsbummel in Lüneburg musste Frau T. mal eben kurz in den esprit schauen. Dafür hatte ich natürlich Verständnis, schließlich bot sich so die Gelegenheit, im benachbarten Bücher-Wühltisch zu stöbern. Jedes Buch 2,99€, 4 Stück für 10!

Bei aller Liebe zu Büchern und bei aller Aufgeschlossenheit für Schnäppchen: 4 Stück waren da nun wirklich nicht zu finden, aber Miriam Meckel kann man da schon mal mitnehmen. Dann ist das schlechte Gewissen nicht so groß, wenn man es wieder weglegt oder ins Regal stellt.

Als Frau T. (erstaunlich schnell) wieder zurückkam und mir über die Schulter schaute, hatte ich gerade „Laut und Luise“ von Ernst Jandl in der Hand; ich glaube, ich blätterte gerade auf diese Seite

Ich spürte ihren skeptischen Blick in meinem Rücken, als ich mit den beiden Büchern zur Kasse ging. Skeptisch ist vielleicht nicht ganz der richtige Ausdruck, die Skepsis hatte zumindest einen starken Anflug von Mitleid und es schwang wohl auch ein wenig Sorge mit, die ich mir allerdings nicht recht erklären konnte. Aber ich musste ja die Bücher bezahlen und vergas darüber, nachzufragen.

Inzwischen vermute ich – sie hat ja nur diese Seite gesehen – sie hält das Buch für einen Fehldruck und fragt sich natürlich, wie der Mann, mit dem sie dachte, den restlichen Lebensweg gemeinsam bestreiten und durch Dick und Dünn gehen zu wollen, sehenden Auges das Geld für ein Mangelexemplar erster Güte zum Fenster hinauswerfen kann und auf was sie sich da wohl eingelassen hat.

Ich suche jetzt nach einer unverfänglichen Gelegenheit, dieses offensichtliche Missverständnis aufzuklären und überlege, ihr von einer anderen Seite dieses Buches mein Lieblingsgedicht „16 Jahr“ vorzulesen:

thechdthen jahr
thüdothdbahnhof
thechdthen jahr
wath tholl
wath tholl
der machen
thüdothdbahnhof
thechdthen jahr
wath tholl
wath tholl
der bursch
wath tholl
wath tholl
der machen
thechdthen jahr
thüdothdbahnhof
wath tholl
der machen
der bursch
mit theine
thechdthen jahr

(Ernst Jandl, Laut und Luise, Sammlung Luchterhand 2030)

Aber vielleicht ist das gar nicht nötig. Ein wenig Bodenständigkeit und Verlässlichkeit konnte ich schon abends demonstrieren, als ich aus den nicht eingekellerten Äpfeln einen schnellen Apfelkuchen gebacken habe: Torta di mele. Was sind dagegen schon 2,99€?

Apfelernte

Selbst geerntet. Ich. Vom eigenen Baum. Eigentlich wollte ich sie ja noch einzeln beschriften, aber ich weiß doch den Namen nicht. Bin aber trotzdem beeindruckt.

 

Psst! Mein Teig schläft …

Petra hat ein Rezept für „Apfelschnitten mit Zitronenguss“ von 1985 ausgegraben. Weil früher alles besser war, also auch Teigrezepte und weil ein Hefeteig, der nicht wie ein Hefeteig schmeckt, sofort mein Interesse weckt und weil ich dann auf die Frage von Frau T. „Was macht der Hefeteig im Kühlschrank?“ betont professionell „Psst! Er schläft! Kalte Führung …“ antworten kann und weil Sohn T. gestern am Apfelkuchen von der Insel zu bemängeln hatte, er sei viiiel zu klein, jetzt hab ich den Faden verloren, auf jeden Fall:  die Apfelschnitten mussten her.

Leider waren nur noch 140 g Butter da. Bei mir! Einem überzeugten Anhänger von Horst Lichter keine Butter im Haus *kopfschüttel*. Aber mit einer selbstgebastelten Excel-Tabelle ist das ja kein Problem. Wird halt die Rolle etwas kleiner, nur: wie misst man 0,777778 Eigelb? Ist dann aber doch was geworden, obwohl mit dem Apfelkompott viel zu viel Flüssigkeit auf den Teig kam und obwohl wegen einer grassierenden Zitronenguss-Allergie in der Familie die Nummer nicht bis zum Schluss durchgezogen werden konnte. Mein Tipp: Nachmachen!

Aber eigentlich ist dieser Post ein Hilferuf. Ich habe schon jede Menge Bücher gewälzt, in denen die Geheimnisse des Backens detailliert geschildert, bebildert und idiot-proof aufgedröselt werden. Ich hab sie von vorne nach hinten gelesen, ich glaube alles über alle Teigarten zu wissen, ich hab sogar schon Quark-Blätterteig gemacht. Aber keiner hat bislang die Frage beantwortet: Wie entmehlt man den Bäcker?

Ich muss ja nur eine Mehltüte anschauen und schon färbt sich der Bauch mehr und mehr weiß. Das könnte nun am Bauch liegen, das ist nicht ausgeschlossen. Aber ich meine auch, abends schon Mehlspuren unter den Zehennägeln entdeckt zu haben. Und ich mache mir Sorgen, wenn ein Pathologe, zum Beispiel Prof. Börne, am Tatort Spuren von Weizenmehl, Type 405 entdeckt und die Ermittlungen dann geradewegs in meine Küche und unter meine Zehennägel führen. Wie komm ich dann aus dieser Nummer wieder raus?

 

Gehalt-voll

Drei Ereignisse bzw. Meldungen der letzten Zeit machen mich nachdenklich:

  • Die jüngsten Tarifauseinandersetzungen zwischen Journalisten und Verlegern, die sich (zumindest auch) um die Frage drehten, ob die Qualität aufrecht erhalten werden könne, wenn Nachwuchskräfte, wie von den Verlegern gefordert, bedeutend schlechter bezahlt würden
  • Stefan Niggemeier wird Spiegelautor
  • Die Ente wirft Foodbloggern vor, zu viel Energie auf Eigenvermarktung zu legen und – tja, wohl auch finanziell von ihrem Erfolg profitieren zu wollen

Für mich stellt sich da nämlich die Frage, ob der Gehalt (von Artikeln) und das Gehalt (der Autoren) irgendwie zusammenhängen. Ich meine: ja freilich! Ich weiß natürlich – gerade bei Foodbloggern, bei denen ich mich am meisten bediene – den Enthusiasmus zu schätzen und bewundere das oft erstaunliche Fachwissen und genieße die oft dramatisch schönen Fotos und halte Wikipedia immer noch für ein Wunder, aber ich liebe auch die Idee einer Endredaktion, die stilistische Blüten und sachliche Fehler ausmerzt und die Kommentare und Meldungen säuberlichst trennt und vielleicht auch darauf achtet, dass ordentlich recherchiert wurde und überhaupt jemanden, der sich verantwortlich fühlt.

Ich glaube an den Zusammenhang von Aufwand und Ertrag. In einer Welt, in der die Bestreitung des Lebensunterhalts einen nicht unerheblichen Teil der Lebenszeit beansprucht, werden immer Konflikte zwischen Anspruch und Wirklichkeit, zwischen Wollen und Können entstehen, wenn eine wie auch immer geartete Vergütung ausbleibt. Und nur die Freude an der Kommunikation kann höchstens Nischen befriedigen Wir sollten also entweder die Gesellschaft ändern, zum Beispiel mit einem Grundeinkommen, oder schleunigst ein Modell finden, wie bezahlte Inhalte im Netz funktionieren könnten. Und Werbung wird es sicherlich nicht sein, vor allem dann nicht, wenn sie halbversteckt daherkommt.

Eigentlich wollte ich mich aber im Namen der deutschen Sprache bei allen Fremdsprachlern entschuldigen. Wir können ja auch nichts für Wörter wie „der Gehalt“ und „das Gehalt“. Wir nehmen das auch nur achselzuckend hin (und benutzen es von Zeit zu Zeit falsch), vor allem, wenn dann im Dativ („dem Gehalt geschuldet“) oder im Genetiv („des Gehaltes wegen“) noch nicht einmal mehr ein Artikel oder eine Endung hilfreich zur Seite springen.

Der Grund, weshalb ich das alles aber hier in den Tischgesprächen erwähne, ist die (imho ziemlich originelle) Vermutung eines Lesers von verstaendlich.ch, dass die wörtliche Übersetzung von „Salär“ ja wohl „Salzgehalt“ sei. Natürlich macht der Fachmann Herr Gleiser dieses hübsche Bonmot zunichte: weil „-är “ eine typische Adjektiv-Endung sei (wie in primär oder temporär), sei die richtige Übersetzung eher „salzig“. Immerhin hätte ich damit beim Unfall mit der Salzmühle in der Pilzpfanne gepflegt sagen können, mir seien die Pilze etwas salär geraten.

Aber weil ich ja trotz allem an das Gute im Blogger glaube, verrate ich heute aus gegebenem Anlass mein allerliebstes Blumenkohl-Rezept:

Blumenkohl mit Schinkensauce

Ein Rezept aus der Zeitschrift essen & trinken aus dem Jahr 1982, das war glaube ich noch vor der Erfindung der Hollerith-Maschine. Das Rezept darf muss aber um keinen Deut geändert werden, den Zusatz „(Suppenpaste)“ bei der Hühnerbrühe habe ich bereits getilgt und wer mag, kann die Bechamel gerne etwas länger köcheln lassen.

75 g Bacon in feine Streifen schneiden und bei mäßiger Hitze knusprig ausbraten. Speckstreifen aus dem fett heben und auf Küchenpapier abtropfen lassen. 20 g Butter im Speckfett schmelzen, 40 g Mehl einrühren und kurz durchschwitzen lassen. ⅛ l Hühnerbrühe und ½ l Milch mischen und zugießen. Unter ständigem Rühren aufkochen und bei milder Hitze 15 Minuten köcheln lassen.

1 großen Blumenkohl (ca. 1 kg) putzen und waschen und in reichlich kochendem Salzwasser in 15 Minuten garen. 150 g gekochten Schinken fein würfeln, 2 Bund Schnittlauch in Röllchen schneiden und beides in die Sauce geben und 5 Minuten ziehen lassen. Erst dann mit Salz, Pfeffer, 1 EL Worcestershiresauce und 1 EL Zitronensaft abschmecken. Von der Kochstelle nehmen, 2 Eigelb verquirlen un unterziehen. Einen Teil der Sauce über den Blumenkohl gießen, mit den abgetropften Baconstreifen garnieren. Die restliche Sauce extra reichen. Dazu passen neue Pellkartoffeln.

Rechts im Bild sind übrigens nicht die Pellkartoffeln, sondern der Nachtisch „Brönnti Creme„. Hasenherz, das und Brönnti-Anfänger, der ich bin, habe ich mich nicht getraut, das letzte aus dem Karamell heraus zu kitzeln; fad war es dennoch nicht.

Rettet das Morgenbrot

Ich bereite mich gerade schon mal mental auf einen USA-Trip vor. Kulinarisch wird das kein Problem, er dauert nur drei oder vier Tage. Da kann man ein Steakhouse besuchen, auch in Iowa in Seafood schwelgen, auf dem Land einen wirklich guten Burger verdrücken (doch, mit lokaler Unterstützung findet man die durchaus noch), das geht schon.

Sorgen bereitet mir aber das Frühstück. Ich hab das Hotel nicht selbst gebucht und hasse diese „Complimentary Continental Breakfast“-Buffets, die oft nur aus einer Kaffemaschine und einem Stapel trockener Donuts bestehen, oder – noch schlimmer – „Complimentary All American Breakfast“-Buffets mit schmieriger gelber Pampe, die sie „Rühreier“ nennen und derselben braunen Brühe wie beim Continental Style.

Dabei liebe ich amerikanisches Frühstück mit Eiern, Bacon, Bratkartoffeln oder Pfannkuchen und Waffeln mit Ahornsirup bis zum Abwinken. Wahrscheinlich weil der Magen – er kann ja nicht aus dem Flugzeugfenster schauen – die Zeitumstellung nicht mitbekommen hat und „morgens“ halt schon gerne einen ordentlich lunch hätte, wie er es von zuhause gewohnt ist.

Na ja, ich kann ja notfalls umbuchen. Aber ist euch schon mal aufgefallen, dass man in Deutschland schon mal zum Lunch geht oder abends einen Tisch für ein Dinner reserviert, aber kein Mensch morgens breakfastet? Oder dass es im Schwäbischen (und sonstwo) abends das „Veschper“ gibt und das Frühstück halt doch das „Frühschtück“ bleibt? Nur bei den (deutschsprachigen) Schweizern nimmt man das Morgenessen (oder Zmorge) ein, ansonsten: Frühstück soweit die Zunge reicht.

Das Wort „Frühstück“ gibt es bereits seit dem 15. Jahrhundert (Dr. Bopp hat das recherchiert), hat das mittelhochdeutsche Morgenbrot verdrängt und meint wohl analog das erste in der Frühe gegessene Stück Brot. Seither ist es resistent gegen alle fremdsprachlichen und wohl auch regionalen Einflüsse – synonyme.woxikon.de findet gar keine Synonyme für Frühstück, ein.anderes-wort.de schlägt „erste Mahlzeit des Tages“ vor und Wiktionary.org fällt auch nur das schweizerische Morgenessen ein – seltsam.

Wie auch immer dem sei, allen, die jetzt abwinken und stöhnen „morgens brauch ich eh nur einen Kaffee und eine Zigarette„, sei verraten, dass ich das Geheimnis eines ausgiebigen Frühstücks entdeckt habe: Man braucht Zeit, eine frische Tageszeitung und einen Freisitz, bei dem man in die Morgensonne blinzeln kann. Dann kann man gerne mit einer Tasse Kaffee und einer Zigarette anfangen, aber wenn dann frische Semmeln, Landbutter, ein 4-Minuten-Ei, Schinken, Käse, Marmelade und ein frisch gepresster Orangensaft zufällig in Reichweite stehen, dann ergibt sich der Rest von alleine – versprochen.

 

Abschied

Partir, c’est toujours mourir un peu.“ Abschied ist immer auch ein kleiner Tod; fast bin ich ein wenig gerührt, aber es gibt gute Gründe, Abschied vom Küchentagebuch (R.I.P.) zu nehmen:

Paranoia – jetzt weiß die ganze Welt, was ich esse
macht mir eigentlich weniger Kopfschmerzen. Mal ehrlich, der Bruchteil der Weltbevölkerung, der betroffen ist, ist ziemlich klein – gibt es eigentlich milli-Prozent oder noch besser femto-Prozent? Und auf die Emails, wie „Lieber Herr T. Wie wir wissen, schätzen Sie die Produkte der Firma F ..“ bin ich eher gespannt.

Langeweile – das ödet doch an
Langeweile bei den Lesern ist eigentlich auch nicht mein Problem, zwei oder drei gelangweilte Menschen mehr, das nehme ich gerne auf meine Kappe. Aber die Langeweile des Bloggers ist eine Todsünde, derer ich mich nicht schuldig machen möchte.

Eitelkeit – boah hey, was der alles isst
obwohl mir Eitelkeit natürlich nicht fremd ist, ist und war es nicht meine Absicht, diese hier zu befriedigen. Aber beim Rückblick auf einen Monat und der Erkenntnis, dass kaum Wiederholungen vorkamen, schleicht sich die Sorge ein, dass dieses öffentliche Tagebuch Einfluss auf das normale Leben nimmt – und nicht umgekehrt.

Faulheit – das artet doch in Stress aus
würde wahrscheinlich die Wahl des wichtigsten Grundes haushoch gewinnen. 1 1/2 Monate fast täglich notieren, kommentieren, Links aussuchen, eventuell Fotos knipsen und zuschneiden – puuh. Sicher, mehr als 4 Jahre fast täglich geht ja offensichtlich auch, aber wer bin ich, mich mit Robert zu vergleichen?

Sinnfrage – was will der denn mit noch einem Küchenblog?
das kann ich nicht beantworten. Ich weiß es nicht. Fakt ist, dass das Tagebuch den Blog recht küchenlastig macht. Ich weiß zwar nicht wie-lastig oder was-lastig oder ob überhaupt lastig er werden soll, aber für diese Sinnfindung ist weniger Korsett wahrscheinlich besser – und eine geringere Frequenz sicher auch. Aber die Nase aus den Kochtöpfen heraushalten kann ich natürlich auch nicht – dafür duftet es dort zu gut.

Deshalb heute die Abschiedsvorstellung – das Küchentagebuch:

Und warum?

  • Habe ich die Galloway-Herde gestern nicht erwähnt? Nun, es ist eine kleine Herde, aber ab und zu muss eines der jungen Tiere dran glauben und landet erst am Haken – zum Abhängen – und dann bei meiner Geflügelfrau (sic!) – zum Abnehmen. Ich hab mal den Abnehmer gemacht.
  • Auf dem Markt wollte ich heute nur 10 Eier kaufen, aber neben den Eiern ist immer der Obsthändler aus dem Alten Land – heute mit Erdbeeren. Es wird dieses Jahr nicht mehr viele frische Erdbeeren geben (wenn man Arthurs Tochter im Hinterkopf behält).

Und wie?

  • rückwärts gebraten, ohne Schnickschnack, mit Heidekartoffeln und Tomatensalat.
  • Mein Rezept stammt aus einem alten Essen&Trinken. Auf deren Webseite findet man zwar auch ein Rezept mit diesem Namen, aber mit anderen Zutaten. Der Link auf kochbar.de hat zwar ein scheußliches Bild, aber das Originalrezept. Wie man die Mousse zubereitet, ist wahrscheinlich egal, aber das Zusammenspiel von Mousse, gewürfelten und pürierten Erdbeeren und Schokostreuseln muss unbedingt erhalten bleiben.

 

Tischgespräche
Datenschutz-Übersicht

Diese Website verwendet Cookies, damit wir dir die bestmögliche Benutzererfahrung bieten können. Cookie-Informationen werden in deinem Browser gespeichert und führen Funktionen aus, wie das Wiedererkennen von dir, wenn du auf unsere Website zurückkehrst, und hilft unserem Team zu verstehen, welche Abschnitte der Website für dich am interessantesten und nützlichsten sind.