Wildschwein, Püree, Spinat

Mit der Empathie ist das so eine Sache in Europa (wie übrigens auch auf der ganzen Welt). »Es tut mir leid, dass ich Ihnen auf den Fuß getreten bin, ich weiß wie Sie leiden, welchen Schmerz ich ihnen mit meiner Unachtsamkeit zugefügt habe und das Bedauern wird in mir wüten und meine Eingeweide zerreißen, bis ich Sie wieder – wenigstens ein wenig – habe lächeln sehen.« So oder so ähnlich laufen normalerweise Unterhaltungen im deutschen ÖPNV ab, empathisch halt. Ein Spanier stattdessen murmelt ein mageres »lo siento«, ich fühle es. Oh je, er fühlt es, eine Bemerkung, der man schon anhört, dass sie nicht ernst gemeint ist, bevor das Gegenüber den Mund geschlossen hat. Portugiesen hängen mit »sinto muito« wenigstens noch ein »muito« an, was es aber nicht viel besser macht. Und das italienische »mi dispiace« könnte man gar als »es missfällt mir« übersetzen, als wäre es meine Schuld, dass ich blöd im Weg rumstehe. Während das holländische »Het spijt me« wahrscheinlich nicht so abweisend gemeint ist, wie es sich auf Deutsch anhört, sind die Franzosen mit »Je suis désolé« wieder etwas mitfühlender, schließlich übersetzt leo.org se désoler mit betrübt sein, traurig sein, aber auch untröstlich sein. Dennoch zeigt sich: Europa müsste insgesamt um einiges empathischer werden, wenn das was werden soll mit der Union. Und man könnte damit anfangen, dass sich die Experten bei der Wettervorhersage dafür entschuldigen, was sie da vorhersagen, weil »het spijt me«.

Küchentagebuch, Donnerstag 27. Mai 2021

  • Wildschwein-Filet mit Portwein-Sauce
  • Kartoffelpüree
  • Limetten-Spinat (wie kürzlich in Österreich)
Spinat mit Limette schmeckt auch zu Wild

Spargel, Schinken, Bérnaise

Heute habe ich den Spargel direkt auf dem Feld gekauft. Also ich und die Verkäuferin, wir waren am Rand des Feldes und der Spargel auf dem Feld unter der Folie. Auf jeden Fall habe ich angehalten, obwohl ich ohnehin auf dem Weg zum Markt war. Wie lang der Spargel auf dem Markt schon rumliegt! Und wie teuer er dort ist! Die Transportkosten, die Kühlung, die Autobahnmaut. Ich weiß nicht, ob jede Spargelstange aus Australien einen Sitzplatz hat, aber auch in der Holzklasse geht das sicher ganz schön ins Geld. Nö, ich kaufe hier, von der Bauern-Familie früh morgens aus der regionalen Erde gewutzelt, fachmännisch gelagert, bis ich – König Kunde – vorbeikomme und ihnen die Tages-Ernte abnehme. Andererseits, wenn ich so darüber nachdenke: Das Feld war menschenleer, die Fingernägel der Verkäuferin blitzeblank sauber. Ob die vielleicht den Spargel vom Markt hierher herausgefahren haben, um mich übers Ohr zu hauen? Denkbar wärs.

Küchentagebuch, Mittwoch 26. Mai 2021

… und Kartoffeln

Pasta, Ingwer, Hack

Bei uns fährt grob geschätzt ein Zug am Tag. Ich fahre – zumindest seit März 2020 – nicht öfter als einmal pro Woche auf der Straße, die die Gleise kreuzt. Und seit gefühlt mehreren Monaten verbringe ich einen Großteil meiner Lebenszeit vor einer geschlossenen Schranke. Ich überlege jetzt Lotto zu spielen, da mein Talent offensichtlich in der Anhäufung unwahrscheinlicher Ereignisse liegt. Allerdings liegt die Lottoannahmestelle auf der anderen Seite der Bahntrasse.

Küchentagebuch, Dienstag 25. Mai 2021

Einfach, schnell, gut.

Hummus, Knoblauch, Pilze

Quasi beim Brotbacken, genauer beim Anrühren eines Hefe-Vorteiges, habe ich eine etwas ältere Folge meine Lieblings-Sendung im SRF, der Sternstunde Philosophie, angesehen. Der Gast in dieser Folge ist Philipp Blom, der nebenbei die Menschheit mit Hefezellen vergleicht. Sinngemäß: Wenn man so ein paar Hefezellen in eine zuckrige Lösung gibt, dann denken die Hurra, das ist das, was ich schon immer wollte, und vor lauter Freude entwickelt sich eine gigantische Bevölkerungsexplosion, welche allerdings dabei ihre Umgebung verändert. Irgendwann ersticken die Hefezellen dann an ihren eigenen Ausscheidungen und verhungern, was dann letztlich zum Absterben der Hefezellen führt. Herr Blom hält es für eine intellektuelle Beleidigung, dass wir offensichtlich auch nach Millionen von Jahren Evolution der Hefezelle nichts voraus haben. Darüber darf mein Vorteig jetzt 24 Stunden nachdenken – sofern Hefezellen mehr Neigung zum Nachdenken entwickelt haben als die Menschen.

Küchentagebuch, Montag 24. Mai 2021

  • Hummus mit konfiertem Knoblauch und gegrillten Pilzen (ein Flavour-Ottolenghi, hier und hier auf Englisch, hier mein PDF)
  • Fladenbrot
  • Rhabarberkompott/Rhabarberparfait
Eigentlich bin ich gar kein Hummus-Fan, eigentlich.

Schweinebraten, Semmelknödel, Krautsalat

Dass der Mensch die Sprache erfunden hat, war im Prinzip keine schlechte Idee. Aber wie alle Im-Prinzip-Ideen halt nicht ganz ausgereift. Das spanische Verb esperar zum Beispiel heißt warten. Aber auch erwarten. Und auch hoffen. Ich warte auf dich. Ich erwarte aber schon, dass du kommst. Oh bitte, ich hoffe, du kommst. Dazwischen liegen Welten! Dabei gibt es so viele Buchstaben auf der Welt – und man könnte gut noch ein paar dazu erfinden, die man in unendlichen Kombinationen zu sogenannten Wörtern aneinanderreihen könnte, aber trotzdem gibt es nur das eine Wort esperar. Natürlich nicht nur auf Spanisch, auch im Deutschen: Treffen sich zwei Jäger. Das kann der Anfang von etwas sein, aber auch schon das Ende.

Küchentagebuch, Sonntag 23. Mai 2021

  • Knuspriger Schweinsbauch (der hier kommt aus der Tiefkühltruhe, aber ich darf seit dem 14. Dezember 2015 ohnehin nur noch den von der Küchenschabe machen, sozusagen den schäbigen)
  • Semmelknödel mit Speck (gedämpft, nach einem Rezept von Nur das gute Zeug)
  • Gebrühter Krautsalat (Schuhbeck, hier auch im Netz)
Die Wahnsinnskruste überlebt die TK natürlich nicht, aber sonst..

Aubergine, Tomate, Aprikosen

Man kann sich auch an kleinen Dingen freuen – größere gibt es ja im Moment recht wenige. Heute zum Beispiel hatte ich vergessen, dass zu einem marokkanischen Gericht natürlich auch Minze gehört. Die hat letztes Jahr im Garten sehr geschwächelt, und da ich es nicht lassen konnte, trotzdem zu ernten, war ich eigentlich davon überzeugt, dass da nicht mehr viel zu holen ist. Aber hallo! Kaum lässt man die auch nur ein kleines bisschen unbeobachtet: Alle drei Sorten stehen da lehrbuchreif und erntebereit. Vielleicht weil sie in Rufweite zum Rhabarber stehen und die sich gegenseitig hochschaukeln. Mir kanns nur recht sein. Gibt es ein Rezept mit Rhabarber und Minze?

Küchentagebuch, Samstag 22. Mai 2021

  • Kefta-Tajine wie vom Souk (der Titel ist ein wenig großspurig, aber wenn das Rezept so gut ist, lass ich mit mir reden)
  • Fladenbrot
  • Rahabarber-Parfait
Wie im Souk? Auf jeden Fall gut.

Gulaschsuppe, Brot, Dessert

Ernährungsberater. Im nächsten Leben werde ich Ernährungsberater. Ich glaube nicht, dass man dazu eine Ausbildung braucht. Und wenn, dann muss man sicher im Examen drei Wörter richtig buchstabieren können: Ballaststoffe, Vitamine, Mineralien. Das reicht. Vielleicht noch drei Adjektive: Ausgewogen, natürlich, fettarm. Allerdings braucht man Selbstbewusstsein, daran könnte es scheitern. Wo um Himmelswillen lernt man, mit Überzeugungskraft und Verve, hundertmal verquirlte Hühnerkacke als neueste wissenschaftliche Erkenntnis zu präsentieren, ohne vor Scham vor aller Augen im Erdboden zu versinken? Am meisten nervt mich, dass »meine« Zeitung auch solche Leute beschäftigt und/oder interviewt. »Was wir essen, wirkt sich unmittelbar auf unser Gehirn aus.« Leute, bitte, was habt ihr zuletzt gegessen, damit ich das vermeiden kann?

Küchenkalender Mai 2021 (2)

  • Kalbsbries mit grünem Spargel und Morcheln (mit einer Sauce aus Geflügelfond, Champignons, Crème double und Limonensaft. Der Fotograf nimmt nur die halben Spargel und steckt auf das Ende jeweils eine Morchel drauf – vorne der Spargelkopf, hinten die Spitzmorchel. Schmeckt vielleicht nicht besser, sieht aber toll aus.) Hätte eigentlich auch geschmeckt haben können.

Küchentagebuch, Freitag 21. Mai 2021

  • Gulaschsuppe (Jetzt ist die Tiefkühltruhe leer, irgend jemand muss demnächst mal wieder schnippeln)
  • Rustikales Mischbrot (hab ich vergessen zu dokumentieren: Gestern war Großbacktag)
  • Griechischer Joghurt mit Rhabarberkompott
Der letzte Teller seiner Art

Spaghetti, Zitrone, Salat

Man soll ja nicht mit dem Wetter hadern. Meistens tu ich das auch nicht. Nur heute wäre es beinahe soweit gewesen. Wegen einer überbordenden Rhabarber-Ernte habe ich Rhabarbersaft gemacht. Erstens habe ich nicht damit gerechnet, dass aus einem Kilogramm Rhabarber mehr als ein ¾ Liter Saft wird und zweitens ist er dermaßen lecker, dass ich mich mit T-Shirt und Sonnenbrille im Garten sitzen und genüsslich am Strohhalm saugen sah. Von Rhabarberschorle im Glühwein habe ich nämlich noch nie gehört. Und weil ich die Salzzitronen von So-nach-Gefühl ausprobiert habe und damit heute Abend Spaghetti al Limone machen wollte – auch nicht gerade ein Winterschmortopf – war ich gerade dabei eine veritable Depression zu entwickeln, als die Sonne sich hinter den Wolken hervorbequemte und mir tatsächlich mehr als zwei Stunden lang Gesicht und Rücken wärmte. Das Leben kann so schön sein.

Küchentagebuch, Donnerstag 20. Mai 2021

  • Spaghetti al Limone (nach einem Rezept und mit den eingelegten Salzzitronen von So nach Gefühl)
  • Gemischter Salat
  • Rhabarber-Parfait (Rezept von Genussfreak)
Fast alles gelb

Hähnchen, Joghurt, Reis

So, die Tomaten sind „unter Dach und Fach“, also zwar mit Dach, aber draußen in der Kälte. Wenn ihnen das nicht bekommen sollte – mir zum Beispiel würde es nicht bekommen – dann werden wir halt unsere Tomaten kaufen anstatt sie zu ernten. Extrem schade wäre es nur um die kleinen gelben süßen, die uns letztes Jahr über die mangelnde Erdbeer-Ernte hinweggeholfen haben und die ich heute wieder beim Bio-Bauern ergattert habe. Er hat mir dann – fast weinend – erzählt, dass er die auch ganz toll findet und letztes Jahr mehrere davon angepflanzt hat, um die Tomätchen dann auf dem Markt zu verkaufen. Leider waren die Kunden gar nicht begeistert, weil die Lagerhaltung der Kleinen zumindest suboptimal ist. Das war mir gar nicht aufgefallen, die meisten gingen vom Strauch direkt in den Mund oder maximal in die Küche.

Küchentagebuch, Mittwoch 19. Mai 2021

Langsam goldgelb braten …

Lachsforelle, Karottenlaibchen, Limetten-Spinat

Es gibt Menschen, die essen kein Fleisch, keinen Fisch, kein Gemüse, oder nichts davon. Manche dürfen keinen Zucker, vertragen kein Mehl, andere keine Milch. In Detroit hatte ich einen Kollegen, der aß nur gelbe Sachen. Das war auch in Detroit ein Challenge, aber da er überlebt hat, scheint es prinzipiell machbar gewesen zu sein. Nudeln allerdings waren gelb, egal welche Farbe sie hatten. (In Mexiko war er einmal, warum auch immer – gelber Mais? – ganz begeistert und wollte direkt umziehen.) Als er mich in München besuchte, waren wir im Bratwurst-Glöckl und trafen auf eine resolute bayrische Bedienung, die sicher tourismus-gestählt war, aber so was war ihr dann doch zu viel. Da trafen mindestens zwei Welten aufeinander. Allerdings war das auch die Zeit, als Vegetarier auf Fisch oder Bratkartoffeln (mit Speck, das schmeckt doch sonst nicht) verwiesen wurden. Vielleicht würde mein Kollege heute auch in München was zu essen kriegen, es gibt ja inzwischen viele Gelbtöne

Küchentagebuch, Dienstag 18. Mai 2021

  • Lachsforellenfilets mit
  • Karottenlaibchen und
  • Limetten-Spinat (alles aus der Österreich-Ausgabe der GU-Reihe „Kochen wie in …“, Hier das Rezept, ich hab das Ei dazugefügt)
Österreichisch, aber sicher nicht traditionell. Gut auf jeden Fall.

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