Eine Nachkochliste ist ein bisschen wie ein Komposthaufen. Die neueren »Abfälle« landen immer oben und die unteren Lagen modern so vor sich hin. Einmal im Jahr muss man umschichten und während der Biomüll dann ziemlich verrottet ist, kann man die meisten Rezepte noch lesen, auch wenn man nicht immer weiß, ob man das noch will. Nach nun doch schon acht Jahren ist das heutige Rezept aber ziemlich gut, man kann fast sagen hervorragend erhalten. Wenn ich schon früher eine Kiste Biozitronen gehabt hätte, vielleicht …
Küchentagebuch, Samstag 10. April 2021
Salat
Spaghetti mit Salbei, Zitrone und Walnüssen (von Ottolenghi, gefunden bei der Turbohausfrau und wie fast immer – bei Ottolenghi oder der Turbohausfrau? – wenige, stimmige Zutaten: Gut!)
Ich bin ein Schisser, wenn irgendwo „nicht zu lang“ steht, hör ich garantiert zu früh auf
Es gibt ja nicht nur »die Situation™«, aus der Andreas Scheuer und Jens Spahn uns und die Welt bald befreit haben werden. Es gibt auch noch den Klimawandel und die Überbevölkerung und Bürgerkriege und abgeholzte Regenwälder und Flüchtlingslager, und da wird – vielleicht in der Ministerpräsidentenkonferenz – gerade darüber beraten, wer dafür jeweils zuständig ist. Und es gibt die Generalversammlung der Vereinten Nationen, die das Jahr 2021 zum internationalen Jahr für Obst und Gemüse ausgerufen hat und die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), die in Zusammenarbeit mit dem BMEL (Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft) die 10 Regeln der DGE zum Blockbuster entwickelt hat und in Regel 2 (Nimm 5 am Tag) den exakten Tagesbedarf von Obst (250g, 2 Portionen) und Gemüse (400g, 3 Portionen) ermittelt hat. Ich fühle mich alles in allem gut regiert und umsorgt und blicke optimistisch in die Zukunft, doch.
Küchentagebuch, Freitag 9. April 2021
Spätzle mit Mohn und geröstetem Rotkohl (bei Krautkopf)
Manchmal dauert es halt ein bisschen länger. Ich hab nachgesehen, es war 2010, als Paule (paules.lu) Jamie Olivers Fleischbällchen gekocht und wunderschön drapiert und fotografiert hat. Ich hab sie dann auch in der Zwischenzeit ein paar mal nachgekocht, aber immer mit Semmelbröseln. Eigentlich nimmt Herr Oliver als Engländer statt der Semmelbröseln Jacob’s Cream Cracker, die es hier aber nicht gibt. Und jetzt, 2021, auf der Suche nach Cantuccini, was seh ich da im Regal nebenan – die Cracker! Tomatensauce ist noch im Kühlschrank, fehlt nur Rinderhack und – schlussendlich … mag ich die Version mit Semmelbröseln fast lieber, hauptsächlich wegen der Konsistenz. Habe ich vielleicht zu „sehr fein“ gemahlen?
Küchentagebuch, Donnerstag 8. April 2821
Fleischbällchen mit
Tomatensauce und
Pasta und Salat
Drapieren kann ich ohnehin nicht, dann probier ich’s auch nicht
Gut, ich hab mich beruhigt. Man muss ja noch durch vier teilen, dann sind das gerade mal 50g Butter pro Person, das ist ja schon fast Diät. Gefunden habe ich dieses Rezept beim Blättern in einer alten Effilee-Ausgabe, in der Harald Wohlfahrt irgendwas mit Rebhuhn und Innereien und eben Maxim-Kartoffeln bastelt, kleine knusprige Ringe aus hauchdünnen Kartoffelscheiben. Dass der Kellner das »die guten alten Bratkartoffeln« nennt und Harald Wohlfahrt meint: »Die Maxim-Kartoffel. Das ist eine Heidenarbeit!« macht meine Neugier nicht kleiner. Eine Heidenarbeit will ich mir aber natürlich nicht machen und kleine Antihaftformen habe ich auch nicht, ich hab schon genug Schwierigkeiten mit »hauchdünn«, also habe ich mich statt an die Sterne-Methode an das Vorgehen des netten Herrn im Youtube-Video gehalten. Der benutzt die Butter „generously“, und falls ich tatsächlich zu wenig Butter benutzt haben sollte, habe ich zum Rumpsteak noch ein wenig Kräuterbutter gemacht.
4 Kartoffeln, 50g Weizenstärke, Salz und 200g geklärte Butter. Oh my Goodness! Nochmal in Worten: Vier Kartoffeln, zweihundert Gramm Butter! Ich kann jetzt nicht weiterschreiben, ich muss mich erst beruhigen …
Küchentagebuch, Dienstag 6. April 2021
Ricotta-Zitronen-Ravioli in Thymianbutter (Rezept von Betty Bossi)
Wenn ich recht habe mit meiner Theorie und die Pizza aus Norddeutschland stammt, dann hat die Pizza damals, als der Römer sie nach Süden mitgenommen hat, bestimmt den Schwarzenegger gegeben und über die Schulter zurückgerufen: »I’ll be back«. Tja, und da isse nun: Mit dem Pizzamehl von der Mühle in Bardowick, dem Rezept einer Pizza Tipo 0 von Lutz Geissler und dem Büffelmozzarella vom Biohof Eilte in Ahlsen. Als Alliterations-Aficionado kann ich nur sagen: Locker, luftig, lecker. Nur die Dosentomaten kommen aus Italien, also wahrscheinlich aus China; so ein bisschen internationales Flair tut so einer Pizza ja keinen Abbruch. Aber im Sommer irgendwann, wenn die prallen Tomaten saftig-satt an den norddeutschen Sträuchern hängen …
Und weil Frau T. mich gebeten hat, zur Pizza nochmal einen Rotkohlsalat zu machen, ist mir das kleine Rotköhlchen wieder eingefallen, das ich vor Kurzem in den Twitterlieblingen der Kaltmamsell gesehen habe:
Heute morgen habe ich einen Osterspaziergang gemacht, im Garten, weil da draußen könnten ja Menschen sein. Und da habe ich ihn tatsächlich gesehen: der Osterhase (richtig mit Rückenkorb und langen Löffeln) hoppelte gerade auf das Nachbargrundstück zu. »Hase, du bleibst hier!« rief ich schnell. Er dreht sich empört um und brüllt: »Sie haben mich ins Gesicht gefilmt! Das dürfen Sie nicht!« – Und dann bin ich schweißgebadet aufgewacht. Wer erinnert sich noch, wie sehr er empört war damals, 2018? Aber offensichtlich kann alles getoppt werden, wirklich alles.
Küchentagebuch, Sonntag 4. April 2021
Lammhaxen vom Husumer Salzwiesen-Lamm, lange geschmort in Rot- und Portwein (etwa wie hier bei Herrn Schuhbeck oder hier dasselbe)
Kartoffel-Pastinaken-Püree (für die leckere Sauce)
Grüne Bohnen mit Pimentón de la Vera (z.B. bei Foodfreak)
Norddeutsches Lammhaxerl
Anmerkung: Bei den Bohnen halte ich mich eher an das bei Foodfreak verlinkte Original. Und es lohnt sich immer, sich englische Rezepte übersetzen zu lassen. »Kochen Sie die Bohnen bis nur zart« macht einfach mehr Spaß als knapp garkochen, wobei die »heiße spanische räuchernde Paprika« mit Vorsicht zu genießen ist. (Ich nehme an, das war der Bing-Übersetzer).
Fünfunzwanzig Gramm Pilze. So stand es auf dem Einkaufszettel. Offensichtlich – wegen der Menge – in so kleiner Schrift, dass ich es auf dem Markt nicht lesen konnte. Also waren die Pilze auch nicht im Einkaufskorb, als ich später auspackte. Allerdings war hinter dem „Pilze“ ein Ausrufezeichen, wegen: wichtig! Also war ich zweimal auf dem Markt, weil: niemand kann von mir – Ausrufezeichen hin oder Ausrufezeichen her – verlangen, dass ich mich am Ostersamstag in einen Supermarkt zwänge, um 25 g Pilze zu kaufen. Aber halt! Der Einkaufszettel war ja auf dem iPhone, wieso hat mich das nicht gewarnt? Falls da draußen ein App-Entwickler sitzt, ich stell mir das etwa so vor:
Siri: ❝So, Michael, das Wetter ist schön, setz dich doch mal da vorne auf die Bank und erzähl mir, was du im Korb hast.❞
Ich: ❝Eier, Bohnen, Gurke, Lauch, Fenchel❞
Siri: ❝Schön, aber hast du nicht gestern nach den Mühlviertler Speckknödeln gegoogelt?❞
Ich: ❝Du sollst nicht immer lauschen, aber ja, die gibt es heute Abend, ich freu mich schon❞
Siri: ❝Und warst du nicht letztes mal ganz angetan von der Mischung aus angebratenem Speck, Lauch und Pilzen?❞
Ich: ❝Hmm, hab ich dir das erzählt?❞
Siri: ❝Klar, ich war dabei. Lauch hast du gekauft, Speck hast du immer zuhause, fehlt da noch was?❞
Ich: ❝Lauch, Speck, Pilze habe ich doch - au Mist!❞
Siri: ❝Stellst du dich noch mal an?❞
Ich: ❝Weißt du Siri, du gehst mir ganz schön auf den Wecker mit deiner ewigen Besserwisserei. Bei dem Wetter hätt es doch auch nicht geschadet, zweimal auf den Markt zu gehen, oder?❞
Küchentagebuch, Samstag 3. April 2021
Mühlviertler Speckknödel (ein Rezept aus der BR-Mediathek von A. Schuhbeck, der mit seiner Serie „Österreich & i“ die österreichische Küche veredelte und sich dort bestimmt viele Freunde gemacht hat, aber mei … )
Im Magazin der Süddeutschen Zeitung werden sie verraten, »Die kleinen Tricks der großen Köche« (wahrscheinlich nur mit SZ Plus 😥). Laut Sven Elverfeld sind in Butter geschmorte Karotten gesünder (und schmackhafter) als gekochte; Bernhard Reiser dreht die Eier einmal am Tag, damit sie länger halten; Maria Groß rät zu mehr Mut beim Würzen; Susanne DeOcampo-Herrmann verwendet immer die ganze Vanilleschote; Steffen Henssler wirft eine geschälte Kartoffel ins Nudelwasser, damit später die Sauce besser haftet; … und Gregor Hauer vom Hotel Wutzschleife rät für einen ansprechenden Teller zu einer ungeraden Anzahl von Bestandteilen, »also lieber drei Kroketten als zwei.« Und das ausgerechnet heute, wo es Suppe gibt! Wie soll denn das gehen?
Küchentagebuch, Freitag 2. April 2021
Rote-Linsensuppe mit Curry, Tomaten und Kokosmilch (nach Chili &Ciabatta, allerdings gibt es da Änderungen wegen eines 5:2-Fastentages. Keine Ahnung, was das ist, aber es klingt nach Diät und ich habe beschlossen dass das ist nichts für mich ist. Also habe ich das englische Original aufgeschlagen und diese God-damn-cups und – ounces umgerechnet, nur um jetzt für diesen Post festzustellen, dass ich Petra ruhig hätte glauben können; sie schreibt genau, was sie geändert hat. Aber da dieser Punkt in der Liste jetzt eh schon ziemlich lang ist, kann ich meine Begeisterung über das Rezept auch noch mit einem Zitat untermauern: »Wie einige Kommentatoren anmerkten, ist es verblüffend, was man im Zusammenspiel dieser wenigen Zutaten herausholen kann.« Und ja, ich nehme meist Gemüsebrühe, aber Wasser tut’s genauso gut, und man darf die Limette auf keinen Fall weglassen!
Traditionell gibt es bei uns dazu das Fladenbrot, möglichst mit Schwarzkümmel bestreut, Sesam und/oder Mohn geht aber auch.
Heute ist der 1. April und mich hat entgegen aller jahrelangen Gepflogenheiten (bislang) niemand „in den April geschickt“. Da ich mich nach zig Jahren als Ehemann natürlich schwer damit tue, Dinge aus eigenem Antrieb zu tun, stehe ich jetzt ein bisschen blöd hier im März rum und weiß nicht recht, was ich machen soll. Keiner mehr da und das Rezept, das ich kochen will, ist für zwei. Entweder esse ich alles alleine, oder ich reiß mich zusammen und spring doch hinterher. Mal sehen, meine Entscheidung sieht man dann am Datum:
Küchentagebuch, Donnerstag 1. April 2021
Gelackter Schweinebauch auf Chili-Spaghetti (ein schneller Teller von Stevan Paul, wer lieber für vier kocht: hier hat Andy schon mit 2 multipliziert und die gute Idee den Chili-Gehalt zu erhöhen)
Gemischter Salat
Für’s Foto hätte man die Nudeln ruhig durchmischen können