Alena Buyx, die ja gerade den Job des Jahrhunderts hat, könnte sich karrieretechnisch keine bessere Zeit ausdenken. Wer interessiert sich wohl sonst für sowas exotisches wie einen Ethikrat. Gut, im Moment interessiert sich sicher auch niemand so richtig dafür. Wir wissen schon selber, was »richtig« ist, aber schön ist es natürlich schon, so ein Gremium und so eine Vorsitzende zu haben. Sie hält die Situation™ für »genuin dilemmatisch«. Das werde ich mir auf ein Küchentuch sticken und über den Herd hängen. Dieses Egal-was-du-machst-es wird-böse-enden ging mir schon lange vorher furchtbar auf die Nerven und wird das wohl auch noch später tun. Da ist es doch gut, ein schönes, kluges Wort dafür zu haben: Genuin dilemmatisch. Wenn noch Platz auf dem Küchentuch ist setze ich davor noch ein »Das Leben ist «.
Küchentagebuch, Dienstag 20. April 2021
In Chilibutter gerösteter Blumenkohl (aus Ottolenghis Flavour, von Petra bei Chili & Ciabbatta dankenswerterweise schon ins Internet übertragen)
Kartöffelchen auf dem gleichen Blech (Danke an Petra für diesen Tipp)
Heute (es ist übrigens der 19.4.) hatte ich morgens (um 1:10 Uhr) eine Nachricht auf dem iPad, dass die »neue« Ausgabe der SZ vom 20.1. für mich zum Download bereit läge. Morgens um 1:10 akzeptiere ich eigentlich alles als gegeben (das wäre – nur als Tipp – eine gute Uhrzeit, mir eine Phishing-Mail zu schicken), hatte aber keine richtige Lust, die neuesten Neuigkeiten gleich zu lesen. Erst beim Frühstück habe ich das dann probiert, aber: die »Ausgabe« von morgen bestand nur aus einer Annonce. Vielleicht ein neuer Versuch der Monetarisierung, ich bin für sowas ja prinzipiell offen. Aber ich war dann doch enttäuscht, denn ich hatte mich schon gefreut. Als Papier-Abonnent war ich es gewohnt, die Ausgaben am nächsten Tag zu erhalten (wenn überhaupt), die Ausgaben jetzt am vorherigen Tag zu liefern schien mir da der richtige Ansatz in Zeiten der Digitalisierung Deutschlands. Manchmal wär ja interessant, was morgen passiert. Vielleicht ist das Feature noch im Probebetrieb.*)
Küchentagebuch, Montag 19. April 2021
Pasta mit Resten vom Zitronen-Huhn
Salat
Ach als Reste-Huhn noch ausgezeichnet
*) ich saß heute mit einem Ottolenghi-Kochbuch in der Sonne. Ich kann also nicht versprechen, dass es diese Woche noch was anders geben wird. Wer Ottolenghi nicht ausstehen kann, sollte ein paar Tage vorspulen.
Ein Huhn, ein Huhn,
der Koch hat nichts zu tun,
er brät bloß schnell ein Frühstücksei,
den Rest des Tages hat er frei
Es ist eigentlich nicht zu glauben, aber ich habe noch NIE das Marcella-Hazan-Wahnsinns-Zitronen-Huhn gemacht (und auch nicht gegessen). Bevor ich jetzt mit meinen Zitronen wie geplant eine Zitronenbutter mache, die ich dem Huhn – nach Herrn Ottolenghi – unter die Brusthaut juble, muss ja wohl erstmal das Original her. Keine Linkliste für dieses Rezept wird jemals vollständig sein. Das ist aber egal, weil das Rezept ganz einfach ist, und niemand traut sich, daran auch nur ein Fitzelchen zu ändern. Ich glaube auch, er würde gelyncht.
Wie stellt man sich einem Knoblauch vor? Soll ich ihn duzen oder siezen? Spricht er überhaupt deutsch? Auf jeden Fall meint Herr Ottolenghi bei seinem Gericht: »Außerdem macht er [der Begleiter, das Gericht] Sie auf leckere Weise mit schwarzem Knoblauch bekannt, falls Sie einander noch nicht vorgestellt wurden.« Nein, sind wir nicht, aber das wird sich ja jetzt ändern. Zusammen mit braunem Reis und karamellisierten Zwiebeln (»Nur nicht zu zaghaft beim Karamellisieren der Zwiebeln sein – je dunkler, desto süßer ihr Geschmack.«) Aber ich weiß halt auch: Je schwärzer, desto bitterer ihr Geschmack, also aufgepasst.
Leider gibt es das Rezept nicht im Internet*), aber es ist einfach genug, um es hier zu notieren. Ottolenghi meint, es sei »ein fabelhafter Begleiter zu Lamm- oder Schweinefleisch, in Begleitung von rohem oder gedämpften Gemüse aber auch ausgezeichnet als eigenständiges Gericht«.
Brauner Reis mit karamellisierten Zwiebeln und schwarzem Knoblauch (Ottolenghi, Simple, S. 180, für 4 als Beilage)
In einer großen Pfanne (mit passendem Deckel) 3½ EL Sonnenblumenöl auf mittlere bis hohe Temperatur aufheizen. Dann 2 große Zwiebeln (500g), geschält und in 2cm dicke Spalten geschnitten, mit ¼ TL Salz dazugeben und 12 min braten (ab und an umrühren), die dünn abgeschnittene Schale einer Zitrone**) untermengen und weitere 12 min garen, bis die Zwiebeln kräftig gebräunt und karamellisiert sind – auf einem Teller beiseitestellen.
1 EL Öl in der Pfanne erhitzen, 200g braunen Reis (gewaschen) mit ½ TL Salz unter ständigem Rühren 1 min anbraten. Dann 500ml Wasser zugießen, zum Kochen bringen und den Reis zugedeckt bei schwacher bis mittlerer Hitze etwa 45min köcheln lassen, bis er gar ist. Vom Herd nehmen, die Zwiebeln, 2 EL Zitronensaft und 10 in dünne Scheiben geschnittenen Zehen schwarzen Knoblauch unterziehen. 150g griechischen Joghurt und 10g gehackter Petersilie unterrühren oder Joghurt getrennt dazu servieren.
Vom Metzger eingelegte! dünn geschnittene! Scheiben von Lammkeule (was man aus Faulheit nicht alles macht, na ja – als Beilage)
Noch nicht richtig umgerührt
*) nicht im deutschen Internet, aber im englischen (bei everopensauce.com) und in den Niederlanden gibt es die Seite zwarteknoflok.nl mit dem und vielen anderen Rezepten mit zwarte knoflok – und man kann im Menu auf Englisch umstellen, wenn das eigene Holländisch nicht reicht.
**) ich habe die Zitronenschale fein gerieben, wie man das halt so macht. Auf dem Bild im Buch sieht man aber – leider zu spät – lecker angebratene Streifen von Zitronenschale – schade. Zu meiner Entschuldigung könnte ich sagen, dass es im holländischen Rezept »schil fijn gerasp« heißt und auf englisch »peel finely shaved«. Ich fühle mich rehabilitiert, würde es nächstes Mal aber doch »auf deutsch« probieren.
Warum salzen wir eigentlich nicht ärmlich? Reichlich zu salzen scheint eine weitverbreitete Übung vor allem unter Pasta-Köchen zu sein. Man salzt, als wäre man reich, was man natürlich in der Regel nicht ist. In der Regel ist man arm. Es macht deshalb wohl keinen Sinn ärmlich zu salzen, als wäre man arm, wo man es doch eh schon ist. Bis vor ein paar Jahren mag es noch sinnvoll gewesen zu sein, spärlich zu salzen – als müsste man sparen. Seit der Null-Zins-Politik der Europäischen Zentralbank ist das allerdings auch Geschichte. Das alles ist keine gute Nachricht für unseren zu hohen Bluthochdruck. Vielleicht können wir uns darauf einigen, ausreichend zu salzen, also genug (aber – in Deutschland – halt auch: Note 4, setzen). Hinreichend, also nicht zu viel und nicht zu wenig – das wäre das Ziel, aber bitte: wer sagt schon »hinreichend«? Kann mir mal jemand das Salz hinreichen?
Remoulade (aus mir im Moment unersichtlichen Gründen benutze ich dafür nicht den obigen Link, sondern ich frage Frau Lotta)
Ofenkartoffeln
Vorsicht! Kein Fleisch!
*) Was natürlich nicht in dem Rezept steht, ist die geniale Zusammensetzung der Semmelbrösel aus Roggenmischbrot, hellem Ciabatta, dunklem Weizen-Landbrot und bröseligen Industrie-Brötchen, angereichert mit einem Löffel gemahlenem gerösteten Altbrot. Ich hab leider vor dem Mahlen nicht gewogen, weil: Wenn Sterneköche panieren würden …
Ich bin ein Gutmensch. Zero Waste ist genau mein Ding. Nose To Tail. Wie heißt das nochmal bei Gemüse? Leaf To Root. Geil! Jede verschrumpelte Karotte, die ich nicht wegwerfe, rettet ein kleines süßes Ferkelchen vor dem bösen Onkel mit dem schrecklich scharfen Messer. Oder so ähnlich. Und was macht man, wenn man noch eine halbe Fenchelknolle im Kühlschrank hat und einen Rest Gorgonzola? Normale Menschen sind dann völlig verzweifelt und werfen beides weg. Wenn man Glück hat, getrennt in Kompostierbares und Nichtkompostierbares und Verpackungsmüll. Wenn man Pech hat alles zusammen in einer Plastiktüte zum Restmüll. Aber ein Gutmensch wie ich bittet Frau T, vom Einkaufen eine Birne mitzubringen. Ha! Mehr einkaufen, weniger wegwerfen – das lass ich mir patentieren. Das Problem ist nur, dass Frau T. zwei bringt. Was mach ich jetzt mit der zweiten Birne? Vielleicht ess ich sie einfach auf – mal sehen. Ich hoffe, das gilt auch.
Küchentagebuch, Donnerstag, 15. April 2021
Tortiglioni in Birnen-Gorgonzola-Sahne (Details bei lecker.de und ja: Der Fenchel kommt da auch rein! Und nein: Sahne kommt keine rein. Aber bitte, ich hab den Namen nicht erfunden.)
Salat (wenn was weg muss, kenn ich keine Gnade)
Erstaunlich lecker für Rumfort (alles was rumliegt und fort muss)
Ich wollte mir eigentlich sowas nie mehr ansehen: Gluten, der Feind in unserem Brot auf arte. Ich bin nicht betroffen von dieser grassierenden Weizen-Unverträglichkeit, aber ich bin betroffen davon, in der Flut von Halbwahrheiten zu ertrinken, die über dieses Thema unterwegs sind. Ich muss zugeben, dass ich diese Beschwerden gelegentlich schon – da nicht betroffen – ein bisschen überheblich als Laktose-Intoleranz für Fortgeschrittene bezeichnet habe. In dieser Sendung kommt ein neuer, aber wohlbekannter Feind ins Spiel: Glyphosat. Das mag jetzt erst mal abwegig klingen, aber der Film ist relativ unaufgeregt und manche Argumente leuchten mir ein. Zum Beispiel: Hartweizen wächst bekanntlich in eher warmen Gebieten. Kanada ist Weltmarktführer bei Hartweizen. Kanada ist eher nicht als tropischer Fleck auf der Weltkarte bekannt. Also müssen kanadische „Farmer“ (Industriebetriebe) ein bisschen nachhelfen. Hilfreich ist dabei, dass es erlaubt ist, Glyphosat auch noch kurz vor der Ernte zu spritzen. In vielen Produkten, in denen man es nicht erwartet (z.B. in Bier aber auch in „italienischen“ Nudeln), wird deshalb ein bedenklich hoher Glyphosat-Gehalt gemessen. Vielleicht ist das Gluten gar kein so ein großes Problem bei der Gluten-Unverträglichkeit. Ich bin kein Experte, aber wer knapp 1 ½ Stunden Zeit hat …
Küchentagebuch, Mittwoch 14. April 2021
Rheinische Schneidebohnen (milchvergoren, als Fertigprodukt; man kann das aber auch selbst fermentieren – bei Petra,[/Edit: hier waren zwei Links, die ich gelöscht habe, da eine(r) der beteiligten darum gebeten hat]. Ich dachte immer, meine Eltern hätten erheblich länger fermentiert, aber ich kann mich natürlich täuschen)
Kassler
Salzkartoffeln
Ich weiß nicht, wie Rheinländer das ohne unsere Kartoffeln essen
Irgendwann mal wird es eine Welt geben, in der an Juri Gagarin in allen Ländern als erstem Menschen im Weltraum gedacht wird und nicht als Prestige-Erfolg „der Russen“. Es wird dieselbe Welt sein, in der Impfstoffe an alle Länder verteilt werden. In der es keine Rolle spielt, dass Biontech eine (auch) deutsche Firma ist oder AstraZeneca eine (auch) britische. Diese Welt gibt es noch nicht. Was es aber gibt sind internationale Blogbuster. Rezepte, die die Foodblogger-Sphäre gewaltig aufgemischt haben und reihenweise nachgekocht oder nachgebacken wurde. Das heißt: Gibt es die tatsächlich noch? Auf jeden Fall gab es sie mal, und die Ricotta-Gnocchi von delicious days gehören dazu und heute ist der richtige Tag, ihrer zu gedenken.
Küchentagebuch, Dienstag 13. April 2021
15-Minuten-Ricotta-Gnocchi (ich habe die damals in Zorras Kochtopf entdeckt)
Mir sind Schallplatten lieber als Youtube. Gut, Schallplatten in dem Sinne gibt es ja kaum noch, ich meine halt das, was man nur hört und nicht das, was man hört und sieht. Aber wenn ich schon zugucken muss, dann seh ich lieber Klassik als Rock, die Leute dort sind einfach immer besser angezogen, haben sich richtig fein gemacht und benehmen sich dementsprechend gut. Die meisten, vor allem die Cellisten, sind auch immer sehr ergriffen von dem, was sie da tun, so dass man ein bisschen ein schlechtes Gefühl hat, wenn man Na ja denkt. Die Lisa Batiashvili seh ich gerne, nicht weil sie so schön geigt, das würde ich ja auch hören, nein, weil man sieht, wie lange sie geübt hat, und wie sehr sie sich freut, das endlich auf der Bühne mit dem Orchester zusammen zu zeigen. Zum Beispiel in dieser Aufführung des Violinkonzerts von Tchaikovsky; allerdings hat sie hier auch eine Locke, die ihr vor allem im zweiten Teil immer wieder über die Augen fällt. Und ich sitze da und leide mit ihr und warte, bis sie abbricht, zum Orchesterchef sagt, Sorry und sich eine Haarspange holt. Ich hab mir den Clip jetzt schon oft angesehen und bis jetzt ist es nie vorgekommen, aber wer weiß… Schön ist es aber allemal und vielleicht macht es ihr ja gar nichts aus.
Küchentagebuch, Montag 12. April 2021
Gebratener Chicorée mit Sahne und Speck (Sahne klingt gut, Speck klingt noch besser – bei Edeka via Küchenlatein)
Ich glaube, man ist alt, wenn einem bewusst wird, das diese Dreckspandemie wahrscheinlich in zwanzig, dreißig Jahren besser in die eigene Lebensplanung gepasst hätte. Oder dass man sich dabei ertappt, bei Sophie Passmann immer wichtig mit dem Kopf zu nicken und zu denken Ich hab’s ja immer schon gesagt (nur halt weniger klug und weniger pointiert), dass es einen aber nicht mehr richtig betrifft. *)
Küchentagebuch, Sonntag 11. April 2021
Chinesisches Orangen-Huhn (bei Foodfreak, Zitat: »Huhn süß-sauer für Fortgeschrittene«, und ich kann nicht einmal die Anfängerversion)
Reis
Orangen-Quark (wenn schon Orange …)
Fortgeschritten? Super-Advanced, Super-Delicious
*) die Generation, die das Leben vor dem Internet nicht mehr kennt, ist – anders. Frau Passmann heute in der SRF-Sendung „Sternstunde Philosophie“ auf die Frage, wie sie sich ein Leben ohne Internet vorstelle: Ich wäre wohl erheblich dümmer, aber glücklicher.