Grünkohl, Pasta, Parmesan

Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich lange gar nicht auf die Idee gekommen wäre und mich dann lange nicht getraut habe, im Live-Modus der Mediatheken zurückzuspulen. Bitte, ich bin mit Radio groß geworden, ganz ohne Fernsehen, und hab eigentlich den Umstieg auf Farb-TV noch gar nicht verdaut. Und dann das! Die Zeit zurückdrehen, dann hat ja im Prinzip jeder seine eigene Realität. Jeder. Wahrscheinlich gibt es deshalb so viele Rundfunkanstalten, dass nicht eine all diese 81,3 Millionen Gegenwarten allein in Deutschland verwalten muss. Man sieht ja schon an diesem Satz, dass eigentlich für die eine Gegenwart gar kein Plural vorgesehen ist – vielleicht versündige ich mich ja beim Spulen an den Grundfesten unserer Welt und bin zumindest zum Teil für all die Vulkanausbrüche, Hochwasser- und Großbrand-Katastrophen mitschuldig. Ein Bekannter hat mir jetzt geraten, einfach nicht mehr darüber nachzudenken und mir erst dann Sorgen zu machen, wenn ich vorspulen kann.

Küchentagebuch, Freitag 21. Januar 2022

Da ich mir bei der Ernte schier die Finger angefroren sind, kanns am Frost, der laut der Bevölkerung hier für den Grünkohl unabdingbar ist, nicht fehlen

Bamberger Hörnchen, Zwiebeln, Misobutter

Ich musste mich in der Quarta (das war damals die Bezeichnung der Schulklasse) entscheiden, ob ich Latein oder Französisch lernen wollte. Aus heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen habe ich mich für Latein entschieden. Vielleicht wollte ich ja mal Altertumsforscher werden, wer weiß. Es hat aber nicht lange gedauert, bevor ich es bereut habe, vor allem weil kaum eine der französischen Austauschschülerinnen Latein konnte. Also habe ich noch eine Fakultativ-Kurs Französisch belegt, der – weil die Austauschschülerinnen wegblieben? – nicht lange gedauert haben kann. In der allerersten Stunden allerdings war da das Wort „Büstenhalter“ (soutien-gorge) und der feixende Lehrer, der uns erklärte, dass das wörtlich übersetzt „Gurkenhalter“ bedeute. So bin ich all die Jahre mit dem Wissen ganz gut gefahren, dass FranzosInnen ein eher rustikales Verhältnis zu ihrem Körper pflegen. Bis ich jetzt im hohen Alter erfahren muss, dass er höchstens „Gurgel-Halter“ gesagt haben kann, denn gorge heißt im Wörterbuch „Hals, Schlund, Gurgel, Kehle, Rachen, Klamm, Schlucht“ und aus unerfindlichen Gründen halt auch „Busen“. Aber so ganz falsch lag ich mit dem rustikalen Verhältnis dann doch nicht, denn zum Beispiel das Wort für Strumpfhose (le collant) gibt es auch als Adjektiv und bedeutet dann „leimig, klebrig, aufdringlich und enganliegend“. Vielleicht sollte ich mich mehr mit dem Thema Unterwäsche in der französischen Sprache mitsamt dessen Auswirkungen auf die Finanzmärkte auseinandersetzen.

Küchentagebuch, Donnerstag 20. Januar 2022

  • Bamberger Hörnchen (schrubben, kochen, in Butter braten)
  • Zwiebeln in Miso-Butter (Ottolenghi, Flavour, 258; überall im Netz – z.B. Uwe oder Kati)
  • Fenchel-Orangen-Salat (Anregungen z.B. beim SWR, bei eatbetter.de oder mamas-rezepte.de)
  • (Gott sei Dank) immer noch Orangen-Buttermilch-Mousse

Risotto, Fenchel, Ziegenkäse

Ich war erst einmal in Brasilien und kann mich nicht an ein einziges Frühstück erinnern. Na ja, wenn das Frühstück „café da manhã“ (Morgenkaffee) heißt, wird’s wohl auch keinen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Allerdings ist Name ja Schall und Rauch, und man hat ja ein Internet und kann ja mal nachschauen, ob die tatsächlich nur Kaffee trinken. Antwort: im wesentlichen ja. In einem Artikel auf yourtripagent.com hat mich dann aber folgendes verwirrt: „Obwohl Brasilianer im Allgemeinen eine Mahlzeit nicht als wichtiger einstufen als die andere, ist das Frühstück eiliger und einfacher als das Mittagessen, das viel geselliger, vielfältiger und für etwa eine Stunde langweilig ist„. Das bringt mich zur Frage, wie langweilig ist, also wie lange ist die Weile, die wir fürs Essen aufwenden, in der Pandemie geworden? Hat das Einfluss auf die Esskultur? Wurden zuhause mehr oder weniger Tiere gegessen, mehr oder weniger Wein getrunken? Es wird noch viel zu erforschen geben, wenn das Virus sich endlich verkrümelt hat und die Wissenschaftler keine Inzidenzen mehr berechnen müssen. (In Portugal heißt das Frühstück immerhin schon mal pequeno-almoço, das kleine Mittagessen oder – auf französisch – petit dejeuner.)

Küchentagebuch, Mittwoch 19. Januar 2022

  • Risotto (fast) milanese (zu kalt um Markknochen kaufen zu gehen )
  • Karamellisierter Fenchel mit Ziegenquark (von Ottolenghi, Rezept z.B. Bei Petra, Ziegenkäse mit Joghurt gemischt schmeckt auch)
  • Buttermilch-Mousse mit Blutorangen (bei Fool for Food)

Schupfnudeln, Spitzkohl, Meerrettich

Dass immer mehr Links ins digitale Nirwana führen – Blogs verwaisen und werden aufgegeben oder umgestellt (kuechenlatein scheint ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben) – wirft mein Konzept des Küchentagebuchs ein bisschen über den Haufen. Ich werde mich wohl im Blog-Sabbatical hinsetzen müssen und allen Links nochmals folgen und die Rezepte notfalls irgendwo abspeichern. So stellt man sich ein Sabbatical nicht vor. Aber bevor jetzt das große Jammern über den Niedergang der Blogkultur beginnt: ich hab das jetzt auch mit einem Buch erlebt! Na ja, nicht mit einem richtigen Buch. Letztes Jahr habe ich in der Onleihe die Herbst-Ausgabe der Jahreszeiten-Kochschule von Katha Seiser et al. entdeckt und daraus irgendeinen Puffer nachgekocht, in dem Sauerkraut vorkam und der Frau T. sehr gemundet hat. Als ich jetzt Sauerkraut übrig hatte und es mal wieder an der Zeit war, Frau T. eine Gefallen zu tun – nüscht. Gibt´s (in der Onleihe) nicht mehr. Und dann gab es auf der Seite des Verlags nur alle Jahreszeiten im Bundle. Ein Gefallen, der 120 € wert gewesen wäre, ist mir aber nicht eingefallen *). Gut, ein „richtiges“ Buch ist halt doch was anderes. Aber wer weiß – schaut vorsichtshalber nochmal im Regal nach, bevor ihr Pläne schmiedet.

*) Zumindest bei Amazon gibt’s auch die Einzelausgaben; für Mutige auch als e-book

Küchentagebuch, Dienstag 18. Januar 2022

an der Anzahl Pfannen solls nicht scheitern

Pasta, Tomatensauce, Gurkensalat

Der gestrige Sonntag – grau, Nieselregen, norddeutsch – war ohnehin nicht dazu geeignet, Glücks- oder wenigsten Wohlfühl-Hormone auszuschütten. Aber was macht man an so einem Tag? Fernsehen? Ja, aber bitte ohne aktuelles Zeugs. Und ohne Royal Highness weltweit. Und ohne Sport, wie Olympia, Katar, Schweizer Staatsanwälte – das ertrage ich gerade nur schlecht. Also 3Sat. Carl Amery hatte in einem Vortrag von 1988 (Vom Ende der Natur) ganz offensichtlich die Hoffnung schon aufgegeben. Eloquent, präzise, und – in der Not – sehr zynisch. Der Mensch, so viel wird klar, ist nicht dazu geeignet, irgendwas aufzuhalten. Unter anderem, weil er es nicht begreift, oder nicht begreifen will, oder beides. Dann anschließend Nano (vom 14. Januar, Das Tötungsverbot von Küken hat Folgen). Man sagt ja immer, die seien „geschreddert“ worden. Nein, sie wurden vergast, tiefgefroren, in Kisten verpackt und dann zum Beispiel nach Olching verschickt. Dort gibt es ein Unternehmen, bei dem Zoos, Falknereien, Greifvogel-Auffangstationen ihr Tierfutter einkaufen. Eingekauft haben. Die werden jetzt erstmal aus Spanien importiert. Als Alternative hat man ja den Bruderhahn ausgerufen. Der rechnet sich (für die Geflügelindustrie) aber nicht. Wird jetzt oft nach Polen exportiert, dort anstatt ausgemergelter Suppenhühner hochgepäppelt – und nach Afrika exportiert. Dass dort die einheimischen Geflügelzüchter schon lange nicht mehr wettbewerbsfähig sind – geschenkt, Bruder Hahn ist gerettet. Und abends Chicken Wings. Die Woche hat einiges wieder gut zu machen. Wer päppelt mich hoch?

Küchentagebuch, Montag 17. Januar 2022

Chicken Wings, Cole Slaw, Brezeln

Ich habe heute – kein Scherz – zum ersten Mal das Wort „Maskulinist“ gelesen. Zuerst bin ich natürlich darüber erschrocken, was für ein Hinterwäldler ich doch bin. Aber dann habe ich die beiden Wörter Feminismus und Maskulinismus in Google NGrams verglichen. Gut, das Wort Maskulinismus kommt schon vor, aber verglichen mit Feminismus ist es praktisch unsichtbar; gebildete Menschen würden wahrscheinlich sagen: negligabel. Und das Wort Maskulinist kommt in Google Books-Büchern gar nicht vor, ganz zu schweigen von Maskulinistin. Abgesehen von der Tatsache, dass es natürlich Klugscheißer gibt, die meinen, es müsse Maskulismus heißen ( „Es heißt ja auch Feminismus und nicht Feminin-ismus„), scheint man sich auch überhaupt nicht einig, worum es geht. Mediziner bezeichnen damit „das Vorhandensein oder die Ausbildung weiblicher Geschlechtsmerkmale beim Mann oder beim männlichen Tier“, viele sehen darin einfach eine Bewegung des Antifeminismus, und auch weinerliche Chatgruppen im Netz, die den Verlust der Männerrechte beklagen, nennen sich so (der Freitag gibt einen Überblick). Dabei geht es doch eigentlich um die wichtigen Fragen: Gibt es denn in besseren Restaurants inzwischen eine Herren-Karte ohne Preise?

Küchentagebuch, Sonntag 16. Januar 2022

  • Chicken Wings (mit der Loin Rib-Marinade von Johannes Guggenberger)
  • Cole Slaw (Originalrezept von KFC – Zumindest laut den Herren – und Damen? – vom Grillsportverein)
  • norddeutsche Breze(l)n
mit den „Blumenkohl-Wings“ einfach nichtbzu vergleichen

Scallops, Süßkartoffeln, Sauerkraut

Eigentlich wollte ich heute Ćevapčići machen, mit Djuvec-Reis und vielleicht vorher eine serbische Bohnensuppe. Es ist ja offensichtlich Serbien-Woche. Und das liegt nicht daran, dass Novi Sad gerade europäische Kulturhauptstadt geworden ist, sondern an „Novax“ Djokovic, einem – man sagt begabten – Tennisspieler, oder Jesus, je nachdem. Auf jeden Fall habe ich die Tage wie jeden Morgen mein iPad angeknipst, die SZ-App gestartet und bin – noch im Halbschlaf – wegen einer Katastrophen-Meldung aufgeschreckt: — Eilmeldung — Djokovic wieder auf freiem Fuß (vielleicht ein klitzekleines bisschen weniger dramatisch, aber kaum). Nachdem ich halbwegs verstanden hatte, worum es ging, habe ich das iPad zugeklappt und bin weinend wieder unter die Bettdecke geschlüpft. Vor nicht allzu langer Zeit wäre das ein Einzeiler im Sportteil gewesen, den man hätte überblättern und beim nächsten Friseur-Besuch mit einer anderen Lektüre vertiefen können.

Küchentagebuch, Samstag 15. Januar 2022

die Sauerkraut-Süßkartoffel-Kombination muss man mögen, Scallops und Prawns muss man mögen

Sellerie, Zwiebelsauce, Nudeln

Menschen, die irgendwo auf der Welt sitzen und aus dem einen oder dem anderen Grund Deutsch lernen müssen oder wollen, tun mir unendlich leid. Denn – machen wir uns nichts vor – Deutsch ist nicht gerade eine der einfachsten Sprachen der Welt. Gestern hat mich ein Italiener gefragt, warum es heißt „Darf ich Sie eine Frage stellen?“ aber „Darf ich Ihnen etwas fragen?“ Ich konnte nur sagen: Andersrum. Und: ich weiß es nicht. Es ist halt so. Ich hab noch nie darüber nachgedacht, muss irgendwas mit Akkusativ und Dativ zu tun haben – und bitte: frag nicht weiter. Und am selben Tag musste ich feststellen, dass man als Deutsch-Lernender auch noch veräppelt wird. Im Deutschkurs für Spanier (oder wahrscheinlich Mexikaner) gibt es die schöne Übung: „Un esquí y un zapato“, was auf Deutsch übersetzt wird als „ein Schi und ein Schuh“. Jetzt sitzt also irgendwo jemand am Strand und trällert „ein Schiie und ein Schuhu und ein Schubidu!“ und denkt, er hätte hier eine wichtige deutsche Redewendung vor sich, die er zwar (noch) nicht versteht, aber irgendwann! Oder: „Ninguna cerveza antes de las cuatro“ oder halt auch: „Kein Bier vor vier!“ Ein Volk der Dichter und Denker.

Küchentagebuch, Freitag 14. Januar 2022

  • Sellerieschnitten mit krosser Senf-Kräuterkruste und einer Zwiebel-Rahm-Sauce (von Herrn Grün)
Vorsicht, meine dunklen Semmelbrösel sind im Ofen noch dunkler geworden – komisch

Kassler, Spätzle, Sauerkraut

Fast ist es ein bisschen schade, dass es das Küchentagebuch schon bald nicht mehr geben wird (ungefähr noch achtzehn Tage). Ich hätte meinen Hintern verwettet, dass es hier mindestens dreimal in der Woche Spätzle mit Sauerkraut gibt. Den wär ich jetzt los. Denn statt dreimal in der Woche sind es tatsächlich dreimal im Jahr! So kann man sich täuschen und so weit bin ich offensichtlich schon von meinen schwäbischen Wurzeln entfernt, dass ich mehr Kartoffeln als Spätzle esse und Kassler dazu mache anstatt Ripple. Aber wie sagt Frau T.? „Ich freu mich jetzt, dass es das heute gibt, aber richtig vermisst habe ich es nicht.“ Ich nehme das jetzt mal als Kompliment für die Vielfalt. Und ich gebe das an das Internet weiter, das das heute möglich macht. Wahrscheinlich hätte meine Mutter auch Ottolenghi gekocht, wenn das Internet damals nicht – wenn überhaupt – per Modem und 300 Baud zugänglich gewesen wäre. (Auf ARTE gibt es eine schöne Serie – Jurassic Web – über die Anfänge)

Küchentagebuch, Donnerstag 13. Januar 2022

  • Sauerkraut (gibt’s hier öfter, hier zum Bespiel)
  • Kassler, Wiener, Spätzle (was halt so dazu gehört)
vieel zu selten

Gebacken: mein Zufalls-Rezept-Mischbrot

ich hab „mein“ Brot (aus allen möglichen Mehlresten) wiederhergestellt – demnächst mach ich eine Bäckerei auf

Asia, Schweinehack, Erdnuss-Sauce

Wenn sich vielleicht Anthropologen und Ökonomen mal zusammensetzen würden. Unter der Überschrift „Je weniger Arbeit, desto besser“ berichtete die SZ (Bezahlschranke?) von einem Trend unter Anthropologen, die bezweifeln, dass die Erfindung der Arbeit wirklich die Erfolgsgeschichte eingeleitet hat, als die sie uns immer „verkauft“ wird. Es ist ja erst schlappe elftausend oder zwölftausend Jahre her, dass fröhlich vor sich hin wandelnde, Beeren pflückende und Wurzeln kauende Menschen sich einen Acker kauften und fortan im Schweiße ihres Angesichts karge Böden durch den Einsatz von viel zu viel kräftezehrender knüppelharter Arbeit halbwegs urbar machten, um sich dann knapp über dem Ernährungsminimum von langsam faulenden Kartoffel-Wedges zu ernähren. Wobei es ursprünglich ja eigentlich nur Weizen gab; Weizen und nochmals Weizen. All das hat ja Yuval Harari in seinem Bestseller „Eine kurze Geschichte der Menschheit“ ausführlich geschildert und wird jetzt von James Suzman („Sie nannten es Arbeit“) gestützt. Jäger und Sammler haben demnach pro Woche etwa 15 Stunden für die Nahrungssuche aufgewendet. Das könnte ich mir auch vorstellen, und in der restlichen Zeit … Dafür bräuchte ich jetzt die Ökonomen, von denen in dieser ganzen Zeit – außer: Wachstum – nur wenig brauchbare Ideen bekannt geworden sind. Wer setzt denn dann mein neues iPhone zusammen, damit ich in der restlichen Zeit kein Video auf TicToc verpasse?

Küchentagebuch, Mittwoch 12. Januar 2022

  • Asia-Pasta mit Schweinehack und würziger Erdnusssauce (Kürzlich bei Chili&Ciabatta 🌶 hat recht: Schnell gemacht und sehr lecker) mit überschaubarer Zutatenliste.
  • Gurkensalat mit asiatischem Dressing (z. B. zwergenprinzessin.com)
Gut und schnell, was will man mehr? Mehr!
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